Riss in Brücke

Elsenbrücke gesperrt: Verkehrschaos "äußerst erschreckend“

Die Sperrung der Elsenbrücke in Friedrichshain sorgt für einen Verkehrsinfarkt. Ein Ende des Chaos ist nicht in Sicht.

Weil die Elsenbrücke nur noch eingeschränkt befahrbar ist, staut sich der Verkehr auf den umliegenden Straßen wie hier auf der Puschkinallee

Weil die Elsenbrücke nur noch eingeschränkt befahrbar ist, staut sich der Verkehr auf den umliegenden Straßen wie hier auf der Puschkinallee

Foto: Morris Pudwell

Berlin. Sie haben die Ruhe weg, und das müssen sie auch. Vor mehr als einer Stunde haben sich Carsten und Peer von Köpenick aus auf den Weg Richtung Alexanderplatz gemacht. Normalerweise brauchen sie für die Strecke nicht mal 30 Minuten. Heute geht schon nach wenigen Kilometern gar nichts mehr. Die beiden Informatiker stecken mit ihrem Golf auf der Puschkinallee im Stau – eine Blechlawine, so weit das Auge reicht. „Kann man nix machen, der Chef weiß schon Bescheid“, sagt Peer und dreht die Musik auf.

Kilometerlange Staus bis nach Kreuzberg

Der Grund für das Verkehrschaos im Berliner Osten an diesen Montagmorgen führt über die Spree, ist 165 Meter lang und nicht in bestem Zustand. Seit Freitag ist die Elsenbrücke, die Alt-Treptow mit Friedrichshain verbindet, nur noch eingeschränkt befahrbar. Fachleute entdeckten einen Riss an der Unterseite des Bauwerks, seither ist die gerade im morgendlichen Berufsverkehr viel genutzte Fahrbahn Richtung Ostkreuz gesperrt.

Die Folge: teils kilometerlange Staus, neben der Puschkinallee auch auf der Elsenstraße oder auf der Schlesischen Straße in Kreuzberg, die als Zubringer Richtung Oberbaumbrücke genutzt wird – für die meisten die einzig verbliebene Möglichkeit, über die Spree zu kommen. Noch am Montagnachmittag vermeldet die Berliner Verkehrsinformationszentrale verlängerte Fahrzeiten von 70 Minuten und mehr. Die Buslinie 104 der Berliner Verkehrsbetriebe endet wegen der Sperrung bereits am Treptower Park, die Linie 194 am Bahnhof Ostkreuz. Einzig die Radfahrer könne der Havarie etwas Positives abgewinnen: Ohne Autos haben sie einen Großteil der Brücke für sich allein.

Erst am heutigen Dienstag soll sich die Lage für Autofahrer etwas entspannen. Wie von der Senatsverkehrsverwaltung angekündigt, wird im Laufe des Tages eine neue Streckenführung eingerichtet, dank der dann immerhin zwei statt drei Spuren pro Richtung zur Verfügung stehen. Flüssig rollen wird der Verkehr dann aber trotzdem nicht, da weiterhin eine Hälfte der Brücke gesperrt ist. Und wann die Überführung wieder uneingeschränkt befahrbar ist, ist aktuell ungewiss. Man könne dazu noch keine Aussagen treffen, der Schaden müsse noch weiter geprüft werden, sagt ein Verwaltungssprecher.

Experten sind alarmiert. „Das ist eine böse Sache und äußerst erschreckend“, sagt Jörg Becker vom ADAC Berlin-Brandenburg. Der Vorfall samt seiner Folgen zeige, welch wichtiger Bestandteil Brücken für das Verkehrsnetz seien. „Die Elsenbrücke ist ein exemplarisches Beispiel für das Problem mit den Spannbetonbrücken, die in den 60er- und 70er-Jahren in Berlin gebaut wurden“, so Becker. Dieses Verfahren galt seinerzeit als modern, weil praktisch und variabel.

50.000 Fahrzeuge täglich

Mit der Zeit stellte sich aber heraus, dass unter andauernder Verkehrsbelastung die Spannstäbe im Beton ermüden können und Risse entstehen. So wurde die 1968 eröffnete Elsenbrücke bereits vor zehn Jahren umfangreich saniert, seither hat ihre Belastung aber weiter zugenommen: Rund 50.000 Fahrzeuge passieren das Bauwerk inzwischen täglich.

Dass sie nun abermals gesperrt wurde, spreche zwar für die strengen Kontrollen der Verkehrsverwaltung, so Becker, nicht aber für den Zustand der Berliner Brücken. Knapp 1100 für den Straßen-, Fuß- oder Radverkehr gibt es in der Hauptstadt. Der Zustand von mehr als 40 davon gilt als nicht ausreichend oder ungenügend, auf rund 50 Brücken gelten derzeit Verkehrseinschränkungen wie Fahrverbote oder Tempolimits.

„Verkehr wird sich mit der Zeit einpendeln“

Zwar werden an 20 Brücken dieses Jahr Sanierungsarbeiten vorgenommen, der gesamte Investitionsstau liegt aber bei 1,3 Milliarden Euro – eine Mammutaufgabe, für die Kapazitäten fehlen, sowohl in der Verwaltung, als auch im Baugewerbe. SPD, Linke und Grüne hatten sich im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, ein sogenanntes Erhaltungsmanagement für Brücken einzuführen, bei dem Schäden noch frühzeitiger erkannt und behoben werden. Dem Vernehmen nach ist Rot-Rot-Grün dabei aber noch nicht wirklich weit gekommen.

ADAC-Experte Becker fordert im Fall der Elsenbrücke als kurzfristige Maßnahme mehr Tempo bei den Straßenbaustellen im Umfeld, etwa am Ostkreuz. Mit der Zeit würde sich der Verkehr trotz der Sperrung einpendeln. Dennoch: „Berlin kann es sich nicht leisten, dass noch mehr Brücken nicht zur Verfügung stehen.“

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