Wirtschaftswachstum

Berliner Wirtschaft wächst stärker als im Rest Deutschlands

„Berlin bleibt Boomtown“, sagt Senatorin Pop. Erneut übertrumpft die Wirtschaft in Berlin beim Wachstum den Bund. Doch es gibt Kritik.

Die Wirtschaft in Berlin wächst stärker als im Bund insgesamt (Archiv)

Die Wirtschaft in Berlin wächst stärker als im Bund insgesamt (Archiv)

Foto: pa

Manchmal sorgt der Boom in Berlin sogar für Streit: Ramona Pop, Wirtschaftssenatorin und Grünenpolitikerin, berichtet am Montag von einer kleineren Auseinandersetzung mit ihrem Parteifreund Tarek Al-Wazir, Wirtschaftsminister in Hessen. Es geht um Fintechs. Das sind junge Unternehmen, die mit neuen Finanzdienstleistungen ihr Geld verdienen und als Hoffnungsträger der Bankenbranche gelten.

Als deutsche Banken-Hauptstadt sei Frankfurt der beste Platz für die Fintechs, meint Al-Wazir. Pop sieht das natürlich anders. „Al-Wazir weiß, dass diese Schlacht für Frankfurt verloren ist“, sagt Berlins Senatorin während sie den jährlich Wirtschafts- und Innovationsbericht vorstellt.

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Pop: „Berlin bleibt Boomtown“

Berlin, erst kürzlich von der Bundesregierung zum offiziellen Fintech-Hub ernannt worden, hat dabei nicht nur auf dem Gebiet Start-ups und Unternehmensgründungen die Nase vorn: Zum vierten Mal in Folge wächst die bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands stärker als der Bund.

„Berlin bleibt Boomtown. Die Hauptstadt ist heute als starker Standort für Innovation und Start-ups etabliert. Die Wirtschaftsleistung und die Zahl der Beschäftigten entwickeln sich besser als in Deutschland insgesamt, neue Unternehmen entstehen in hohem Tempo. Das Wichtigste: Die dynamische Wirtschaftsentwicklung kommt bei den Berlinern an“, erklärt Pop.

Opposition: „Senat versäumt, Weichen richtig zu stellen“

Berlins derzeitige Erfolgsgeschichte wird vor allem von der Dienstleistungsbranche geschrieben: Mit 84,6 Prozent verzeichnete der Sektor im Jahr 2017 den größten Anteil an der Bruttowertschöpfung. In der Branche, die durch die Digitalwirtschaft geprägt wird, gab es im vergangenen Jahr mit einem Plus von zehn Prozent auch das stärkste Beschäftigungswachstum. Insgesamt sind 2017 mehr als 58.000 neue Jobs entstanden.

Die Erwerbstätigenquote stieg von 75,2 auf 76,2 Prozent. Kleiner Makel: In diesem Punkt hat Berlin weiter Nachholbedarf. Bundesweit liegt der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren bei 79,2 Prozent. Diese Lücke werde Berlin in den nächsten Jahren schließen, prophezeit Pop.

Wie die Bundesagentur für Arbeit berichtet, sind in der Stadt derzeit auch 11.200 Flüchtlinge sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Im Januar lag die Zahl noch bei 9800. Ein Grund für den starken Anstieg ist die Verbesserung der deutschen Sprachkenntnisse durch Sprachförderkurse. Zudem konnten sich zwischenzeitlich viele Migranten beruflich für den Arbeitsmarkt qualifizieren. Demgegenüber stehen 24.500 Geflüchtete, die in Berlin als arbeitssuchend gemeldet sind. Rund 8750 sind arbeitslos.

Berlin wächst stärker als der Bund

Für 2018 rechnet der Senat mit einem Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent – der Bund soll nur um 2,3 Prozent wachsen. Die Berliner Fachleute schienen zunächst noch zuversichtlicher, im April hatten sie für Berlin ein Wachstum von rund drei Prozent in Aussicht gestellt. Doch internationale Krisen und drohende Handelskriege hatten den Unternehmen Anfang des Jahres wohl schwerer zugesetzt als ursprünglich angenommen.

Die Wirtschaft in Berlin entwickele sich zwar dynamisch, sagt auch der wirtschaftspolitische Sprecher der Berliner CDU, Christian Gräff. Dieses Wachstum müsse aber auch gesteuert werden. „Ich sehe keine Initiative nach vorne, weder bei der Infrastruktur noch bei der Weiterentwicklung der Innovationsstrategie“, kritisiert Gräff. Der FDP-Abgeordnete Florian Swyter erklärt, Berlin habe im Vergleich zum Bund weiterhin Aufholbedarf: „Leider versäumt der rot-rot-grüne Senat, die Weichen richtig zu stellen, um ein dauerhaftes und nachhaltiges Wachstum der Wirtschaft zu sichern.“

IHK: Fachkräftemangel spitzt sich zu

Der Senat müsse jetzt dringend Rahmenbedingungen für ein robustes Wachstum schaffen, fordert die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Der Fachkräftemangel spitzte sich zu, die Mietpreise steigen und Gewerbeflächen würden knapp, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder. „Für eine wirtschaftsfreundliche Kultur in der Hauptstadt bedarf es umfassender Lösungsansätze für die Begleitung der Wirtschaft in das digitale Zeitalter, für mehr qualifizierte Fachkräfte sowie für die Gewerbeflächensicherung in der Stadt“, so Eder weiter.

Wirtschaftssenatorin Pop sagt, dass der Senat diese Herausforderungen angehe. Doch gerade beim Thema Flächen kam es in den letzten Wochen zu Verstimmungen – auch innerhalb der Koalition: Einen Streit wie beim früheren Areal der Knorr-Bremse in Marzahn möchte Rot-Rot-Grün künftig vermeiden. Wichtig ist Pop auch, dass Investitionen des Senats schneller als bisher umgesetzt werden.

Um die Infrastruktur in der Stadt zu modernisieren, hatte die Koalition das „Jahrzehnt der Investitionen“ ausgerufen. Problem: Das Baugewerbe boomt auch ohne die Aufträge der öffentlichen Hand. Viele Betriebe sind ausgelastet. „Wir brauchen einen Pakt zwischen Berlin und dem Bau“, sagte sie. Die Fachgemeinschaft Bau ist dafür offen. Hautgeschäftsführerin Manja Schreiner: „Ein verbindlicher Pakt mit festen Investitionszusagen ist genau das, was wir brauchen, um das verloren gegangene Vertrauen der Bauwirtschaft in die Zusagen der Politik zurückzugewinnen.“

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