#DerAndereOsten

Blogger: „Quatsch, dass der Osten voller Rechtsextremer ist“

Blogger Stefan Krabbes will mit der Kampagne #DerAndereOsten zeigen, was im Osten funktioniert. Er fordert ein neues Selbstverständnis.

Blogger und Erfinder des Hashtags #DerAndereOsten, Stefan Krabbes

Blogger und Erfinder des Hashtags #DerAndereOsten, Stefan Krabbes

Foto: privat

Ganz Deutschland – ja, selbst die amerikanische Zeitung New York Times – blickt seit Wochen auf den Ostteil des Landes. Im sächsischen Chemnitz gibt es rechtsextreme Ausschreitungen nach einer tödlichen Messerattacke, ein jüdisches Restaurant wird von rechten Hooligans angegriffen. Erstmals wird die AfD in Umfragen stärkste Partei in Ostdeutschland.

Ein düsteres Bild, das der Blogger Stefan Krabbes nicht länger hinnehmen will. Der 31-jährige Sachsen-Anhalter, der in Halle lebt und in Berlin arbeitet, will den „Osten nicht den Rechten überlassen“, wie er sagt. Deshalb hat er die Twitter-Kampagne #DerAndereOsten gestartet. Hunderte Twitter-Nutzer verbreiten darunter Geschichten, die ein anderes Bild des Ostens vermitteln sollen. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost erzählt Krabbes, warum der Osten dringend ein anderes Selbstverständnis braucht.

Berliner Morgenpost: Sie haben die Online-Kampagne #DerAndereOsten gestartet, einen Appell dazu veröffentlicht, den Osten stärker selbst zu gestalten. Was ist #DerAndereOsten für Sie?

Stefan Krabbes: Eine Region, in der Menschen bescheiden ihre Umwelt gestalten. Sie bringen sich ein wie überall – im Fußballverein, im Chor, der Freiwilligen Feuerwehr, der Flüchtlingshilfe. Für mich ist der andere Osten der echte Osten.

Das sehen ja viele anders.

Ja, aber es ist halt Unsinn, dass alles im Osten den Bach runtergeht: Erst vor Kurzem hat eine Studie gezeigt, dass in meiner Heimat Halle mehr Vereine gegründet werden als dichtmachen. Das zeigt doch den zunehmenden Gestaltungswillen der Menschen im Osten. Das sind nicht alles Schreihälse, die sich als Opfer eines irgendwie übergestülpten Staates begreifen.

Aber warum braucht es dann eine Kampagne wie #DerAndereOsten?

Weil wir die Erzählung über den Osten nicht den Rechten überlassen dürfen. Natürlich gibt es Probleme mit Rechtsextremismus im Osten, aber die, die dagegen ankämpfen, müssen lauter werden - auch und gerade im Internet. Der Osten wird von den Menschen gestaltet, die mit ihrem vielseitigen Engagement den Laden am Laufen halten – die aus dem Osten stammen, aus dem Westen zugezogen sind oder aus dem Ausland kommen. Die brauchen ihre eigene Erzählung.

Die Geschichten, die man da lesen kann, sind durchaus verschieden. Teils erzählen Zugezogene vom ersten Freibier auf dem Dorffest mit „Ossis“, teils wird sich Mut gemacht, gegen Rechtsextremisten aufzustehen.

Ja, ich habe so viele vielfältige Geschichten gelesen. Selbst von einem Wrestler, der von seinem Sport-Verband einfordert, mehr Verantwortung für den Osten zu übernehmen. Großartig fand ich auch die Reaktionen vieler Westdeutscher, die sehr wertschätzende Worte fanden. Genau das soll ja den anderen Osten ausmachen: Dialog, Wertschätzung, sich kennenlernen.

Das öffentliche Bild des Ostens, gerade jetzt nach den rechtsextremistischen Ausschreitungen in Chemnitz, ist – gelinde gesagt – ausbaufähig. Nirgendwo ist rechte Gewalt verbreiteter als im Osten, nirgendwo die AfD stärker. Viele Regionen sind wirtschaftlich abgehängt, junge Menschen ziehen weg. Auch die Berichterstattung der Medien über den Osten, wie kürzlich eine Studie des Mitteldeutschen Rundfunks gezeigt hat, ist überwiegend negativ.

Natürlich hat der Osten Probleme. Ich wünsche mir, dass mehr junge Menschen in ihrer Heimat bleiben könnten. Auch das sorgt ja bei Älteren für das Gefühl abgehängt zu sein, dass die jüngere Generation woanders hinzieht und sie ihre Kinder und Enkel viel zu selten sehen. Andererseits handeln Kommunen wirtschaftlich teilweise blauäugig: In Bitterfeld, wo ich mich politisch engagiert habe, hat man sich jahrelang von der Solarbranche abhängig gemacht. Bitterfeld war das „Solar Valley“, das gute Arbeitsplätze schuf. Plötzlich brach die ganze Branche ein und die Produktion verlagerte sich nach China.

Das Ergebnis ist, dass die AfD Bitterfeld bei der Landtagswahl 2016 zu ihrer Hochburg machen konnte und zwei Direktmandate holte. Auch der Osten ist da Globalisierungverlierer. Zu leugnen, dass es diese Probleme gibt, wie das einige Politikerinnen und Politiker, z.B. der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) oder einer seiner Vorgänger, Kurt Biedenkopf (CDU), ja tun, kann nicht die Lösung sein.

Was dann?

Wir Ostdeutschen haben es noch nicht so raus, unsere eigenen Geschichten mit Überzeugung zu erzählen. Dass müssen wir analog machen, aber immer mehr auch digital. Wer heute Nachrichten schaut, sieht doch: was im Digitalen passiert, hat auch Auswirkungen auf das analoge Leben. Das müssen wir lernen. Wissen Sie, warum beispielsweise die französische Küche so berühmt ist? Das beantwortet der Soziologe Christoph Ribbat in seinem Buch „Im Restaurant“ so: „Die französische Küche wird erst zur französischen Küche, weil so viel von ihr erzählt wird“. Wenn wir es also schaffen, die vielseitigen Geschichten eines offenen Ostens zu erzählen, kann sich auch das Bild des Ostens verbessern.

Warum wäre es wichtig das mediale Bild zu verbessern?

Niemand will ja dauernd in der Presse lesen wie schlecht er es hat. Es ist natürlich trotzdem wichtig, Probleme anzusprechen, aber man muss schon auch differenzieren wollen, Feingefühl haben. Hat man das nicht, spielt das der Strategie der extremen Rechten in die Karten. Die wollen ja genau diese negative öffentliche Wahrnehmung und solidarisieren sich mit den vermeintlichen Opfern. Das will ich nicht zulassen. Wir sind da alle in der Pflicht: Politiker, Journalisten, jeder. Es ist ja Quatsch, dass der Osten nur voller Rechtsextremer ist. Genauso wenig wie der Westen voller Besserwisser ist – Stichwort: Besserwessi.

Sie sprachen ihre Heimatregion Bitterfeld an: Solche Regionen haben Sie auch im Ruhrpott, wo der Bergbau seit Jahren abschmiert, Zechen geschlossen werden. Dass die AfD gerade im Osten so stark ist, wird vielfach von der fehlenden demokratischen Gesinnung vieler Ostdeutscher abgeleitet.

Ich glaube, dass da schon etwas dran ist. Es gibt sicherlich eine stärkere Erwartungshaltung gegenüber dem Staat. Viele ehemalige DDR-Bürger begreifen sich durch die Erfahrung des autoritären Staates noch immer nicht als Gestalter des politischen Willens, sondern lediglich als Empfänger. Aber man darf auch da nicht pauschalisieren: Bei der vergangenen Bundestagswahl holte die AfD im nordrhein-westfälischen Gelsenkirchen immerhin 17 Prozent. Man muss schauen, was vielleicht auch Effekte aus Globalisierungsfolgen sein könnten und was spezifisch Ostdeutsche sind.

Der Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, Eric Gujer, schrieb dazu kürzlich in einem Text: „Bis heute sehen sich viele Menschen im Osten nicht als Herr ihres Schicksals, sondern als Spielball fremder Mächte – von Brüssel genauso wie von westdeutschen Politikern und Medien.“

Die Wortwahl liest sich schon wieder so vorwurfsvoll. Gujer spricht aber richtige Punkte an: Ich bin überzeugt, dass viele Vorurteile auf beiden Seiten auf schlichte Übersetzungsfehler in das jeweils andere wirtschaftlich-politische System zurückzuführen sind.

Überlegen Sie doch mal: Auf der einen Seite haben wir die Generation meiner Eltern, die in der DDR geboren und sozialisiert wurde. Sie wurden durch ein System geformt, dass Kollektivismus förderte, zu viel Individualismus wurde unterbunden. Auf der anderen Seite haben wir das politische System der Bundesrepublik, in dem es stärker um die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger geht. Daraus lassen sich grob zwei Mentalitäten ableiten: Während „die ostdeutsche Mentalität“ auf Gruppen bezogen ist und eine hohe Erwartungshaltung an den Staat hat, legen Westdeutsche eher Wert auf Individualismus und haben eine geringere Erwartungshaltung an den Staat.

Die Wiedervereinigung ist mittlerweile fast 30 Jahre her.

Ja, aber dazu kommt, dass viele ehemalige DDR-Bürger nie gelernt haben, wie man sich als Staatsbürgerin oder Staatsbürger sozialistischer Prägung in der marktwirtschaftlich organisierten Demokratie bewegt. Demokratisch und wirtschaftlich gesehen sind die meisten Ostdeutschen Autodidakten, die sich selbst ihren Weg in das neue System gesucht haben, obwohl sie vielleicht vom Staat erwartet hätten, dass er sie integriert – das höre ich zumindest häufiger, wenn ich auf dem Lande unterwegs bin. Und das sagt auch die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping.

Vieles, was man sich zuerst von der Wiedervereinigung versprach, wurde nicht oder zu langsam eingelöst: Dem Versprechen auf Wohlstand folgte eine ostdeutsche Massenarbeitslosigkeit und auch die politische Resignation vieler Menschen über die vermeintliche Tatenlosigkeit von denen, die den Staat repräsentieren.

Das klingt, als ob es die Unterschiede in der Mentalität nur in der Generation ihrer Eltern- und Großeltern gab. Wie ist das in ihrer Generation – der Wende-Generation?

Ich bin selbst erst 1987 geboren und kann über das Leben in der DDR kaum etwas sagen. Aber was meine Generation, die um die Wendezeit geboren wurde, ausmacht, ist, dass wir durch unsere Eltern ostdeutsch erzogen wurden, aber in das westdeutsche System hineingeboren wurden. Wir sind also in der Lage beide Mentalitäten zu verstehen. Wir sind so etwas wie eine Hybrid-Generation.

Aber werden durch diese Ost-Debatten die Unterschiede nicht noch betont?

Nein, es ist nur wichtig, reflektiert darüber zu reden. Das ist ja die Idee von #DerAndereOsten - eine Debatte zu führen, nach der wir einander besser verstehen. Weder West- noch Ostdeutsche sind die besseren Menschen. Sie sind nur mit anderen Voraussetzungen in diese Gesellschaft hineingeboren.

Schauen wir mal nach vorn: Reden wir in 10 Jahren immer noch über den Osten – oder diskutieren über ein anderes, besseres Bild davon?

Naja, im besten Falle reden wir gar nicht mehr über „den Osten“. Weil die Übersetzungsfehler ausgeräumt sind, die die ehemaligen DDR-Bürger von Westdeutschen trennen, weil es weniger rechtsextreme Übergriffe gibt, weil die ostdeutsche Zivilgesellschaft lauter geworden ist. Mein Wunsch: der Osten als digitale Ideengarage der Bundesrepublik. Breitbandausbau, günstige Mieten und innovative Ideen fördern die Entwicklung, Menschen ziehen in den Osten. Und dann heißt‘s: In Vielfalt vereint.

Mehr zum Thema:

Angreifer aus Chemnitz arbeitete offenbar im Flüchtlingsheim

„Mutter aller Probleme“: So veralbern Netzaktivisten die CSU

Kein zweites Chemnitz – Wie Köthen um Besonnenheit ringt

Jurist: Rede von Thügida-Chef in Köthen ist Volksverhetzung

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.