Berliner Stadtreinigung

BSR-Chefin: „Viele Orte in Berlin sind super-sauber“

Tanja Wielgoß widerspricht der Auffassung, dass die Stadt schmutziger sei als früher. Die Berliner seien sensibler geworden.

BSR-Chefin Tanja Wielgoß

BSR-Chefin Tanja Wielgoß

Foto: jörg Krauthöfer für BERLINER MORGENPOST

Berlin. Im Flur vor ihrem Büro in der BSR-Zen­trale an der Tempelhofer Ringbahnstraße hängen Fotos von rostigen Spulen und anderem Abfall, der sehr ästhetisch aussieht. Tanja Wielgoß, die zweite Frau auf dem Chefsessel bei der Berliner Stadtreinigung mit 5400 Mitarbeitern, hat auch kein Problem mit Schmutz und Müll. Sie würde gerne noch mehr tun in Berlin.

Frau Wielgoß, viele Menschen klagen über Vermüllung und Verwahrlosung. Ist Berlin heute dreckiger als früher?

Tanja Wielgoß: Wir wissen aus wissenschaftlichen Studien, die wir mit der Humboldt-Universität machen, dass es in Berlin besser geworden ist. Wir haben dabei auch die Wahrnehmung der Leute getestet. Das Empfinden für die Sauberkeit in Berlin ist viel stärker geworden. Gleichzeitig hat sich die Qualität verbessert. Aber weil die Sensibilität zugenommen hat, wird Sauberkeit immer mehr zum Thema. Gleichzeitig sehen wir, dass wir an einigen Problemen wirklich etwas verändern können. Die Menschen merken, dass etwas geschieht, wenn sie darüber sprechen.

Was müsste passieren, um Berlin wirklich ein für alle Mal sauber zu machen? Ginge das überhaupt?

Das ist in einer solchen Riesenstadt natürlich schwierig. Es gibt viele Stellen in der Stadt, die sind super-sauber, und es gibt immer noch schmutzige Bereiche. Wir brauchen einen Dreiklang: eine gute Stadtreinigung, die auch für die problematischen Orte verantwortlich ist. Wir brauchen ein Bewusstsein der Bevölkerung. Da ändert sich gerade etwas. Es ist nicht mehr schick, seinen Müll fallen zu lassen. Das dritte ist der Vollzug. Wir müssen deutlich machen, dass es illegal ist, Dreck fallen zu lassen und Sofas auf die Straße zu stellen. Da sind einige Bezirke wie Neukölln schon aktiv, um so etwas zu ahnden.

Ihre Leute säubern jetzt 49 Parks. Wie sind die Erfahrungen?

Super. Wir machen das ja in zwölf Parks schon seit 2016, jetzt kam die zweite Welle. Wir stellen fest, dass die Leute froh sind, wenn unsere Mitarbeiter da sind und sie ihre Parks besser nutzen können. Das ist ein tolles Projekt. Da sollte man langsam aus dem Pilot-Status rauskommen.

Warum macht die BSR dann nicht flächendeckend die Grünanlagen sauber?

Das ist eine politische Abwägung, ob man das Geld dafür ausgeben möchte. Wir haben je nach Zählweise zwischen 2400 und 2700 Grünflächen in der Stadt. Wenn man die alle durch uns reinigen lassen wollte, müsste man ein Zehn-Jahres-Aktionsprogramm aufsetzen und die Finanzierung sicherstellen. Das würde sich auf jeden Fall auszahlen. Wir sparen dann ja bei Gesundheit, Integration, Sicherheit. Die Lebensqualität würde zunehmen. Wir würden uns freuen, wenn die Politik so entschiede.

Was würde solch ein Programm kosten?

Wir haben mal grob gerechnet. Wir würden etwa 1000 Mitarbeiter zusätzlich brauchen und etwa 130 Millionen Euro pro Jahr.

Dann wären alle Parks sauber? Das klingt ja recht günstig …

Das finden wir auch. Aber man braucht natürlich eine Planung über zehn Jahre, weil wir an verschiedenen Orten eben auch zusätzliche Infrastruktur brauchen und entsprechend investieren müssen. Aber wenn man das sukzessive machen würde, wäre das ein Wohlfühlprogramm für Berlin.

Vor allem in Neukölln beklagen sich Leute über Müll auf den Straßen. Wird dort genügend gefegt?

Gerade in Neukölln sind wir sehr häufig unterwegs. Viele Straßen dort sind in hohen Reinigungsklassen, es wird eben nicht nur in Touristen-Zonen oft gefegt. In der Karl-Marx-Straße reinigen wir bis zu 21 Mal pro Woche. Inzwischen sind 165 Kilometer Straßen in der höchsten Reinigungsklasse A1a, fast 50 Prozent mehr als 2014. In Neukölln haben wir eine enge Zusammenarbeit mit dem Bezirk, wenn es um illegale Müllablagerungen geht. Wir fahren dort in Absprache mit dem Ordnungsamt fast schon Standard-Touren, um Sperrmüll aufzusammeln. Das schnelle Beseitigen von Sperrmüll auf der Straße ist natürlich auch zweischneidig. Wenn die Leute merken, dass ihr Müll am nächsten Tag weg ist, stellen sie ihren Krempel wieder dorthin. Aber wir sind immer daran interessiert, schnell zu beseitigen, denn sonst wird häufig noch dazugestellt. Die Kosten sind aber natürlich erheblich.

Was kostet Sie das Aufsammeln illegal abgelagerten Sperrmülls?

Wir steuern in diesem Jahr für ganz Berlin auf die sechs Millionen Euro zu.

Müsste man nicht den Sperrmüll gratis abholen, wie früher an bestimmten Tagen an der Straße, damit Menschen nicht ihre alten Sofas und Fernseher auf die Straße stellen? Bisher kostet das Abholen mindestens 50 Euro für fünf Kubikmeter.

Unsere Preise sind vergleichsweise günstig. Man bewegt sich beim Sperrmüll in einem privaten Markt, da sind unsere Angebote mehr als wettbewerbsfähig. Aber Gratis-Abholen löst das Problem nicht. Die Leute wollen ihr Zeug immer sofort loswerden. Mal kurz was rausstellen ist da das Einfachste. Wir wissen auch, dass viel gewerblicher Müll von unseriösen Unternehmen so illegal entsorgt wird. An unseren 15 Recyclinghöfen kann man zudem fast alles kostenfrei abgeben.

Wie entwickeln sich die Abfallmengen, die Sie in den Haushalten einsammeln?

Beim Restmüll haben wir eine Stagnation. Wir haben zwar mehr Bewohner, aber das Pro-Kopf-Abfallaufkommen sinkt. Gleichzeitig haben wir eine massive Steigerung beim Bio-Gut, und das schon, bevor wir jetzt die Sammlung ausweiten. Über die letzten zehn Jahre sind die Bio-Abfallmengen um 40 Prozent gestiegen, sowohl absolut als auch pro Kopf. Das zeigt: Die Berliner machen mit.

Und was klauben Ihre Leute von der Straße? Essensreste und Coffee-to-go-Abfall?

Wir haben deutlich mehr Papierkörbe aufgestellt, inzwischen sind es – mit denen in den Parks – fast 25.000. Die Mengen, die wir so einsammeln, sind in vier Jahren um mehr als acht Prozent gestiegen. Die Papierkörbe sind vor allem voll mit Verpackungsmüll. Aber die Mengen sind vergleichsweise überschaubar, der Aufwand ist halt groß. Natürlich merken wir das To-go-Thema. Selbst Pizzen oder Sushi werden ja inzwischen in Parks geliefert. Und natürlich wäre es super, wenn die Leute die Parks nach dem Picknick wieder aufräumten. Wenn der Abfall im Mülleimer steckt, macht das deutlich weniger Arbeit, als wenn er einfach liegen gelassen wird. Wir wünschen uns, dass die Leute mehr Mehrweg nutzen. Aber wir sind auch realistisch, was die Wahrscheinlichkeit angeht. Und Saubermachen ist unser Job.

Alle reden über Plastikmüll, der die Meere verschmutzt. Treibt Sie das Thema um?

Ich persönlich halte das für eine Alibi-Diskussion. Man muss mehr machen, aber das Problem wird man nicht über Verbote von Strohhalmen lösen. Selbst eine Plastiktüte, die man drei oder viermal nutzt, hat eine bessere Ökobilanz als eine Papiertüte. Plastik zu verwerten ist oft schwierig. Wenn man 15 oder 20 verschiedene Plastiksorten separieren und dann noch bezahlen muss, damit das jemand abnimmt, dann ist das kein funktionierender Markt. Beim Plastik löst man, denke ich, das Problem nur, wenn man von hinten kommt.

Was bedeutet das?

Man könnte vorschreiben, dass in jedem Plastikprodukt ein Anteil von recyceltem Material enthalten sein muss – beispielsweise 20 oder 30 Prozent. Dann würde sich das System darauf ausrichten.

Das heißt, die Produktion von Plastik würde sich verändern?

Ja, dann gäbe es einen Impuls im Markt. Heute sortiert man mit Riesenaufwand und muss bezahlen, um das Zeug danach loszuwerden. Viel wird auch als Ersatzbrennstoff verbrannt. Wir müssen ein System schaffen, das die Logik dreht. Die Produzenten müssten sich recyceltes Material beschaffen, um überhaupt etwas herstellen zu können. Das bringt mehr, als jedem einzelnen Bürger ein schlechtes Gewissen zu machen. Plastik ist ja nicht nur böse. Mehrwegflaschen aus Plastik sind viel leichter als Glas, viele Lebensmittel halten deutlich länger, wenn sie sicher verpackt sind. Das reduziert Lebensmittelverschwendung.

Brauchen wir in Berlin neue Kapazitäten, um Abfall zu verbrennen oder zu sortieren?

Wir haben eine Anlage zur Kompostierung von Bio-Abfall in Brandenburg gekauft. Dieser Markt ist eng, da sind wir froh, dass wir in Zukunft Entsorgungssicherheit zu hohen BSR-Standards gewährleisten können. Beim Restmüll ist es eine Frage, wie Berlin damit umgehen will. Wir haben in unserem Müllheizkraftwerk in Ruhleben genügend Kapazitäten, die Mannschaft hat den Durchsatz in den letzten zwei Jahren noch einmal weiter gesteigert. Dann haben wir zwei Anlagen zur mechanisch-physikalischen Stabilisierung. Die sind entstanden, als man Müllverbrennung generell für böse hielt. Das Produkt aus diesen MPS-Anlagen ist nach Trocknung und Sortierung ein sogenannter Ersatzbrennstoff (EBS) – den bringen wir oder Alba, die für die Verwertung an dieser Stelle zuständig ist, in die Verbrennung, hier auch ins Kohlekraftwerk Jänschwalde.

Die Managerin

Karriere: Seit November 2014 ist Tanja Wielgoß Vorstandsvorsitzende der Berliner Stadtreinigung (BSR) und damit nach Vera Gäde-Butzlaff die zweite Frau auf diesem Posten. Nach ihrer Promotion und Stationen bei der Unternehmensberatung Roland Berger und als Alleingeschäftsführerin beim Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften war sie zuletzt als Partnerin für die weltweit gefragte Unternehmensberatung A.T. Kearney mit Schwerpunkt in der Transport-, Logistik- und Infrastrukturindustrie tätig.

Studium: Nach einem sozialen Jahr in den USA studierte sie Politik-, Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften in Jena und Aix-en-Provence. Nach einem Arbeitsaufenthalt am französischen Parlament verlegte sie 2001 ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin. Wielgoß wurde 1972 in Kaufbeuren geboren, ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

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