Geburtshilfe

Berliner Hebamme: „Jeden Monat muss ich 20 Frauen absagen“

Katharina Kerlen-Petri arbeitet seit 30 Jahren als Hebamme. In dieser Zeit hat sie geschätzt 1800 Babys betreut.

Hilfe für Mutter und Kind: Hebamme Katharina Kerlen-Petri mit Joanna Marquardt und dem acht Wochen alten Zinedine-Younes

Hilfe für Mutter und Kind: Hebamme Katharina Kerlen-Petri mit Joanna Marquardt und dem acht Wochen alten Zinedine-Younes

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Die Woche von Hebamme Katharina Kerlen-Petri beginnt mit einem Hausbesuch bei Joanna Marquardt in Schöneberg. Die junge Mutter hat vor acht Wochen entbunden. Marquardt wirkt sichtbar erleichtert, als sie Kerlen-Petri an der Wohnungstür begrüßt. „Ich bin schon ganz verzweifelt, er will die ganze Zeit an die Brust und schläft kaum”, sagt Marquardt noch an der Tür. Kerlen-Petri umarmt die medizinische Fachangestellte und verliert keine Zeit. „Wo ist der Kleine denn?”, sagt sie. Die beiden Frauen laufen in das Schlafzimmer der jungen Familie. Dort liegt Baby Zinedine-Younes auf dem Bett der Eltern und blickt gebannt auf den goldglänzenden Schirm der Deckenlampe. „Der freut sich aber wie Bolle über die Lampe, oder?”, sagt Kerlen-Petri.

Die 25-jährige Mutter nickt, lacht, entspannt sich. Kerlen-Petri streichelt den kleinen Jungen, lächelt ihn an und stellt der jungen Frau eine Reihe von Fragen: Wie viel füttert sie zu? Schläft das Baby in der Trage gut ein? Liegt der Kleine gerne auf dem Bauch? Dabei strahlt sie eine Ruhe aus, die ansteckend wirkt. Kein Wunder: In den dreißig Jahren, die Kerlen-Petri als Hebamme arbeitet, hat sie geschätzt 1800 Babys betreut. Es gibt wohl kaum etwas, das sie noch nicht erlebt hat.

Ein wichtiger Beistand für junge Mütter

Dann geht es zum Wickeltisch, Zinedine-Younes wird gewogen. „Genau fünf Kilo, alles bestens”, sagt Kerlen-Petri. In der Wohnung herrscht der ganz normale Wochenbett-Wahnsinn: Im Hintergrund läuft die Waschmaschine, auf dem Balkon trocknet Wäsche, im Kinderzimmer liegen Plüschtiere auf dem Babybett, in der Ecke stehen diverse Kisten und ein zur Hälfte aufgebautes Regal. Eine Familienidylle im Entstehen. „Mein Mann ist gerade als Trauzeuge auf einer Hochzeit, deswegen war ich die letzten Tage mit dem Kind alleine”, sagt Marquardt. Das sei ganz schön anstrengend. „Ich bin froh, wenn ich es schaffe, zu duschen und etwas zu essen.“

Ohne die Hilfe der Hebamme wäre sie völlig aufgeschmissen, sagt Marquardt, die zum ersten Mal Mutter geworden ist. „Ich fühle mich bei ihr richtig gut aufgehoben, sie nimmt sich Zeit, beruhigt mich. Gerade am Anfang, als es mit dem Stillen noch nicht so gut geklappt hat, war das ungemein wichtig.” Bei einer zweiten Schwangerschaft würde sie sogar erwägen, sich ausschließlich von der Hebamme versorgen zu lassen. Ihre Gynäkologin habe sich wenig Zeit für sie genommen, sagt sie. Mit Kerlen-Petri könne sie sich viel intensiver austauschen und Fragen auch kurz per SMS oder am Telefon klären. Und tatsächlich wirkt die junge Mutter nach dem Hausbesuch von Kerlen-Petri viel gelöster. Zum Abschied ermahnt die Hebamme sie noch, sich von ihrer neuen Haushaltshilfe auch wirklich helfen zu lassen. „Wenn es Dir nicht gut geht, dann kannst Du auch nicht für Dein Kind da sein”, sagt Kerlen-Petri. Sie weiß, dass junge Mütter oft ihre Bedürfnisse vernachlässigen, weil sie glauben, sie könnten das Kind keine Sekunde aus den Augen lassen. Nach 45 Minuten verabschiedet sie sich von Joanna Marquardt, der nächste Termin ist in elf Tagen.

Im Schnitt muss Kerlen-Petri 20 Frauen im Monat absagen

Für die Dreiviertelstunde, die Kerlen-Petri im Schnitt bei einem Hausbesuch verbringt, bekommt sie 37 Euro brutto, fünf bis acht solcher Hausbesuche absolviert sie am Tag, am Abend dokumentiert sie jeden einzelnen bis ins Detail – auch das ist Teil ihrer Arbeit. Planen kann sie nicht weit im Voraus, die Entbindungen der Frauen, die sie betreut, bestimmen ihren Alltag. Kein Beruf, den man nur halbherzig macht. „Die Aufgabe einer Hebamme ist es, eine werdende Mutter zu bestärken, ihr beizustehen, ihr zu vermitteln: Die Schwangerschaft und alle Änderungen, die sie mit sich bringt, sind normal”, sagt Kerlen-Petri. „Heute haben Frauen oft Angst und betrachten den Zustand als per se riskant. Um ihnen diese Angst zu nehmen, ist es wichtig, sich regelmäßig zu sehen und Vertrauen aufzubauen.”

Im Monat kommt die 53-Jährige auf ein Bruttoeinkommen von etwa 4000 Euro. Kerlen-Petri ist selber dreifache Mutter. „Ohne meinen Mann und das zweite Gehalt könnte ich mir diesen Beruf nicht leisten”, sagt sie. Doch möglichst viele und dafür kürzere Hausbesuche zu absolvieren, damit ihre Arbeit lukrativer ist, ist für sie keine Alternative. „Mir ist es wichtig, die Familien gut zu betreuen und dafür brauche ich Zeit. Deswegen nehme ich auch nur fünf Frauen pro Monat an, im Sommer waren es aber sieben, weil so viele Kolleginnen verreist waren.”

Im Schnitt muss Kerlen-Petri 20 Frauen im Monat absagen. „Das ist jedes Mal ein blödes Gefühl, weil ich weiß, wie schwer es ist, in Berlin eine Hebamme zu finden.” Eigentlich müsse man sich schon in dem Moment, in dem der Schwangerschaftstest positiv ist, um eine Hebamme bemühen. „Oder spätestens bis zur vierten Woche”, sagt Kerlen-Petri, die selber keine Geburtshilfe leistet, sondern sich auf die Vor- und Nachsorge spezialisiert hat.

„Reisewarnung“ für Schwangere

In der Hauptstadt wird es für werdende Eltern immer schwerer, eine Hebamme zu finden. Im Jahr 2017 wurden in Berlin rund 42.000 Babys geboren – so viele wie seit den Babyboom-Zeiten der 60er-Jahre nicht mehr. Der Mangel an Hebammen und der Anstieg an Geburten haben in der Hauptstadt zu einer Versorgungslage geführt, die so prekär ist, dass die bundesweite Elterninitiative „Mother Hood” im vergangenen Juli in einer„Reisewarnung” schwangeren Frauen vom Urlaub in einigen Regionen Deutschlands, darunter auch in Berlin, abgeraten hat. In Berlin sei eine sichere Schwangerschaftsversorgung nicht gewährleistet. In der Facebook-Gruppe „Hebammenvermittlung Berlin” posten verzweifelte Frauen stündlich ihre Gesuche. „An schlechten Tagen kann ich das nicht anschauen, das macht mich zu traurig”, sagt Kerlen-Petri, die werdende Eltern in ihren Geburtsvorbereitungskursen auch darauf vorbereitet, dass sie im schlimmsten Fall vom Kreißsaal abgewiesen werden können – auch, wenn sie sich Monate vor der Geburt beim Krankenhaus angemeldet haben. Durch den Personalmangel seien die Kliniken mitunter dazu gezwungen. So meldeten im ersten Halbjahr 2017 mindestens 15 der 19 Berliner Geburtskliniken eine Sperrung für Gebärende an die Feuerwehr, pro Krankenhaus im Schnitt 32 Mal.

Im Februar beschloss der runde Tisch Geburtshilfe ein Zehn-Punkte-Programm, das die Geburtshilfe in Berlin verbessern soll. Unter anderem stellt das Land Berlin 20 Millionen Euro für den Bau von Kreißsälen bereit. Auch die Arbeitsbedingungen für Hebammen sollen attraktiver werden. Doch bis diese Hilfen ankommen und die Maßnahmen umgesetzt werden, bleibt die Lage ernst. Selbst wenn alles gut geht und Eltern wie geplant in der Klinik entbinden können, bei der sie sich angemeldet haben, kann die Erfahrung dort eine traumatische sein. Kerlen-Petri berichtet von einem Paar, das mit den Worten „Klingeln Sie, wenn etwas ist” über Stunden alleine gelassen wurde. „Der werdende Vater hat immer wieder die Klingel gedrückt, aber das Klinikpersonal war zu überlastet, keiner kam, und er wollte seine Frau auch nicht alleine lassen. Das Paar war völlig überfordert und auf sich gestellt“, sagt Kerlen-Petri. „Wenn ich solche Erfahrungen höre, bin ich immer ganz erstaunt, dass sich Eltern auf ein zweites Kind einlassen.” Würde sie selber noch einmal Hebamme werden? „So verrückt es klingt: Ja. Es ist ein großes Glück, Familien wachsen zu sehen und sie dabei begleiten zu können. Es ist ein wunderbarer Beruf.” Allerdings sei es an der Politik, etwas dafür zu tun, dass es wieder reizvoller werde, sich für diesen zu entscheiden.

Geburtshilfe

Zahlen: 24.000 Hebammen arbeiten in Deutschland, davon 9301 fest in Kliniken. In Berlin waren 2016 insgesamt 1452 Hebammen registriert, 37,6 Prozent mehr als 2007.

Haftpflicht: Viele freiberuflich arbeitende Hebammen leisten nur Vor- und Nachsorge, keine Geburtshilfe. Das auch an den hohen Haftpflichtprämien, die Hebammen aufbringen müssen, die Geburtshilfe leisten. 1992 lag die jährliche Prämie noch bei 178,95 Euro, im Jahr 2018 liegt sie bei 8.174 Euro.

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