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Gewalt in Berlin

Experte: „Wir müssen die Frauen aus den Clans holen“

Eskaliert nach der Tötung von Nidal R. der Clan-Konflikt? Experte Sandro Mattioli sieht Parallelen zum Kampf gegen die Mafia.

Sandro Mattioli von "Mafia? Nein, Danke!"

Foto: dpa/Kathrin Harms/Anna Rozkosny

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Berlin. Nach den tödlichen Schüssen auf Intensivtäter Nidal R. am vergangenen Sonntag verfolgt die Polizei nach Informationen der Berliner Morgenpost eine neue Spur. Demnach prüfen Ermittler einen Zusammenhang zu Schüssen, die ein Unbekannter Anfang August dieses Jahres auf ein Lokal an der Urbanstraße in Kreuzberg abgegeben hat. Der Hintergrund der Tat ist unklar. Nidal R. soll aber möglicherweise beteiligt gewesen sein und so den Zorn einer anderen Großfamilie auf sich gezogen haben.

Der Leichnam des 36-Jährigen soll auf dem Neuen Zwölf-Apostel-Kirchhof am Werdauer Weg in Schöneberg beigesetzt werden. Im Mai 2015 kamen etwa 3000 Menschen zur Beisetzung von Aziz und Ahmad A., Brüder, die einer arabischen Großfamilie angehörten.

Nach dem Mord an Nidal R. warnen Ermittler vor einer Eskalation der Auseinandersetzungen zwischen arabischen Großfamilien und vor Rache­akten. Sandro Mattioli ist Vorsitzender des Berliner Vereins „Mafia? Nein, Danke!“. Der Experte für organisierte Kriminalität plädiert dafür, Lehren aus dem Kampf gegen die italienische Mafia auch auf die Berliner Clans anzuwenden.

Herr Mattioli, Nidal R. starb am Tempelhofer Feld in einer Art öffentlicher Hinrichtung. Das erinnert an Mafia-Filme. Wie sehr ähneln die kriminellen Clans in Berlin der italienischen Mafia?

Sandro Mattioli: Auch die Clans sind geschlossene Gruppen, die sich zunehmend professionalisieren. Aber sie sind noch mehr durch Straßenkriminalität geprägt. So ein robustes Vorgehen wie gegen Nidal R. hat die Mafia ad acta gelegt. Denn das schadet dem Geschäft. Sie hat Strukturen geschaffen, die solche Auseinandersetzungen verhindern. Und die Geschichte der Mafia reicht bis 1850 zurück, die internen Regeln sind entsprechend differenzierter.

Also ist ein Unterschied, dass die Clans weniger organisiert sind?

Das kann man so sagen. Bei der Mafia gibt es Mitglieder, die Politik machen, solche die die Geschäfte abwickeln, und die, die immer im Hintergrund bleiben.

Nidal R. gehörte nicht zu einem einflussreichen Clan, er war jemand, der früh sehr kriminell wurde, sich mit vielen gefährlichen Leuten anlegte und im Clansumpf versank. Gibt es für solche Menschen einen Ausweg?

Von Mafia-Aussteigern wissen wir, dass es einen Leidensdruck geben muss. Also Morddrohungen oder Ähnliches. Diese Warnungen gab es bei Nidal R., man könnte sicher drüber nachdenken, in solchen Fällen ein Kronzeugenprogramm anzubieten. Aber bei Biografien wie der des Nidal R. ist das schwierig. Vielmehr müsste man bei den Frauen ansetzen. Frauen sind oft die Leidtragenden in diesen patriarchalen Systemen. Aber es gibt keine Strukturen, um den Ausstieg zu ermöglichen. Die Frauenhäuser sind nicht vorbereitet, die Frauen müssten auch weit weg aus Berlin, um neu anfangen zu können. Den Bedarf gibt es, unser Verein war mittelbar am Ausstieg einer Frau aus dem Milieu beteiligt.

Was versprechen Sie sich davon?

Einblicke in das Innenleben der Clans. Man kann dort ja nicht einfach V-Männer einschleusen. Außerdem hat der Rechtsstaat ja auch eine Fürsorgerolle für Opfer innerhalb der Clans. Das gilt im Übrigen auch für die Kinder der Clans.

Die FDP hat kürzlich vorgeschlagen, Kinder aus den kriminellen Clans in staatliche Obhut zu nehmen. Gute Idee?

Ja, den Vorschlag haben wir schon lange selbst verfochten. In Reggio Calabria gibt es ein solches Projekt. Straffällige Jugendliche werden vor die Wahl gestellt: Jugendhaft – wobei dort die kriminellen Karrieren oft erst beginnen – oder sie nehmen an einem Strafersatzprogramm teil. Sie kommen dann in ein Wohnheim in einer anderen Umgebung. Und hier gilt es, den FDP-Vorschlag zu präzisieren. Denn das Programm funktioniert nur, weil spezialisierte Psychologen und Sozialarbeiter mit den Jugendlichen arbeiten. Es geht darum, dass sie Empathie entwickeln, sich in die Rolle von Opfern hineinversetzen können.

Vor wenigen Monaten ist ein Schlag gegen den Clan der Familie R. gelungen. 77 Immobilien wurden beschlagnahmt, die vermutlich aus illegalen Geldern finanziert wurden. Ist das Erfolg versprechend?

Letztlich geht es der organisierten Kriminalität darum, kriminelle Aktivitäten in Profit und den in Macht umzuwandeln. Wenn man diese Kette durchbricht, wenn die 25-Jährigen nicht mehr in Audi R8 rumfahren können, dann fällt eine wesentliche Motivation weg. Das verschärfte Geldwäschegesetz gibt jetzt Möglichkeiten einzugreifen. Die Frage ist, ob das reicht.

Was müsste noch geändert werden?

Wir brauchen eine Beweislastumkehr, wie in Italien. Dort müssen nicht die Ermittler nachweisen, dass das Geld aus illegalen Geschäften stammt, sondern der Verdächtige, dass es aus legalen Quellen kommt. Wenn die 77 Immobilien an Familie R. zurückgehen müssten, wäre das ein Desaster.

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