„Kontraste“-Bericht

Berlin widersteht dem Druck radikaler Abtreibungsgegner

Wie „Kontraste“ berichtet, führen immer weniger Ärzte Abtreibungen durch. Berlin stellt eine Liste mit Ärzten online zur Verfügung.

Abtreibungsgegner beim sogenannten "Marsch für das Leben" in Berlin

Abtreibungsgegner beim sogenannten "Marsch für das Leben" in Berlin

Foto: Florian Schuh / dpa

Berlin. Die Zahl der Ärzte in Deutschland, die Abtreibungen durchführen, ist in den vergangenen Jahren drastisch zurückgegangen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts für das ARD-Politikmagazin „Kontraste“ gab es seit 2003 einen Rückgang um 40 Prozent - von 2000 auf 1200 Stellen. In einigen Regionen Deutschlands geraten deshalb immer öfter Frauen in Not, weil sie keinen Arzt finden, der bei ihnen eine Abtreibung durchführt.

Für die Bundesärztekammer ist der zunehmende Druck militanter Abtreibungsgegner ein Grund dafür, dass immer weniger Ärzte zu Abtreibungen bereit sind. „Wir haben großes Verständnis für jeden Arzt, der unter den derzeit herrschenden Bedingungen keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen möchte“, sagte Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer gegenüber Kontraste. „Wir würden sehr begrüßen, wenn die Politik sicherstellt, dass Ärztinnen und Ärzte betroffene Frauen nach medizinischen Standards versorgen können, ohne von sogenannten „Lebensschützern“ diffamiert und in der Ausübung ihres Berufes zum Teil massiv gestört zu werden.“

Diskussion um Abschaffung des Paragrafen 219a

Die Bundesländer sind gesetzlich dazu verpflichtet, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen. Doch fast die Hälfte von ihnen erhebt laut Kontraste-Recherchen noch nicht einmal Kontaktdaten von Gynäkologen, die Abbrüche durchführen. Darunter etwa Länder wie Baden-Württemberg, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Nur Berlin und Hamburg stellen bislang solche Listen online zur Verfügung.

In Berlin können Frauen seit Mai auf der Internetseite der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung nachsehen, welche Ärztinnen und Ärzte Abtreibungen durchführen. Es sind aktuell 53. Den Medizinern selbst ist es per Gesetz verboten, etwa auf der Internetseite ihrer Praxis über das Angebot zu informieren. Dies kann ihnen laut Paragraf 219a des Strafgesetzbuches als „Werbung“ für einen Schwangerschaftsabbruch ausgelegt werden. Zuletzt hatte der Fall der Gießener Gynäkologin Kristina Hänel für Aufsehen gesogt. Die Ärztin war im November zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Im September verhandelt das Landgericht Gießen die Berufung gegen das Urteil.

Das Land Berlin will im Bundesrat auf die Abschaffung des Paragrafen 219a drängen. Mit der Veröffentlichung der Liste habe Berlin „einen Riesenfortschritt gemacht für Frauen, die auf Hilfe angewiesen sind“, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kolat. Der Paragraf 219a gehöre gestrichen.

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