Ausbildung in Berlin

"Viele Bewerber sind fixiert auf ihre Wunschberufe"

Die Betriebe stellen hohe Anforderungen, auch die Bewerber sind wählerisch: Die Politik soll Brücken bauen, fordert die IHK.

Firmenchef Jürgen Kling ist froh, dass Azubi Liza Wohlgemuth über das Berliner Ausbildungsmodell ins Unternehmen kam

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Foto: jörg Krauthöfer für BERLINER MORGENPOST

Berlin. Angesichts des neuen Rekordhochs an unbesetzten Lehrstellen in Berlin fordert die Wirtschaft stärkere Anstrengungen des Senats. „Die Politik ist am Zug, neue Anreize zu schaffen, um die duale Ausbildung für Jugendliche attraktiver zu machen“, sagte die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK), Beatrice Kramm, am Mittwoch.

Gut 14 Tage nach dem Start in das neue Ausbildungsjahr sind noch immer 5722 Lehrstellen bei Berliner Unternehmen unbesetzt. Im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt sei das ein Plus von 25 Prozent, sagte Kramm. Gleichzeitig erreichte auch die Zahl der unversorgten Bewerber einen neuen Höchststand: Derzeit suchen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit noch immer 6773 Jugendliche in Berlin eine Lehrstelle. 2017 lag die Zahl der jungen Menschen, die bei der Suche leer ausgegangen waren, noch bei 6264. Viele Bewerber seien fixiert auf Wunschberufe, sagte der Chef der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Arbeitsagentur, Bernd Becking, der Berliner Morgenpost. Zugleich setzten aber auch viele Ausbildungsbetriebe die Messlatte sehr hoch.

Schulische Ausbildungsgänge sind große Konkurrenz

In Berlin hat die Wirtschaft in diesem Jahr aber bereits mehr Angebote gemacht: 2018 seien mit 15.553 Ausbildungsplätzen so viele Lehrstellen wie nie zuvor ausgeschrieben worden, so die IHK. Beatrice Kramm sieht nun die Politik in der Pflicht, die duale Ausbildung zu stärken. Der Senat solle sich im Bundesrat dafür einsetzen, dass Gehälter von Azubis nicht länger mit eventuellen Hartz-IV-Ansprüchen der Familien von Auszubildenden verrechnet werden. „Im Vergleich etwa zu vollzeitschulischen Ausbildungsgängen, bei denen es keine finanziellen Einbußen für eine Familie im Hartz-IV-Bezug gibt, gerät die betriebliche Ausbildung ins Hintertreffen“, erklärte Kramm.

Vor allem Jugendliche, die nach ihrem Schulabschluss nicht genau wissen, was sie werden wollen, flüchten sich nach Angaben der Kammer verstärkt in die sogenannten vollschulischen Ausbildungsgänge. Die Plätze an den Oberstufenzentren (OSZ) in der Stadt seien für viele Berufsabschlüsse ausgebucht, klagt die Kammer. Weil es die jungen Menschen weiter auf die Schulbank zieht, fehlen den Unternehmen allerdings die regulären Azubis. Laut IHK ist auch die frühere Bewerbungsphase für die Oberstufenzentren ein Problem. Dort würden die Plätze für die schulischen Ausbildungsgänge bereits im Frühjahr vergeben. Die Firmen hingegen besetzen ihre Lehrstellen erst im Spätsommer. Kramm forderte auch, in den schulischen Ausbildungsgängen so viele Plätze zu streichen, wie in den betrieblichen Lehrgängen frei bleiben.

Pilotprojekt hilft Jugendlichen Ausbildungsstelle zu finden

Ohnehin haben nach laut Kammer viele Jugendliche in den schulischen Ausbildungsgängen auch Chancen auf eine reguläre Ausbildung. Das habe das Pilotprojekt „Berliner Ausbildungsmodell“ (BAM) untermauert. 2017 hatten 87 Jugendliche am BAM teilgenommen. 50 seien letztlich aus der Orientierungsphase in eine betriebliche Ausbildung gewechselt, so die Kammer.

Das BAM funktioniert so: Jugendliche, deren Bewerbung um eine Lehrstelle von Unternehmen abgelehnt worden ist, werden in den Oberstufenzentren an die Hand genommen und von Lehrkräften unterstützt. Nach einigen Wochen wechseln die jungen Menschen dann in ein Unternehmen. Dort holen die Bewerber die Berufsorientierung nach. Passt es zwischen Interessent und Firma, wird aus dem Schnupperarbeiten ein reguläres Ausbildungsverhältnis. „Das Berliner Ausbildungsmodell ist ein voller Erfolg. Deswegen werden wir das Pilotprojekt in den Regelbetrieb überführen“, sagte Kramm. In diesem Jahr gibt es Plätze für 161 Jugendliche in fünf Ausbildungsberufen.

Breitere Berufsorientierung an den Gymnasien

Wie hilfreich das BAM-Projekt für Bewerber und Unternehmen sein kann, zeigt das Beispiel der Firma Adag Payroll Services. Die Berliner rechnen für Film- und Fernsehproduzenten in ganz Deutschland jedes Jahr 200.000 Personalverträge ab. Geschäftsführer Jürgen Kling hatte im vergangenen Jahr zwei Azubis nach der BAM-Phase fest übernommen. Das Geschäft von Adag sei klassische Lohnbuchhaltung. „Das ist nicht sexy“, sagte Kling. Das BAM würde den Bewerbern helfen, eigene Erwartungen an den Beruf zu überprüfen. Gleichzeitig könnten Firmen über das Angebot bequem und kostengünstig künftige Azubis rekrutieren, die möglicherweise zunächst nicht den Erwartungen entsprochen hätten, so Kling.

Wie bei dem BAM-Projekt müssten Politik und Wirtschaft jetzt weiter Brücken bauen, um noch mehr Jugendliche für eine Ausbildung zu gewinnen, forderte Beatrice Kramm. Dafür sollte auch die Berufsorientierung an Gymnasien ausgebaut werden. So würden vielleicht mehr Schüler eine Lehre als Alternative wahrnehmen. Völlig ohne Bewerbung können Jugendliche am 19. und 20. September mit Ausbildungsbetrieben in Kontakt treten. In der Station am Gleisdreieck buhlen dann zahlreiche Firmen um künftige Azubis.

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