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Die Gedächtniskirche wird zum teuren Sanierungsfall

Der Beton um die blauen Fenster der Gedächtniskirche ist marode. Die Sanierung des Eiermann-Baus kostet rund 2,4 Millionen Euro.

Die Gedächtniskirche muss für einen Millionenbetrag saniert werden

Die Gedächtniskirche muss für einen Millionenbetrag saniert werden

Foto: dpa

Berlin. Die erste Etage des alten Turms der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist ein angenehm kühler und luftiger Ort in diesen heißen Tagen. Und sie soll Schauplatz eines spannenden Bau- und Kulturprojekts werden. Denn Stiftung und Gemeinde der Kirche planen, die Ausstellung in der Gedenkhalle neu zu konzipieren und zu erweitern. Sie wird heutigen Ansprüchen der historischen Vermittlung und des Gedenkens, aber auch der großen Besucherzahl nicht mehr gerecht.

1,3 Millionen Besucher aus aller Welt kommen Jahr für Jahr in die Kirche. Nun soll die Ebene über der Gedenkhalle zugänglich gemacht und in das Ausstellungskonzept einbezogen werden. „Die Gedenkhalle vermittelt derzeit keine klare Botschaft und ist als Raum durch die Pracht ihrer überwiegend erhaltenen Mosaike und Reliefs nicht unmittelbar als Bestandteil von Ruine und Mahnmal zu verstehen“, heißt es im Bericht des Beirats, der Zukunftsperspektiven für die Gedächtniskirche erarbeitet hat und nach dessen Überzeugung es sich bei dem Kirchenensemble um ein nationales Denkmal handelt. Die Ebene über der Gedenkhalle ermöglicht hingegen einen freien Blick sowohl in das Innere der spektakulären Ruine als auch auf die Stadtlandschaft rund um den Kirchenbau.

Für die Barrierefreiheit wird ein Aufzug installiert

Sie nutzbar zu machen ist allerdings eine anspruchsvolle Aufgabe, denn ein Schließen der großen runden Öffnungen würde der Denkmalschutz sicherlich nicht zulassen. Also denken Experten an einen Glaskasten, der in diesen Raum gesetzt wird, geprüft werden aber auch andere Varianten. Treppen zum Erdgeschoss sind sogar noch vorhanden, allerdings müsste im Sinne der Barrierefreiheit ein Aufzug eingebaut werden. Zudem soll die Restaurierung der Mosaiken an Deckengewölbe und Fußboden der Gedenkhalle abgeschlossen werden.

Die Kosten dafür schätzen Architekten auf knapp neun Millionen Euro. Sie sind nur ein Teil des Gesamtkonzepts „Perspektive 2023“, das Baumaßnahmen im Umfang von insgesamt rund 28 Millionen Euro vorsieht und der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegt. Die Arbeiten sollen beginnen, wenn die Mittel dafür bewilligt sind.

Bisher geht es vor allem um die Sicherung einzelner Bauteile

Die Maßnahmen zur Instandhaltung des Ensembles aus Kirche, Altem Turm, Glockenturm, Kapelle, Foyergebäude und Podium – der erhöhte Sockelbereich, der die Gebäude verbindet – fokussierten sich bisher auf die bauliche Sicherung einzelner Bauteile. Das wurde durch eine ganzheitliche Betrachtung des Ensembles ersetzt. Dafür wurde 2015 vom Deutschen Kulturrat und der Gedächtniskirchengemeinde der Beirat berufen, der jetzt seinen Bericht zum neuen Nutzungskonzept und zu notwendigen Sanierungen vorgelegt hat. Dem Beirat gehören unter anderem Altbundestagspräsident Wolfgang Thierse, der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, der Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, Siegmund Ehrmann (SPD), und der Amtschef von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), Günter Winands, an.

Auf rund 4,8 Millionen Euro werden in dem jetzt vorgelegten Konzept Sanierung und Umbau des flachen Foyergebäudes im Westen des Kirchenensembles taxiert. Dort wünscht sich die Gemeinde ein Kirchencafé, das mehr bieten soll als ein gewöhnlicher Gastronomiebetrieb. Es soll Anlaufpunkt für Berliner und Touristen sein, denen dort auch Beratung und ein Angebot der Cityseelsorge zuteilwird.

2,4 Millionen Euro für Sanierung

Von den 4,8 Millionen Euro fließt allerdings gut die Hälfte in Sanierungsarbeiten. Die Betonwaben rund um die farbigen Glasfenster des Baus von Egon Eiermann bereiten Sorgen, sie sind zu filigran. Und das beileibe nicht nur im Foyer, sondern auch im Glockenturm und in der Kirche selbst. Am drängendsten ist die Sanierung des Glockenturms, der zurzeit anlässlich der Leichtathletik-Europameisterschaft mit einer Plane verhüllt wurde. In der nächsten Woche kommt die Plane runter. Dann allerdings haben die Sanierungsarbeiten nicht einmal begonnen. Lediglich die Untersuchung der Schäden ist abgeschlossen.

„Damit die Armierung nicht rostet, müsste der Beton an den Waben eigentlich drei Zentimeter dick sein, er misst aber nur einen Zentimeter“, erläutert Gedächtniskirchenpfarrer Martin Germer. Feuchtigkeit dringt ein. Nun muss alles freigelegt, der Stahl entrostet und mit Korrosionsschutz versehen werden. Anschließend muss der Beton wiederhergestellt werden.

Konstruktionsbedingt ist eine solche Grundsanierung etwa alle 15 Jahre notwendig. Diesmal müssen allerdings auch alle in die Waben eingesetzten Beton-Glas-Elemente gereinigt und zum großen Teil überarbeitet werden. Im Glockenturm sind 5000 dieser Elemente verbaut. Die Sanierung des Turms schätzen die Architekten auf 5,6 Millionen Euro. In zwei bis drei Jahren müsste die Kirche selbst folgen. Dort fallen voraussichtlich knapp 6,7 Millionen Euro Sanierungskosten an, allerdings gibt es dort 16.000 farbige Glaselemente. Die restlichen 1,8 Millionen Euro des Großbauprojekts entfallen auf ein Außenlicht- und ein Leitsystem sowie auf Rampen und zwei Aufzüge.

Geld soll von Bund, evangelischer Kirche und Stiftungen kommen

Das Geld soll vor allem vom Bund, der Evangelischen Landeskirche und vom Land Berlin kommen. Dafür gebe es positive Signale, sagt Pfarrer Germer. Viele Gespräche sollen dafür den Boden bereiten, Lottomittel eine weitere Geldquelle sein. Die Wüstenrot-Stiftung habe bereits eine Million Euro für die Sanierung des Glockenturms zugesagt, berichtet Germer.

Entscheidend aber wird sein, bei den Haushaltsberatungen des Bundes für 2019 und die Folgejahre berücksichtigt zu werden. Die Chancen seien bei allen potenziellen Geldgebern gestiegen, seit ein stimmiges und fundiertes Gesamtkonzept für die Zukunftsperspektive der Gedächtniskirche vorliegt, verlautet aus dem Beirat.

„Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist ein herausragendes Kulturdenkmal und wurde vom Bund bereits mit erheblichen Mitteln gefördert“, erklärte ein Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). So habe es Mittel aus Denkmalschutzprogrammen für die 2015 abgeschlossene Sanierung des Alten Turms und für das Podium gegeben. Ob es in den kommenden Jahren weitere Mittel gebe, obliege der Entscheidung des Bundestages.

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