Clan-Kriminalität

Die Akte Nidal R. alias „Mahmoud“

Der am Sonntag Getötete begann seine kriminelle Karriere bereits als Zehnjähriger und verbrachte 14 Jahre in Haft.

Nidal R. galt als Deutschlands jüngster Intensivtäter

Nidal R. galt als Deutschlands jüngster Intensivtäter

Foto: dpa/BM

Berlin.  Als seine kriminelle Karriere begann, hieß der am Sonntag niedergeschossene Nidal R. noch „Mahmoud“. So nannten ihn die Medien. Der falsche Name wurde verwendet, um dem besonderen „Schutzbedürfnis“ für Jugendliche und Kinder zu entsprechen. Das galt auch für Nidal R., der bei seinen ersten Taten gerade einmal zehn Jahre alt war. Es dauerte damals nur wenige Monate und Nidal R. alias „Mahmoud“ erlangte als Deutschlands jüngster Intensivtäter zweifelhafte Berühmtheit. Vor allem seinetwegen rief die Berliner Polizei 2003 eine spezielle Dienststelle für jugendliche Intensivtäter ins Leben. Da war Nidal R. schon etwa ein Dutzend Jahre im kriminellen Milieu aktiv.

Schon als Kind beging der im Libanon geborene Junge, dessen Staatsangehörigkeit mit „Staatenloser Palästinenser“ angegeben wird, Straftaten quer durch das Strafgesetzbuch. Erste Versuche, den Jungen in einer speziellen Betreuungseinrichtung für auffällige Kinder unterzubringen, scheiterten zumeist an einer Stadträtin des damals noch eigenständigen Bezirks Tiergarten. Sie erklärte, eine solche Maßnahme sei nicht notwendig, denn „Mahmoud“ habe ihr im persönlichen Gespräch versprochen, keine weiteren Straftaten zu begehen.

„Gewaltbereit und hochaggressiv“

Zu einer ganz anderen Einschätzung kam eine Staatsanwältin, als Nidal R. 2003 wegen einer Messerstecherei verurteilt wurde. Sie bezeichnete ihn als „absolut gewaltbereiten, hochaggressiven Menschen, bei dem es unmöglich erscheint, ihn in die Gesellschaft zu integrieren“. Damals war R. gerade 21 Jahre alt und seine Akte bei der Polizei hatte beachtliche Ausmaße. Kaum 14 Jahre alt und damit strafmündig, wurde R. umgehend zu einem ständigen Kunden von Polizei und Justiz. 90 Taten soll er allein als Jugendlicher und Heranwachsender begangen haben.

Verurteilt wurde er im Laufe der Jahre wegen Raubdelikten, gefährlicher Körperverletzung, schweren Diebstählen, Drogendelikten, Nötigung und gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr. Über mehrere Jahre hinweg fiel der Intensivtäter immer wieder dadurch auf, dass er ohne Führerschein, aber betrunken in hochtourigen Luxusfahrzeugen durch Berlin fuhr. Mehrmals verursachte er dabei Unfälle, bei denen auch Unbeteiligte zu Schaden kamen.

In seiner Strafakte enthalten sind auch Beleidigungen und Bedrohungen von Amtsträgern, in seinem Fall Justizbedienstete im Strafvollzug. Denn auch damit hat Nidal R. reiche Erfahrungen gesammelt. Insgesamt 14 Jahre seines Lebens verbrachte er aufgrund von Verurteilungen wegen unterschiedlichster Delikte in Haft. Und selbst dort soll er mehrfach Straftaten begangen haben. Letztmals zu einer Haftstrafe verurteilt wurde Nidal R. 2014.

Mehrere Versuche, R. abzuschieben, scheiterten

Bereits mehrfach gab es Versuche, den offenbar nicht resozialisierbaren Intensivtäter abzuschieben. Die scheiterten vor allem an der Weigerung des Libanons, R. als Staatsangehörigen anzuerkennen und einen Pass auszustellen. Der damalige Innensenator Ehrhart Körting (SPD) kritisierte mehrfach, das Bundesaußenministerium übe nicht genug Druck auf den Libanon aus. Als Beispiel nannte der Senator dabei insbesondere den Fall Nidal R.

2010 wurde R., gerade aus der Haft entlassen, von Unbekannten angeschossen und leicht verletzt. Damals hieß es erstmals, er bewege sich mittlerweile im Dunstkreis arabischer Großfamilien.

Die Polizei hat derzeit vor allem drei Familien im Visier

Es ist alles andere als ein Titel, auf den eine Stadt stolz sein könnte. „Hauptstadt der Clan-Kriminalität“ möchte keine Kommune genannt werden. Sicherheitsexperten können sich derzeit auch nicht einigen, wem der zweifelhafte Titel gebührt: Berlin oder den Metropolen des Ruhrgebiets, allen voran Essen. Hier wie dort haben kriminelle Großfamilien inzwischen Machtpositionen erreicht, die viele Fachleute zweifeln lassen, ob diese Kriminalitätsform noch in den Griff zu bekommen ist.

Polizei und Justiz gehen in Berlin von knapp 20 Großfamilien aus, einige verfügen über 500 bis 700 Mitglieder, bei anderen bewegt sich die Zahl der Familienangehörigen gar im vierstelligen Bereich. Dabei sind keinesfalls alle Angehörigen dieser Clans kriminell. Die polizeibekannten Gruppen innerhalb der Familien sind in allen Deliktfeldern aktiv, in denen lukrative Geschäfte winken. Sie beherrschen sowohl den Drogenhandel in der Stadt als auch das Rotlichtmilieu. Schutzgelderpressungen gehören ebenso zu ihren gewinnträchtigen Geschäftsfeldern. Hinzu kommen Einbrüche, Diebstähle und Raubtaten, häufig besonders spektakuläre Fälle, die für Schlagzeilen sorgen und den „Ruhm“ des Clans in der Szene fördern. Wenn Revierstreitigkeiten ausgefochten werden, kommt es auch zu Gewalttaten bis hin zum Mord.

Auffällig sind derzeit vor allem drei Familien. Mitglieder der Familie A.-C. waren an dem Überfall auf das Pokerturnier im „Hyatt“-Hotel 2010 beteiligt. Nicht minder spektakulär war der Überfall auf das KaDeWe im Dezember 2014, begangen von Angehörigen der Familie El-Z., die am längsten in Berlin aktiv ist.

Dritte im Bunde ist die Familie R. Zwei Mitglieder der Familie wurden wegen Beteiligung an einem Einbruch in eine Sparkassenfiliale (Beute knapp eine Million Euro) verurteilt. Auch mit dem Diebstahl einer 100-Kilo-Goldmünze aus dem Bode-Museum wird Familie R. in Verbindung gebracht. Sie ist derzeit Ziel zahlreicher Razzien und Sicherstellungen von Vermögenswerten durch Polizei und Justiz. hhn

Video: Die Clans - Arabische Großfamilien in Berlin

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