Bertelsmann-Studie

An Berliner Brennpunktschulen besonders viele Quereinsteiger

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Weil sogenannte Laufbahnbewerber solche Schulen oft umgehen, müssen Quereinsteiger ran.

Auch für die Spreewald-Grundschule in Schöneberg finden sich kaum noch klassisch ausgebildete Lehrer

Auch für die Spreewald-Grundschule in Schöneberg finden sich kaum noch klassisch ausgebildete Lehrer

Foto: Reto Klar

Berlin. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Thema Quereinsteiger an Berliner Grundschulen untermauert, was viele in der Stadt längst ahnten: Quereinsteiger sind gehäuft an Schulen anzutreffen, die als gemeinhin eher schwierig gelten – den Brennpunktschulen. Das liegt daran, dass normale Lehrkräfte (sogenannte Laufbahnbewerber) solche Schulen oft umgehen. „Dort, wo Lehrkräfte sich direkt an einer Schule bewerben können, meiden Absolventen die Schulen in sozialen Brennpunkten“, heißt es in der Studie.

Die Zahl der Schulen ohne Quereinsteiger sinkt

Die Folge: „An Schulen, die einen hohen Anteil an Schülern mit Lernmittelbefreiung aufweisen, unterrichten Quereinsteiger besonders häufig.“ Lernmittelbefreit sind Schüler aus Familien, die von Sozialtransfers leben. Auch Grundschulen mit einem hohen Anteil Kinder aus nichtdeutschen Elternhäusern haben einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Quereinsteigern. Außerdem Schulen mit hohen Fehlzeiten unter Schülern.

Die Studie zeigt aber auch, dass sich die Zahl der Grundschulen ganz ohne Quereinsteiger reduziert hat. Waren es 2016/17 noch 30,4 Prozent, sind es ein Jahr später nur noch 16,2 Prozent. Zeitgleich ist die Zahl der Grundschulen, die mehr als 10 Prozent an Quereinsteigern im Kollegium haben, gestiegen: von 8,4 Prozent 2016/17 auf 20,4 Prozent im Jahr darauf.

Dass sich Quereinsteiger auch in bestimmten Bezirken ballen, hatte Anfang des Jahres schon eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck gezeigt. Dort fiel auf, dass die Bezirke Spandau, Lichtenberg, Mitte und Neukölln im Schuljahr 2017/18 überdurchschnittlich hohe Zahlen an Quereinsteigern hatten – zwischen 5,5 bis 6,2 Prozent. Im Schuljahr 2018/19 kam nun erstmals das Problem der LovLs dazu – der Lehrer ohne volle Lehrbefähigung. 489 unterrichten dieses Jahr an Grundschulen, mehr als Quereinsteiger.

Scheeres: "Einstellung von Quereinsteigern ist alternativlos"

Die Bertelsmann-Studie bescheinigt der Schullandschaft häufig eine Bereicherung durch die Quereinsteiger. Die Verteilung müsse allerdings besser gesteuert werden. Von einem „monetären Anreizsystem“ rät man allerdings ab. Man müsse vielmehr Brennpunktschulen wieder zu attraktiven Arbeitsorten machten, indem man sie besonders gut ausstatte. Solche Schulen sollten auch mehr Freiheit und Mittel erhalten, pädagogisches Personal für einen begrenzten Zeitraum als Entlastung einzustellen. Außerdem schlagen die Autoren der Studie vor, eine „maximale Quote für Quereinsteiger pro Schule“ festzulegen. Eine Schule, die keine oder kaum Quereinsteiger in ihren Reihen habe, könne dann „eine gewisse Zeit mit einem Aufnahmestopp für grundständig ausgebildete Lehrer belegt werden“.

Bei der Senatsverwaltung für Bildung weist man diese Idee zurück, sie funktioniere bei einem Stadtstaat wie Berlin nicht. Man müsse eine Abwanderung nach Brandenburg befürchten, wenn Bewerber eine ihnen nicht passend erscheinende Schule zugewiesen bekämen. Ansonsten bringe die Studie wenig Überraschendes hervor, heißt es. „Die Einstellung von Quereinsteigenden ist alternativlos“, so Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Dass diese Situation für Schulen und die neuen Lehrkräfte anstrengend ist, steht außer Frage.“

Die Diskussion um die Verteilung von Quereinsteigern bringt auch das Thema Verbeamtung von Lehrern wieder auf. So forderten die Spandauer SPD-Politiker Swen Schulz und Helmut Kleebank, darüber nachzudenken. Denn diese Lehrer könnten dann einer Schule zugeteilt werden.

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