E-Busse in Berlin

BVG-Busflotte wird bis 2030 unter Strom gesetzt

Nach einem China-Besuch sehen Verkehrssenatorin Regine Günther und BVG-Chefin Sigrid Nikutta diese Aufgabe als groß, aber lösbar an.

Ein neuer Elektrobus der BVG

Ein neuer Elektrobus der BVG

Foto: dpa Picture-Alliance / Stephanie Pilick / picture alliance / dpa

Berlin.  Noch sind sie reine Exoten in Berlin: Linienbusse, die keine schädlichen Abgase in die Luft blasen. Gerade einmal fünf der insgesamt rund 1500 Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) fahren aktuell mit ausschließlich elektrischem Antrieb. Doch nun ist Verstärkung in Sicht: Ab 1. März 2019 werden weitere E-Busse in Betrieb gehen, kündigte BVG-Vorstandschefin Sigrid Nikutta am Montag an. Bis 2030 soll schließlich die gesamte Busflotte der landeseigenen Verkehrsbetriebe ausschließlich mit Stromantrieb fahren. Eine Aufgabe, die BVG-Chefin Nikutta und Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) nach einem China-Besuch als groß, aber lösbar ansehen.

Den Anfang sollen 30 E-Busse machen, die die BVG bereits diesen Sommer bestellt hat. Je 15 Fahrzeuge wollen die Daimler-Tochter Evo-Bus und der polnische Hersteller Solaris im ersten Quartal des nächsten Jahres nach Berlin liefern. „Auch bei den Herstellern sind E-Busse noch Exoten. Wir hoffen sehr, dass sie ihre Lieferzusagen auch einhalten“, sagte Nikutta. Rund 18 Millionen Euro lässt sich die BVG die neuen Öko-Fahrzeuge nebst notwendiger Ladetechnik kosten. Damit ergibt sich ein stolzer Preis von umgerechnet 600.000 Euro pro Bus.

Sechs Stunden Ladezeit

Ein herkömmlicher dieselangetriebener Bus gleicher Größe ist bereits für ein Viertel der Summe zu haben. Und auch die Reichweite ist bei ihnen deutlich höher: Während ein Dieselbus bei der BVG täglich zwischen 200 und 500 Kilometern zurückzulegen hat, müssen die E-Busse derzeit spätestens nach 150 Kilometern zum Aufladen an die Streckdose. Bevor sie wieder auf Fahrt gehen können, vergehen mindestens sechs Stunden. Wegen der eher begrenzten Reichweite werden die neuen, jeweils zwölf Meter langen E-Busse mit Platz für maximal 70 Fahrgäste auch nicht auf den langen Metro-Verbindungen durch Berlin fahren, sondern überwiegend auf kleineren Nebenstrecken eingesetzt.

Fahren sollen sie laut BVG-Sprecherin Petra Reetz zunächst auf den Linien 142 (U-Bf. Leopoldplatz–Ostbahnhof), 147 (Ostbahnhof–Hauptbahnhof), 194 (Hermannplatz–Helene-Weigel-Platz), 240 (Ostbahnhof–S-Bf. Storkower Straße) und 259 (Buch–Buschallee/Hansastraße). Auch die bei Touristen beliebte Linie 200 soll schrittweise unter Strom gesetzt werden. Allerdings erst, wenn die Verkehrsbetriebe größere Gelenkbusse mit E-Antrieb erhalten. 15 sollen bestellt werden. Ein entsprechendes Vergabeverfahren stehe kurz vor dem Abschluss, so BVG-Chefin Nikutta.

Für die Verkehrsbetriebe ist der E-Bus-Einsatz kein Neuland. Bereits seit Sommer 2015 sind vier Solaris-Urbino im Test auf der Linie 204 zwischen den Bahnhöfen Zoo und Südkreuz unterwegs. Die Alltagserfahrungen waren indes eher ernüchternd. Wegen diverser Probleme standen zeitweise alle vier Busse gleichzeitig. Die Ausfallquote liegt durchschnittlich bei 25 Prozent.

Komplette Busflotte ab 2030 mit Elektroantrieb

Doch für die BVG gibt es mittelfristig keine Alternative zum E-Bus. Damit die Hauptstadt ihre klimapolitischen Ziele erreichen kann, hatte bereits der frühere SPD-CDU-Senat dem Unternehmen vorgegeben, ab 2020 keine Busse mit Schadstoffemissionen mehr in Dienst zu stellen. Nach dem Willen von Rot-Rot-Grün soll die BVG ihre gesamte Busflotte bis 2030 komplett auf den Elektroantrieb umstellen.

Dieses Ziel sieht die BVG-Vorstandschefin nun als „große Aufgabe“ an, die jedoch „lösbar sein wird“. Gemeinsam mit Verkehrssenatorin Regine Günther und ihrem Bus-Chef Thorsten Marek hatte Nikutta Ende Juli die vier Millionenstädte Peking, Hangzhou, Shenzhen und Hongkong besucht, um sich dort über Elektrobusse im öffentlichen Nahverkehr zu informieren. In Shenzen (offiziell 12,5 Millionen Einwohner) seien inzwischen alle 17.000 Busse elektrisch unterwegs, betonte Günther. Die Umstellung der Flotte sei dort 2009 begonnen worden, die Chinesen seien dabei „sehr zielstrebig und konsequent“ vorgegangen. Und: „Geld hat dort keine Rolle gespielt.“

BVG benötigt 1875 E-Busse, um ihre 1500 Diesel zu ersetzen

Nikutta wies allerdings auch darauf hin, dass die Busse in Shenzhen als Zubringer zur U-Bahn überwiegend kurze Strecken zurücklegten. Auch dort würden bei der Reichweite keine Wunder vollbracht. Bei Aussagen zur Zuverlässigkeit hätten sich die besuchten Verkehrsunternehmen in China alle sehr zurückgehalten. Es seien aber Berechnungen der BVG bestätigt worden, nachdem der Wechsel von Diesel- zum E-Bus nicht eins zu eins funktioniert. „Das Verhältnis beträgt eins zu 0,8“, so Nikutta. Oder anders gesagt: Für die Fahrleistung, die derzeit 1500 Dieselbusse in Berlin erbringen, werden 1875 E-Busse benötigt. Wie das finanziell gestemmt werden, ist für die BVG bislang noch völlig offen. In den aktuellen Sonderprogrammen des Senats für die wachsende Stadt sind für die Elektrifizierung der BVG-Busflotte gerade einmal 20 Millionen Euro eingestellt.

Lohnenswert war der China-Besuch für die BVG-Chefin auch in einem anderen Punkt. Hieß es doch bislang, dass es keinen Hersteller gibt, der Doppeldecker-Busse mit Elektronantrieb liefern könne. „In Shenzen fahren sie, auch in der großen Dreiachser-Variante wie in Berlin“, so Nikutta.

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