IHK

Die Berliner Wirtschaft zittert vor dem Brexit

Mehrere Unternehmen rechnen nach dem EU-Austritt der Briten mit schlechteren Geschäften. Die IHK warnt vor neuen bürokratischen Hürden.

Im Juni 2016 stimmte eine knappe Mehrheit der britischen Wähler für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union

Im Juni 2016 stimmte eine knappe Mehrheit der britischen Wähler für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union

Foto: - / dpa

Berlin.  Die schleppenden Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union werden für die Berliner Wirtschaft mehr und mehr zum Risiko. Es sei höchst bedauerlich, dass die Brexit-Gespräche in den wirtschaftlich entscheidenden Punkten bislang nicht vorangekommen sind, sagte der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, Jan Eder, der Berliner Morgenpost. „Der Countdown bis Ende März 2019 zählt nicht einmal mehr 250 Tage und wir stehen immer noch vor einem völlig offenen Verhandlungsergebnis. Das lässt für Unternehmen, die wirtschaftlich mit Großbritannien verbunden sind, viele Fragen offen“, erklärte Eder weiter.

Die Wirtschaft in der deutschen Hauptstadt stellt sich bereits auf einen „harten“ Brexit ein. Für den Fall, dass Großbritannien ohne Austrittsvereinbarung die EU verlassen sollte, erarbeiten mehrere große Unternehmen Notfallpläne, ergab eine Umfrage der Morgenpost. Für das „Worst-Case-Szenario“ müssten die Firmen alle Aspekte unter die Lupe nehmen, mahnte der Chef der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck. Dazu zählten unter anderem Wertschöpfungsketten, Finanzierungen, Personalpolitik und der Vertrieb. „Die Uhr tickt immer lauter“, sagte Amsinck.

Erheblicher Mehraufwand bei hartem Brexit

Sollte sich der Handel mit Großbritannien erschweren, stünde für Berlin viel auf dem Spiel. Das Vereinigte Königreich zählt zu den größten Wirtschaftspartnern der deutschen Hauptstadt mit einem Handelsvolumen von fast 1,2 Milliarden Euro: Im vergangenen Jahr hatten Berliner Firmen Waren im Wert von rund 532 Millionen Euro importiert. Demgegenüber standen Exporte im Wert von rund 644 Millionen Euro. Zu den größten Warengruppen, die Berlin in Richtung Großbritannien verlassen, zählen chemische Erzeugnisse, Fahrzeuge und Nahrungsmittel.

Einer der größten Lebensmittel-Exporteure Berlins, der Reinickendorfer Tiefkühlpizza-Hersteller Freiberger, produziert seit 2003 auch in einem Werk in England. Freiberger befürchtet bei einem ungeordneten EU-Austritt Großbritanniens auch Versorgungsengpässe in der Pizza-Fabrik bei Manchester. Viele Zutaten für die Teiglinge muss das Unternehmen vom europäischen Festland aus auf die Insel bringen. Nach einem Brexit könnten vor allem zeitraubende Einfuhrkontrollen die Lieferungen erschweren, teilte die Freiberger-Geschäftsführung auf Morgenpost-Anfrage mit. Als weitere Risiken sieht das Unternehmen zusätzliche Kosten durch mögliche Einfuhrzölle sowie teurere Exporte etwa von Pizzen aus Berlin auf die Insel, wenn das Pfund nach dem Brexit weiter an Wert verlieren sollte. Zudem zittert Freiberger vor zusätzlichen bürokratischen Belastungen, die etwa das Ausfüllen zusätzlicher Einfuhrdokumente mit sich brächte. Davor hatte auch die IHK gewarnt.

Auf betroffene Unternehmen käme bei einem „harten“ Brexit ein erheblicher Mehraufwand zu, so die Kammer. „Wir rechnen damit, dass allein in Berlin rund eine halbe Million zusätzliche Zollpapiere pro Jahr ausgestellt werden“, sagte die Koordinatorin Zollberatung und Außenwirtschaftsdokumente, Martina von Mesterhazy. Die Firmen müssten zudem mit längeren Transportzeiten rechnen. „Wenn die Lastwagen dann alle abgefertigt werden müssen, werden sich die Wartezeiten an den Grenzen entsprechend verlängern mit Auswirkungen auf Produktion und Handel“, erklärte Mesterhazy. Unternehmen müssten auch Lieferketten unter die Lupe nehmen und gegebenenfalls nach Alternativen suchen, so die IHK-Expertin. Das gelte insbesondere für Endprodukte, die derzeit noch mit Vormaterialien aus Großbritannien hergestellt werden. Zulieferungen von der Insel müssten künftig aus dem EU-Anteil der Erzeugnisse herausgerechnet werden, so Mesterhazy. Für Firmen habe des möglicherweise Folgen, etwa was ermäßigte Zollsätze oder Zollfreiheit beim Handel mit anderen Ländern angeht. Die IHK hat für den künftigen Handel mit Großbritannien auch eine Checkliste erstellt. Mit der Handreichung soll den Unternehmen der Übergang erleichtert werden, hieß es.

Konzertveranstalter DEAG erzielt Hälfte des Umsatzes in Großbritannien

Mathis Menzel will zunächst abwarten, was die Politiker verhandeln. Er geht allerdings davon aus, dass der Pfund nach einem Brexit weiter an Wert verlieren wird. Davon wäre auch das Großbritannien-Geschäft des Berliner Mittelständlers betroffen. Zwar macht der Elektromotorenbauer nur einen Bruchteil seines Jahresumsatzes von 30 Millionen Euro auf der Insel, doch die Geschäfte sind hochprofitabel. „Ich glaube nicht, dass nach dem Brexit die Nachfrage nach unseren Produkten sinkt. Doch die Margen werden durch den schlechteren Wechselkurs geringer sein“, sagte Menzel. Zuletzt lieferte die Firma vor allem Motoren, die große Pumpen etwa in Stahl- oder Zementwerken antreiben.

Den Berliner Konzertveranstalter DEAG hingegen könnte einen Brexit mit einer anschließenden Wirtschaftskrise auf der Insel möglicherweise härter treffen. DEAG erzielt in diesem Jahr gut die Hälfte seines Umsatzes in Großbritannien. Dort hat der Konzern diverse Tochterfirmen und Beteiligungen. Doch DEAG-Vorstand Detlef Kornett, der seit 2014 die Geschäfte im Vereinten Königreich verantwortet, ist optimistisch: „In Krisenzeiten verzichten die Menschen vielleicht auf eine neue Waschmaschine, aber für das kleine Glück ist dann häufig doch noch Geld da“, sagte Kornett mit Blick auf die zahlreichen Konzerte und Events, die jedes Jahr unter DEAG-Flagge in Großbritannien stattfinden.

Sorge bereiteten ihm allerdings Produktionen, die der Konzern von der Insel auf das europäische Festland bringe. Für Musik-Tourneen, die mit Lkw durch ganz Europa fahren, seien die Folgen noch nicht absehbar, so Kornett. Probleme könnten möglicherweise durch Wartezeiten an den Grenzen auftreten, bei der Einfuhr von Gütern sowie bei der Arbeitserlaubnis der englischen Schauspieler auf EU-Gebiet. „Ein Brexit ohne ein konkretes Verhandlungsergebnis wäre schlecht. Ich hoffe aber, dass es für weite Teile eine vernünftige Lösung gibt“, erklärte er.

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