Problemschulen in Berlin

"Ohne Geld für Sozialarbeit wird es an Schulen eskalieren"

Anti-Gewalt-Trainer Carsten Stahl wurde in die Spreewald-Schule eingeladen. Er verteidigt die Schulleiterin und kritisiert den Senat.

Anti-Mobbing-Trainer Carsten Stahl verteidigt die Schulleiterin der Spreewaldschule Doris Unzeitig

Anti-Mobbing-Trainer Carsten Stahl verteidigt die Schulleiterin der Spreewaldschule Doris Unzeitig

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Die Leiterin der Spreewald-Grundschule in Schöneberg wird Berlin bald verlassen. Doris Unzeitig fühlte sich mit den Problemen alleingelassen. In ihren letzten Tagen an der Schule an der Pallasstraße hat sie den Anti-Mobbing- und Anti-Gewalt-Trainer Carsten Stahl eingeladen.

Er soll am Dienstag mit den Kindern und Jugendlichen reden – sofern die Bildungssenatsverwaltung diesen Plan nicht noch durchkreuzt. Denn Stahl ist wegen seiner gewalttätigen Vergangenheit und seiner Aufklärungsmethoden umstritten. Im Morgenpost-Interview erhebt er massive Vorwürfe gegen die Schulverwaltung beim Senat und im Bezirk.

Herr Stahl, knapp 34.000 Kinder und Jugendliche haben bundesweit an Ihren Anti-Mobbing- und Anti-Gewalt-Seminaren teilgenommen. Dennoch sind Sie umstritten. Auch bei der Berliner Bildungssenatsverwaltung sind Sie nicht gerade beliebt. Warum hält Sie das nicht davon ab, an Berliner Schulen aufzutreten?

Carsten Stahl: Weil hier die Probleme groß sind, und ich rasch einen Draht zu den Schülern aufbaue. Warum man mich bei der Bildungssenatsverwaltung nicht mag? Wie die Leiterin der Spreewaldschule, Frau Unzeitig, benenne ich die Probleme. Knallhart. Das ist nicht bequem. Es ist ein Skandal, dass Schulleiter und Lehrer in Berlin so wenig Unterstützung bekommen. Da werden engagierte Leute mundtot gemacht. Für mich ist Frau Unzeitig eine Heldin. Es ist jammerschade, dass sie hinschmeißt. Verstehen kann ich es aber.

Inwiefern?

Ich sage da nur: Lieber Berliner Senat, liebe Bezirke, man ist nicht nur für das verantwortlich, was man tut. Man ist auch für das verantwortlich, was man nicht tut.

Was sollten die Verantwortlichen tun?

Sie müssen die Kinder schützen. Es reicht nicht, nur in Bauten zu investieren. Senat und Bezirke müssen auf negative Entwicklungen reagieren, statt sie schönzureden.

Das heißt konkret?

Der Berliner Senat investiert Millionen Euro in die Opern und zig Milliarden in den BER, die Stadt leistet sich zwei Pandabären. Pro Jahr zahlt der Zoo dafür eine Million US-Dollar Leihgebühr, etwa 920.000 Euro. Und was gibt das Land für die Gewaltprävention aus? Großherzig hat der Senat dieses Jahr rund 100.000 Euro zusätzlich in den Topf für die Brennpunktschulen gegeben. Ein Tropfen auf den heißen Stein. In Brandenburg ist man da weiter.

Wie kann die steigende Gewalt eingedämmt werden?

Es funktioniert nur über Aufklärung und Prävention. Wenn Berlin nicht mehr Geld für die Sozialarbeit in die Hand nimmt, wird die Situation an immer mehr Schulen eskalieren. In die Klassen müssen ausgebildete Pädagogen statt unerfahrene Quereinsteiger. Mobbing und Gewalt zu bekämpfen, ist aber auch Aufgabe der Gesellschaft. Wir haben heute eine neue Qualität der Gewalt. Wo früher dreimal geschubst wurde, wird heute fünfmal gegen den Kopf getreten.

Wie kommt diese Entwicklung zustande?

Die Hemmschwelle sinkt seit Jahren, in Computerspielen geht es darum, möglichst viele Tote zu produzieren, für gewaltverherrlichende Texte wird sogar der Echo-Preis verliehen. Vielen Jugendlichen fehlen die richtigen Werte, an denen sie sich orientieren können.

Auch Sie waren früher gewalttätig, gerieten in Neukölln auf die schiefe Bahn.

Ich erzähle den Kindern und Jugendlichen meine eigene Geschichte. Sie handelt davon, dass der Weg vom Opfer zum Täter nicht immer weit ist. Das macht meinen Erfolg als Deutschlands bekanntester Anti-Mobbing- und Anti-Gewalt-Trainer auch aus. Als Schüler war ich der „kleine Dicke“ mit rötlichen Haaren und Sommersprossen. Ich war damals ein harmloser Junge, der gehänselt und geschubst wurde. Später wurde ich zum Täter. Das war der falsche Weg.

Wie kam es dazu?

Jahrelang wurde ich an meiner Gesamtschule in Neukölln gedemütigt und fertiggemacht. Mit zehn Jahren landete ich in einer drei Meter tiefen Grube. Eine Rippe brach, ich hatte höllische Schmerzen. Die Jungs, die mich hineingestoßen hatten, lachten nur und haben auf mich heruntergepinkelt.

Da drehten Sie den Spieß um?

Ja. Ich hatte von da an so viel Wut in mir. Als ich da unten lag, wusste ich: Das vergisst du nie. Ich fing irgendwann an, zurückzuprügeln.

Später waren Sie im Kiez bekannt als einer, mit dem nicht zu spaßen ist.

Ich habe mich immer wieder in dieser Grube gesehen. Das hat viel negative Energie in mir freigesetzt. Kaum kam mir einer mit einem blöden Spruch, habe ich Streit gesucht, schlug sofort zu. Ich wurde stärker, machte dann auch Kampfsport. Endlich war ich am längeren Hebel, endlich konnte ich es allen zeigen.

Und ab wann wurden Sie dann auch noch kriminell?

Der Übergang war fließend. Irgendwann wollten die meisten nichts mehr mit mir zu tun haben. Kriminelle kamen auf mich zu, und schon war ich dabei: Mit 16 gaben sie mir 2000 Mark und ein Päckchen, sie sagten: Bring das mal von A nach B. Teure Autos, hübsche Frauen, ein cooles Image. Schnell war ich Teil des Systems und machte für die Großen im Kiez die Drecksarbeit. Irgendwann aber bist du denen ausgeliefert. Ich mache ja auch Präventionsarbeit in den Jugendstrafanstalten. Da sage ich den Jugendlichen ganz deutlich: Kriminelle kennen keine Regeln. Lasst euch nicht mit ihnen ein!

Ihre Aufklärungsmethoden sind umstritten. Sie sollen schon mal mit einer Waffe vor den Kindern gestanden haben.

Das war eine Gummipistole, um eine Gewaltspirale zu demonstrieren. Aufklärung mit Handpuppen, wie der Senat sie heute noch betreibt, ist doch nicht zeitgemäß.

Was werden Sie den Kindern und Jugendlichen heute bei Ihrem Auftritt in der Spreewaldschule erzählen?

Dass Gewalt und Mobbing nicht ihre Zukunft sind – und wie man sich wehren kann. Frau Unzeitig und ihre Lehrer möchten mit mir zusammen ein Zeichen für mehr Respekt und Toleranz und für mehr Zusammenhalt an dieser Schule setzen.

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