Motorsport

Spektakuläre Idee: Ein  Formel-1-Rennen im Tiergarten

Der Vermarktungschef der Formel 1, Sean Bratches, bringt Berlin als möglichen Austragungsort für ein Stadtrennen ins Spiel.

Sebastian Vettel ließ im November 2010 vor dem Brandenburger Tor seinen Boliden qualmen und feierte so seinen Weltmeistertitel

Sebastian Vettel ließ im November 2010 vor dem Brandenburger Tor seinen Boliden qualmen und feierte so seinen Weltmeistertitel

Foto: dpa / dpa/DPA

Berlin. Der Formel-1-Vermarktungschef Sean Bratches sieht Berlin als möglichen Austragungsort für ein Stadtrennen der Motorsport-Königsklasse. „Ich bleibe optimistisch, immerhin fahren wir auch durch Monaco oder Singapur. Vielleicht fahren wir auch mal durch den Tiergarten“, sagte der 58-Jährige nun in einem Interview in der „Bild am Sonntag“. Der Amerikaner Bratches wurde in Berlin geboren. Die Hauptstadt sei wie viele weitere Metropolen „für ein Stadtrennen spannend“, sagte Bratches weiter. Die Umsetzung sei jedoch „ein kompliziertes Thema“.

In der Tat hat Berlin bereits Erfahrung mit der Formel-1 gemacht – und das war keine gute. Im Jahr 1959 fand auf der Avus, einem Teilstück der Autobahn 115 im Südwesten Berlins, das erste, und bisher einzige, Stadtrennen statt. Im Sportwagenrennen, das am Tag vor dem eigentlichen Formel-1-Rennen ausgetragen wurde, starb der Rennfahrer Jean Behra, als er im Regen die Kontrolle über seinen Wagen verlor und gegen einen Mast krachte. Der Schock saß so tief, dass in Berlin seitdem kein Formel-1-Rennen mehr ausgetragen wurde.

Formel E findet seit 2015 in der Hauptstadt statt

Dabei ist Berlin Autosportveranstaltungen nicht abgeneigt. Seit 2015 ist die Stadt Gastgeber für die vollelektrische Rennserie Formel E. Das Premiere-Rennen wurde auf dem Gelände des Tempelhofer Feldes ausgetragen. Im folgenden Jahr durften die bis zu 272 PS starken Formel-E-Autos dann sogar durch Mitte düsen, an der Grenze zu Friedrichshain. Gefahren wurde über die Karl-Marx-Allee, den Straußberger Platz und die Lichtenberger Straße.

Dieses Rennen durch die Innenstadt hatte jedoch für massive Kritik gesorgt: Tagelang hatte es zu Verkehrseinschränkungen geführt. Anwohner und Bezirkspolitiker beschwerten sich außerdem über Lärm. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz musste also über eine Alternative nachdenken. Im Jahr 2017 kehrte der Rennzirkus dann wieder an den ehemaligen Flughafen Tempelhof zurück.

Auch in diesem Jahr fand hier der E-Prix statt, der aus insgesamt zwölf Rennen besteht, die in zehn verschiedenen Metropolen weltweit ausgetragen werden. Und auch im kommenden Jahr werden die Formel-E-Wagen wieder über das Tempelhofer Feld fahren.

Ähnlich wie die Formel E ist auch die neue Formel-1-Führung daran interessiert, die Rennen zu einem noch größeren Spektakel zu machen und näher an die Fans zu bringen. Dafür wollen die Chefs der Rennserie auch mehr Stadtrennen etablieren. Anfang des Jahres waren für die Formel-1-Saison 2019 sogar gleich drei neue Stadtstrecken im Gespräch: durch Vietnams Hauptstadt Hanoi, durch die US-Metropole Miami sowie durch Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires. Für alle drei Austragungsorte gibt es bis heute aber immer noch kein grünes Licht von Seiten der Formel-1-Verantwortlichen.

Trotzdem erfreuen sich Stadtrennen sowohl bei vielen Städten als auch beim Veranstalter einer großen Beliebtheit. So lockt ein Rennen Zehntausende Besucher in eine Stadt, während sich das Rennen für das Publikum noch näher und packender anfühlt.

Berliner Senat erteilt Stadtrennen eine Absage

Dennoch: In Berlin wird es in absehbarer Zukunft wohl kein Stadtrennen der Formel-1 geben. Bereits im April dieses Jahres hatte der Senat dieser Idee eine Absage erteilt. Damals fragte der AfD-Abgeordnete Frank Scholtysek in einer schriftlichen Anfrage im Abgeordnetenhaus, ob eine Austragung in Berlin denkbar wäre. Die Antwort von Staatssekretärin Sabine Smentek: Es gibt „keine Absichten oder Anstrengungen, dass Berlin zu einer Automotorsportstadt mit Formel-1-Rennen“ wird. Zum einen, weil weder die Infrastruktur, sprich geeignete Straßen, dafür zur Verfügung stehen. Zudem wird ein Formel-1-Rennen „vor dem Hintergrund des Lärm- und Umweltschutzes vom Senat als nicht realisierbar eingeschätzt“, so Smentek weiter.

Insgesamt ist die Zukunft der Formel-1- in Deutschland derzeit völlig offen. Der Vertrag mit dem Hockenheimring als Ausrichter des deutschen Grand Prix war nach dem Rennen im Juli ausgelaufen. Und bislang gibt es keine Einigung für zukünftige Gastspiele der Rennserie in Deutschland.

Avus: Strecke mit trauriger Geschichte

1921 wurde die Avus eröffnet. Die 8,3 Kilometer lange Strecke diente bis 1940 als Renn- und Teststrecke, für den öffentlichen Verkehr war sie nicht freigegeben. 1959 wurde hier die einzige Formel 1 in Berlin ausgetragen; ein Rennfahrer starb bei einem Unfall, die Avus wurde seitdem nicht mehr für große Rennen genutzt. 1998 wurde sie schließlich vom Senat für Rennsport geschlossen.

Lausitzring: Viel Geld, wenig Verkehr

Als Ersatz für die Avus wurde 1999 der Lausitzring eröffnet. 158 Millionen Euro hat der Bau der Rennstrecke in Brandenburg gekostet. Aber namhafte Rennen konnten nie an den EuroSpeedway Lausitz, wie der Lausitzring offiziell heißt, geholt werden. Es gab wirtschaftliche Schwierigkeiten samt Insolvenz. 2017 kaufte die Prüforganisation Dekra den Lausitzring für Testzwecke.

Elektrische Boliden auf dem Tempelhofer Feld

Mit der Austragung der Formel E auf dem Tempelhofer Feld konnte 2015 zum ersten Mal seit 1998 wieder ein hochklassiges Autorennen nach Berlin geholt werden. Bis zu 8000 Besucher können jedes Jahr von den meterhohen Tribünen Rennfahrer beobachten, die mehr als 40 Runden auf der 2,25 Kilometer langen Strecke fahren.

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