Organspende

Berliner spenden nur 35 Organe

Der Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn offenbart, dass auch in der Hauptstadt die Spendenbereitschaft gering ist.

Wie Berliner Spahns Vorschlag finden

Gesundheitsminister Spahn will die doppelte Widerspruchslösung bei Organspenden einführen. Viele Berliner haben dazu eine klare Meinung.

Organspende: So denken Berliner über Spahns Vorschlag

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Berlin.  Der Vorstoß des Bundes­gesundheitsministers Jens Spahn (CDU), grundsätzlich alle Bürger zu Organspendern zu erklären, ist in Berlin auf ein geteiltes Echo gestoßen. Spahn möchte nur bei aktivem Widerspruch verbieten, Hirntoten oder Unfallopfern grundsätzlich dringend benötigte Organe entnehmen zu dürfen.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) begrüßte Spahns Initiative. Sie hatte sich angesichts von 10.000 Menschen, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, schon früher für die sogenannte Widerspruchsregelung ausgesprochen und Spahn aufgefordert, aktiv zu werden. „Die Entscheidung für eine Organspende ist eine höchst persönliche“, sagte Kolat. „Ich selbst habe mich dafür entschieden. Aber wer seine Organe nicht spenden möchte, ist frei zu widersprechen. Niemand darf gezwungen werden. Aber es ist sehr wohl zumutbar, dass man sich mit dieser wichtigen Frage bewusst auseinandersetzt und eine Entscheidung trifft“, so die Senatorin.

Mehr Organe transplantiert als gespendet

In Berlins Krankenhäusern werden seit Jahren deutlich mehr Organe transplantiert als gespendet. 2017 zählten die Kliniken der Hauptstadt nur 35 gespendete Organe, ohne die bei Nieren oder Lebern nicht unübliche Spende lebender Angehöriger. Im ersten Halbjahr 2018 waren es 24 gespendete Organe. Transplantiert wurden in Berlin nach Daten der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ohne die Lebendspenden aber 215 Organe, fast die Hälfte davon Nieren, aber auch Lebern, Herzen und Lungen. Auf der Warteliste in Berlin stehen 547 Patienten, vier Fünftel hoffen auf eine Spenderniere.

Ethisch gesehen ist die Widerspruchsregelung aber umstritten. Die katholische Kirche spricht sich dagegen aus. Der Ethik-Professor An­dreas Lob-Hüdepohl von der Katholischen Fachhochschule für Sozialwesen in Karlshorst sagte, eine Organentnahme sei auch bei Leichnamen ein „Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“. Die Würde als Mensch reiche „über den Tod“ hinaus, sagte der Professor, der als Mitglied im Deutschen Ethikrat die Bundesregierung berät. Zumal das Kriterium des Hirntodes, nach dem Organe entnommen werden können, umstritten sei.

Für wichtiger als die Widerspruchsregelung hält der Experte die praktischen Verbesserungen, die der Gesundheitsminister Spahn in seinem Entwurf für ein neues Organspende­gesetz anstrebt. Hier sähen viele Experten Schwachstellen in den Krankenhäusern, die verbessert werden müssten. Das sieht auch der Chefarzt der Neurochirurgie des Vivantes-Klinikums Friedrichshain, Dag Moskopp, so. Der Professor hat schon 400 Hirntode diagnostiziert und ist mit dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod vertraut. Aus der Sicht des Praktikers mangelt es in den Krankenhäusern an dem Wunsch, Spender zu gewinnen. Das müsse als „etwas Nobles“ angesehen werden.

Im Alltag der Intensivstationen fehle es an Zeit, schon vor einem sich abzeichnenden Tod eines Patienten persönlich und einfühlsam mit Angehörigen zu sprechen und sie auf die Organspende hinzuweisen. Kurz nach dem Tod eines geliebten Menschen würden zwei von drei das Anliegen zurückweisen. Bisweilen verhindere zudem der Dienstplan, dass die Aktivitäten eines Neurologen, der den Hirntod diagnostiziert, und des Transplantationsbeauftragten so koordiniert werden können, dass Organe entnommen werden könnten.

Moskopp ist überzeugt, dass auch bei einer Widerspruchsregelung Ärzte kaum ohne das Einverständnis der Angehörigen handeln könnten: „Die Zustimmungs­lösung ist emotional schwierig, aber bei der Widerspruchslösung besteht die Gefahr langer Konflikte. Man kann in beiden Systemen Gutes tun.“

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