Feierstunde

Ernst Reuter - Ein Wegbereiter für die Demokratie

Vor 70 Jahren hielt Ernst Reuter seine Rede „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“. Am Pariser Platz wurde an ihn erinnert.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigt Ernst Reuter, der vor 70 Jahren seine legendäre Rede an die Völker der Welt hielt

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigt Ernst Reuter, der vor 70 Jahren seine legendäre Rede an die Völker der Welt hielt

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Viele sind gekommen, an diesem Sonntagvormittag in Berlin, um bei einer Feierstunde an einen Tag zu erinnern, der im offiziellen Gedenken nicht so eine große Rolle spielt. In einem Jahr, in dem doch an so viele wichtige Ereignisse erinnert wird, wie auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) in seiner Rede aufzählte – 1918, das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, 1938, das Jahr der Novemberpogrome vor 80 Jahren, oder 1968, das Jahr der Studentenbewegung vor 50 Jahren.

Aber da gab es eben auch jenen 9. September 1948, als der damalige Oberbürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, seine flammende Rede hielt. Auf den Stufen des Reichstags, mitten im Herzen der Stadt, mitten im zerstörten Berlin. „Ihr Völker der Welt. (...) Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt“, rief Reuter. Damals, vor 70 Jahren.

Viele ehemalige Berliner Politiker folgen der Einladung

Um an ihn, diesen großen Berliner Politiker zu erinnern, hatten der Regierende Bürgermeister und die Stiftung Ernst-Reuter-Archiv am Sonntag in das Allianz Forum am Pariser Platz geladen. Ganz in der Nähe des Ortes, an dem Reuter damals vor 300.000 Berlinern sprach. Viele ehemalige und einige aktive Berliner Politiker kamen, um Müller und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu hören, um die Podiumsdiskussion mit Reuters Sohn, Edzard Reuter, dem ehemaligen Vorsitzenden der Daimler-Benz AG, über Freiheit und Demokratie zu verfolgen.

Klaus Wowereit und Walter Momper, die früheren Regierenden Bürgermeister waren da, der Präsident des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland, SPD-Fraktionschef Raed Saleh, Staatssekretärin Sawsan Chebli, die ehemaligen SPD-Senatoren Norbert Meisner und Ingeborg Junge-Reyer, der Rechtsanwalt und Kunstmäzen Peter Raue, der ehemalige CDU-Senator Wolfgang Branoner und der frühere Abgeordnetenhauspräsident Herwig Haase (CDU), der Grünen-Abgeordnete Daniel Wesener. Führende Berliner CDU-Politiker allerdings fehlten ebenso wie Vertreter der Linken.

Die Menschen hingen 1948 an seinen Lippen

Steinmeier und auch Müller würdigten Reuter als „unerschrockenen Wegbereiter der Demokratie“. Reuters Ansprache am 9. September verfolgten zwar Tausende Berliner, die, so Müller, „an seinen Lippen“ hingen. Aber Reuter habe eigentlich nicht zu ihnen, sondern zur Welt gesprochen. „Seine Rede wurde zu einem Symbol für den Selbstbehauptungswillen Berlins“, sagte Müller. Die Verzweiflung der Menschen war damals groß, der Kalte Krieg zeigte sein böses Gesicht.

Mitte Juni wurde dann, auch von Oberbürgermeister Reuter unterstützt, die D-Mark in den Westzonen und den Westsektoren Berlins eingeführt, die Sowjetunion reagierte darauf mit der Blockade von West-Berlin im Juni 1948. Die Westalliierten versorgten Berlin umgehend über eine Luftbrücke, doch die Not und vor allem die Angst waren – drei Jahre nach Kriegsende – groß. Mit seinem leidenschaftlichen Appell erreichte Reuter auch, dass die Westalliierten die West-Berliner in den kommenden Monaten nicht im Stich ließen.

Der Mut des SPD-Politikers machte den Unterschied

„Es war sein Mut, der den Unterschied machte. Reuters Mut zur Demokratie“, sagte Bundespräsident Steinmeier. Damit sei Reuter auch einer der wichtigsten Wegbereiter der Demokratie gewesen, so Steinmeier. Und er erinnerte daran, dass das damals gar nicht so selbstverständlich war, wie es den Zuhörern heute vielleicht vorkomme. 1948, da lag das Ende des Zweiten Weltkriegs erst drei Jahre zurück. Es war keine Selbstverständlichkeit, dass sich die Westalliierten so für die Berliner einsetzen, für ein Deutschland, in dem die Nazis geherrscht und so viel Leid über die Welt gebracht hatten.

Reuter, so erinnerte Steinmeier, war zu diesem Zeitpunkt schon von einer Spaltung Deutschlands ausgegangen, er, der SPD-Politiker, der 1938 ins Exil in die Türkei geflohen war, hatte sich – angesichts der Politik der Sowjetunion – schon früh für die Gründung eines eigenen westdeutschen Staates ausgesprochen. Reuter stellte sich damit aber auch gegen enge sozialdemokratische Weggefährten wie Louise Schröder oder Carlo Schmid, die eine Teilung Deutschlands ablehnten. „Ernst Reuter wollte die staatliche Souveränität, weil sie die Voraussetzung für einen demokratischen Neubeginn, für die politische Zukunft Deutschlands war“, sagte der Bundespräsident. Die Geschichte gab Reuter recht.

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