Mord in Neukölln

Acht Schüsse am Tempelhofer Feld

Augenzeugen berichten, wie der Anschlag auf Intensivtäter Nidal R. ablief. Sicherheitsexperten warnen vor einer Eskalation.

Berlin.  Eine Frau liegt am Boden, in Tränen aufgelöst und umringt von anderen Frauen, die es nicht schaffen, sie zu beruhigen. Ein Mann schiebt sein Rennrad, als wäre nichts geschehen. Andere Menschen laufen wild durcheinander, irren umher, ständig sind Schreie zu hören. Dann schwenkt die Kamera zur Seite. Auf dem Asphalt sind Spuren zu sehen, die Blutspuren sein könnten. Hinter einer überschaubaren Menschentraube sind, vor einem Eiswagen, die Umrisse eines Mannes zu sehen. Er liegt ohne jede Regung am Boden. „Wo bleibt die Polizei? Meine Fresse. Der Mann ist gleich tot“, ruft der Mann, der das Video mit seinem Handy gedreht hat. „Er braucht Luft. Der Mann braucht Luft“, sagt er. Und: „Nehmt die Kinder hier weg!“

Der Mann, der das Handyvideo gedreht hat, heißt Ramon S., wohnt selbst in Neukölln und arbeitet als freiberuflicher Journalist. Nein, traumatisiert sei er nicht von den Ereignissen, von denen sich wohl die meisten Menschen wünschen würden, sie niemals selbst erleben zu müssen. Aber den Blick des Mannes, der blutüberströmt und die Pupillen nach hinten gerollt vor seinen Augen um sein Leben rang – und diesen Kampf im Benjamin-Franklin-Klinikum in Steglitz später verlieren sollte – diesen Blick werde er wohl nie vergessen. „Man hat ihm einfach angesehen, dass er sterben wird“, sagt S.

Auch an den Moment, in dem er mehrere Schüsse hörte, kann sich S. genau erinnern. Er war auf dem kleinen Weg, der Verlängerung der Thomasstraße, in Richtung des einstigen Flugfeldes unterwegs gewesen. „Erst dachte ich, es seien Platzpatronen“, sagt S. Dann, keine Minute später, seien zwei Männer an ihm vorbeigerannt. Ohne Gesichtsmaske. Dafür mit gezogenen Schusswaffen. Wiedererkennen würde er sie aber nicht, sagt S. „Das ging alles so schnell.“

Video: Die Clans - Arabische Großfamilien in Berlin

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Mediziner am Tatort wurde weggedrängt

Am Rande des Flugfeldes, zwischen Eiswagen und einem Begrenzungsgitter, sah er dann als einer der ersten Passanten den niedergeschossenen Mann. „Ist hier ein Arzt?“, fragte S. in die anfangs noch überschaubare Gruppe der Passanten. Und tatsächlich habe ein junger Mediziner sich des Mannes angenommen. Dann seien vom Flugfeld plötzlich viele Menschen herbeigeströmt, die meisten mit einem augenscheinlich arabischen Hintergrund. Offenbar Angehörige des Opfers, so vermutet der Augenzeuge. Sie seien aufgelöst gewesen und hätten den jungen Arzt – womöglich unter Schock – beiseitegeschoben. „Das war natürlich nicht hilfreich“, sagt Ramon S.

Aufwühlend waren nicht nur die Szenen, die sich unmittelbar nach den Schüssen am Tatort abspielten. Aufwühlend sind auch die Nachrichten, die bereits wenige Stunden später kursierten und von der Polizei noch am Abend bestätigt wurden: Der Mann, dessen Blick Ramon S. wohl noch etliche Zeit verfolgen wird, wurde demnach von acht Schüssen getroffen, einer davon traf ihn in den Brustkorb.

Die Ärzte des Benjamin-Franklin-Klinikums konnten ihn nicht mehr retten. Und: Der Tote ist der Berliner Polizei bestens bekannt. Schon wenige Stunden nach den tödlichen Schüssen bestätigte sie, dass es sich um den 36 Jahre alten Nidal R. handelt. Jenen Mann also, den man wohl als Berlins berüchtigtsten Intensivtäter bezeichnen kann – von dem oder den Tätern fehlt offenbar noch jede Spur. Die bereits kurz nach der Tat veröffentlichte Nachricht, es habe eine Festnahme gegeben, musste die Polizei wenig später widerrufen. Das heißt: Die zwei Männer mit gezückten Schusswaffen, die Ramon S. beobachtete, aber nicht mehr beschreiben kann, und von denen man vermuten kann, dass es die Todesschützen sein könnten, sind weiterhin flüchtig – und möglicherweise immer noch bewaffnet.

Aber die Chancen stehen nicht schlecht, den oder die Täter ausfindig zu machen, heißt es aus Ermittlerkreisen. Denn neben Ramon S. haben noch zahlreiche weitere Zeugen die Täter beobachtet. Am Sonntagnachmittag war das Tempelhofer Feld aufgrund des guten Wetters sehr gut besucht. An solchen Tagen strömen Tausende Berliner auf den ehemaligen Flughafen. Dutzende hörten und sahen die Tat. Bis zum Sonnenuntergang war die Polizei damit beschäftigt, Zeugenaussagen zu protokollieren.

Die Berliner Morgenpost konnte auch mit einem weiteren Zeugen sprechen, der nach eigenen Aussagen einen Mann sah, der mit Waffe in der Hand vom Tatort wegrannte, in ein wartendes Auto sprang und in hoher Geschwindigkeit davonfuhr. „Das Nummernschild habe ich mir gemerkt und der Polizei mitgeteilt“, sagte der Mann.

Tumultartige Szenen vor Franklin-Klinikum in Steglitz

Die jüngsten Entwicklungen beobachten Ermittler mit Sorge. Sie befürchten die weitere Eskalation einer ohnehin schon angespannten und hochemotionalen Lage im Clan-Milieu. Das zeigte sich auch kurz nach der Tat am Sonntagabend. Während die Polizei am Tatort noch Spuren sicherte und Zeugen befragte, wurde Nidal R. unter Reanimationsmaßnahmen in das Benjamin-Franklin-Klinikum nach Steglitz gebracht. Bereits gegen 19 Uhr, da wurde Nidal R. noch im Schock-Raum des Krankenhauses behandelt, versammelten sich Dutzende Bekannte und Angehörige vor dem Klinikum. Als die Nachricht durchsickerte, dass Nidal R. verstorben sei, wurde die Stimmung zunehmend aggressiver. Zeitweise waren 150 Menschen vor dem Klinikum.

Die Behörden baten, die Rettungsstelle wegen einer „angespannten Polizeilage“ nicht mehr anzufahren. Die Leitstelle der Feuerwehr gab intern die Meldung heraus, dass zunächst andere Krankenhäuser anzufahren seien. Mehrere Personen würden die Zufahrt blockieren. Den Mitarbeitern, die gegen 21.30 Uhr Feierabend hatten, wurde von der Polizei und der Krankenhausleitung empfohlen, den Eingang West am Hindenburgdamm zu nutzen. Der Leichnam von Nidal R. wurde unter Polizeischutz zur Obduktion aus der Klinik gebracht. Gerichtsmediziner stellten später fest: Nidal R. verblutete innerlich. Insgesamt acht Schüsse trafen den 36-Jährigen, vier der Schüsse hätten innere Organe getroffen und verletzt.

Unter den Menschen, die vor dem Krankenhaus ausharrten, waren nach Informationen der Berliner Morgenpost viele Mitglieder der bekannten Großfamilie A.-C., mit der Nidal R. zuletzt häufiger verkehrt haben soll. Die Polizei versetzt das in Alarmbereitschaft. Denn Arafat A.-C. und der Berliner Rapper Bushido hatten kürzlich eine öffentliche Fehde ausgetragen und die geschäftliche Zusammenarbeit beendet.

Auf das Lokal von Arafat A.-C. war vor Kurzem geschossen worden. Vor wenigen Tagen hatte A.-C. auf seiner Seite bei Insta­gram dann Ermittlungsunterlagen des Landeskriminalamtes (LKA) veröffentlicht und inzwischen wieder gelöscht. Aus den Unterlagen ging hervor, dass auf einem Diensthandy der Polizei anonyme SMS eingegangen waren, in denen es heißt, dass A.-C. getötet werden soll. Der Clan-Chef erhielt eine Gefährdetenansprache der Polizei, wie Personen sie bekommen, die Opfer eines Gewaltverbrechens werden könnten. Nach Informationen dieser Zeitung erhielt wenige Tage vor seinem Tod auch Nidal R. so eine Ansprache, weil es konkrete Drohungen gegen ihn gegeben haben soll. Polizeischutz erhielt er nicht.

Chronologie des Einsatzes:

Die ersten Minuten In einem Video vom Tatort, das im Internet abrufbar ist, kritisiert ein Augenzeuge das angeblich zu späte Eintreffen von Polizei und Rettungskräften am Tatort an der Oderstraße. Tatsächlich sind die ersten Beamten erst am Ende des rund sechsminütigen Clips zu sehen.

Polizei Ein Blick auf das Einsatzprotokoll der Polizei zeigt, dass die Einsatzkräfte offenbar doch recht zügig eintrafen. Demnach ging die erste Alarmierung um 17.43 Uhr ein. Der erste Funkwagen fuhr um 17.50 Uhr vor. Unklar ist, wie viel Zeit zwischen Schussabgabe und erstem Notruf verstrich.

Feuerwehr Auch die medizinischen Rettungskräfte der Feuerwehr waren relativ schnell am Tatort – laut Protokoll sechs Minuten nach dem Notruf. Nach den Sanitätern traf um 17.53 Uhr auch ein Notarzt ein. Zur Eigensicherung wurden die Helfer von der Besatzung eines Löschwagens unterstützt.

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