Fehlzeiten-Studie

Fast jeder dritte Arbeitnehmer fühlt sich ausgebrannt

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Florian Schmidt
Die Berliner Landesbetriebe versuchen die Mitarbeiter mit Beschwerden zu versetzen

Die Berliner Landesbetriebe versuchen die Mitarbeiter mit Beschwerden zu versetzen

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / dpa

Rückenleiden sorgen laut AOK für viele Ausfälle. Kranke Mitarbeiter der Berliner Landesbetriebe werden eher versetzt statt gekündigt.

Berlin.  Stress, körperliche Anstrengung, fehlende Anerkennung: Zahlreiche Menschen leiden unter den Folgen ihrer Arbeit. Laut einer repräsentativen Studie des Bundesverbands der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) geben 65 Prozent der befragten Arbeitnehmer an, gesundheitliche Probleme zu haben – die sie häufig auf ihren Job zurückführen.

Besonders alarmierend: Fast jeder Dritte fühlt sich ausgebrannt. Von diesen wiederum glauben 75 Prozent, dass ihr Beruf die Ursache für ihr Leiden ist. Ähnlich sieht es dem aktuellen „Fehlzeiten­report“ der AOK zufolge bei Rückenleiden aus. Mehr als jeder Zweite beteuert, Schmerzen im Kreuz zu haben, wovon knapp 74 Prozent den Job als Grund sehen. Verrechnet man beide Werte, ergibt sich so, dass rund 38 Prozent der Befragten berufsbedingte Rückenschmerzen haben.

Viele Beschwerden können dabei stark mit der Arbeitsatmosphäre zusammenhängen, wie Studienleiter Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK erklärt. „Unsere Studie belegt: Wenn für Arbeitnehmer der Sinn in ihrem Job verloren geht, leiden Körper und Psyche“, sagt er.

Schröder und seine Kollegen von der Universität Bielefeld haben für den Fehlzeitenreport 2030 Arbeitnehmer befragt. Neben Angaben zu Fehlzeiten und Krankheiten wollten sie unter anderem wissen, was den Studienteilnehmern (sehr) wichtig an ihrer Arbeit ist. Insgesamt wurden 16 Werte abgefragt. Die höchsten Zustimmungsraten erzielten die Aussagen „sichere und gesunde Arbeitsbedingungen“ mit 94 Prozent, „das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun“ (93 Prozent) und der Eindruck, eine „interessante Tätigkeit“ auszuüben (92,7 Prozent). Abgeschlagen auf Platz 13 von 16 landete das „hohe Einkommen“, nur 60,6 Prozent der Befragten hielten dies für wichtig oder sehr wichtig.

Gute Beziehung zum Chef wichtig

Von großer Bedeutung ist für die Arbeitnehmer außerdem, dass sie sich am Arbeitsplatz wohlfühlen, 97,9 Prozent wünschen sich dafür eine gute Zusammenarbeit mit den Kollegen, 96,8 Prozent, dass ihre Firma loyal zu ihnen ist und hinter ihnen steht. 92,4 Prozent der Befragten gaben ferner an, dass ihnen eine gute Beziehung zum Chef (sehr) wichtig ist.

„Oft passen Wunsch und Wirklichkeit aber nicht zusammen“, so Schröder. „Gerade bei der Frage der Loyalität der Firma zum Mitarbeiter ergibt sich eine große Lücke.“ Nur knapp 69,3 Prozent der Befragten fanden, dass ihr Unternehmen hinter seinen Mitarbeiter steht, auch das Verhältnis zum Vorgesetzten wird oft schlechter wahrgenommen als gewünscht. „Das hat unserer Studie zufolge auch Auswirkungen auf den Krankenstand“, sagt Schröder. „Dort, wo Anspruch und Wirklichkeit gut zusammenpassen, geht das mit weniger arbeitsbedingten gesundheitlichen Beschwerden, weniger Fehlzeiten einher.“ Anders ausgedrückt: Kümmert sich ein Betrieb gut um seine Arbeitnehmer, vermittelt er ihnen Sinn, sind die Angestellten weniger krank.

Das haben auch die drei größten Berliner Landesbetriebe erkannt – gerade wenn es um ältere Kollegen geht oder um solche, die ihrer Tätigkeit aufgrund eines körperlichen oder geistigen Leidens nicht mehr nachgehen können. „Bei uns sind aktuell 370 sogenannte leistungsgewandelte Mitarbeiter beschäftigt“, sagt Anke Brinkmann, Leiterin des Gesundheitsmanagements der Berliner Stadtreinigung (BSR). Gemeint sind damit etwa Müllmänner, die wegen Rückenerkrankungen keine schweren Mülltonnen mehr aus den Kellern ziehen können. Verglichen mit der Gesamtzahl aller BSR-Mitarbeiter (rund 5400) ist die Zahl zwar gering, jedoch hat sie sich in den vergangenen zwei Jahren um 17 Prozent erhöht. „Einige Mitarbeiter bessern etwa kaputte Papierkörbe aus“, sagt Brinkmann.

Neue Tätigkeiten statt Kündigung

Auch die Wasserbetriebe kennen das Phänomen, versetzen Mitarbeiter mit körperlichen Leiden etwa auf Pförtnerstellen. Bei der BVG sind vergangenes Jahr 24 Mitarbeiter mit einem ärztlichen Attest auf eine neue Stelle gekommen. „Wir entlassen niemanden, sondern versuchen neue Tätigkeiten zu finden“, sagt Sprecherin Petra Reetz. Frühere U-Bahnfahrer etwa arbeiten jetzt in der Twitter-Redaktion der BVG. „Wir können dabei stark auf ihre Erfahrungen zurückgreifen. Das hilft uns sehr“, so Reetz.

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