Flughafen-Chaos

Ewige Baustelle am BER trifft Uhrenmanufaktur Askania hart

Die Manufaktur wollte zwei Shops am Flughafen BER eröffnen. Jetzt belasten Kosten von 1,5 Millionen Euro das kleine Unternehmen.

Leonhard R. Müller, Chef der Manufaktur Askania, wollte seine Uhren am Flughafen BER verkaufen. Ob er die Läden dort jemals betreiben wird, ist unklar

Leonhard R. Müller, Chef der Manufaktur Askania, wollte seine Uhren am Flughafen BER verkaufen. Ob er die Läden dort jemals betreiben wird, ist unklar

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin/Schönefeld. Als er neulich in der Zeitung wieder eine Geschichte über den weiteren Geldbedarf des Flughafens BER las, platzte Leonhard Müller der Kragen. Der Chef der Berliner Uhrenmanufaktur Askania sieht sich als Opfer des BER-Debakels und ärgert sich besonders über die Nonchalance, mit der immer neues Steuergeld in das Projekt gepumpt wird, während kleine Geschäftsleute wie er hart getroffen wurden von den immer wieder neuen Verschiebungen des Eröffnungstermins. Müller beziffert seine Verluste und Kosten auf 1,5 Millionen Euro, die ihm auch Jahre nach dem geplatzten BER-Start im Mai 2012 wie ein Mühlstein am Hals hängen und die Firma bedrohen.

„Wir wollten zwei Läden am BER aufmachen, einen im Schengen- und einen im Non-Schengen-Bereich“, sagt der Unternehmer aus der badischen Goldschmiede-Stadt Pforzheim, der 2004 in Berlin die Herstellung von edlen Uhren aufnahm. Dabei folgt Müller der Tradition der Askania, die vor dem Krieg unter anderem hochwertige Pilotenuhren, aber auch Kompasse und andere Instrumente für Flugzeuge baute. Verkaufsstände am neuen internationalen Flughafen schienen da wie geschaffen, um die Manufaktur und ihre Uhren weltweit bekannt zu machen. Auch im Laden am Kurfürstendamm glänzen die Chronometer in ihren Vitrinen neben Flugzeugmodellen und Bildern aus der Welt der Luftfahrt.

Hundert Seiten Mietverträge für die Shops am BER

Müller jedenfalls setzte auf die Karte der Flughafenshops, vernachlässigte in dieser Zeit den Aufbau eines Händlernetzes und andere Vertriebsaktivitäten, wie er heute zugibt. In seinem Laden am Kurfürstendamm 170 lagern noch die mitsamt Anlagen hundertseitigen Mietverträge für die BER-Duty-Free-Zone. Einmal 16 Quadratmeter für 1500 Euro im Monat, einmal 55 Quadratmeter für 2800 Euro. Teuer, aber ein sicherer und schneller Umsatzbringer, ist der Unternehmer nach wie vor überzeugt. Denn Flugreisende erwerben ja nach dem Check-in gern mal edle Accessoires, wie sie Müller in seiner Manufaktur am Hackeschen Markt von Uhrmachern fertigen lässt.

„Bis heute ist völlig unklar, ob wir die Shops jemals betreiben werden oder ob alles nur ein schöner Traum war“, klagt Müller. Neben den verlorenen Kosten für den Ausbau der Verkaufsflächen habe er 2012 bis zum Frühjahr
2013 insgesamt fünf Mitarbeiter angestellt, um seine Läden am BER sieben Tage die Woche zu besetzen. Die Beschäftigten hatten wenig zu tun, mussten aber die Schulungen für Flughafenmitarbeiter für den Dienst in der Sicherheitszone durchlaufen. Auch die Ware für die beiden Läden mit einem Wert von je einer Viertelmillion Euro musste er lange Zeit vorhalten. „Es hat ja nie jemand gewarnt, dass es noch Jahre dauern wird“, klagt Müller. Insgesamt habe er 1,5 Millionen Euro in das Vorhaben gesteckt, von den im Businessplan erwarteten Einnahmen vom BER gar nicht zu reden.

Schon früh hat er um Hilfe beim Land Berlin nachgesucht. Die frühere Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos, für CDU) habe ihm ein zinsloses Darlehen in Aussicht gestellt. Dann verließ die Senatorin die Verwaltung, Müllers Ansinnen geriet in Vergessenheit.

Ausweich-Standort in Tegel wurde zweimal ausgeraubt

Die Flughafengesellschaft bot Askania als Ausgleich einen Laden im Sechseck des Flughafen Tegel an, allerdings vor der Sicherheitsschleuse. Die hochpreisigen Uhren in den Auslagen lockten ­jedoch Kriminelle an. 2013 wurde der Laden zweimal ausgeraubt, die Diebe zertrümmerten die Tür mit Baseball­schlägern. Müller musste den Shop dichtmachen, weil keine Versicherung mehr für die Askania einstehen wollte. Die Manufaktur stand am Rande der Insolvenz.

Askania rappelte sich wieder auf, eröffnete die Manufaktur in einem Schauladen in den Höfen am Hackeschen Markt, expandierte vergangenes Jahr in den Westen in die Nähe des Adenauerplatzes. Aber die Altlasten aus dem BER-Desaster wurden zur ständigen Belastung. „Die bereitet mir schlaflose Nächte“, sagt Müller. Die Flughafengesellschaft half im Rahmen eines Vergleichs mit einer Werbefläche am Airport, aber auch da gingen noch alle davon aus, dass der BER 2018 starten würde.

Finanzsenator muss Vereinbarung über Forderungsverzicht zustimmen

Obwohl das operative Geschäft für das Kleinunternehmen mit seinen 20 festen und freien Mitarbeitern, darunter drei Auszubildende, profitabel läuft, zieht der Schuldendienst die AG in die roten Zahlen. Mit seinen Banken hat er deshalb über eine Stundung der Forderungen verhandelt und versprochen, mit einem sogenannten Besserungsschein die Schulden inklusive aller Verpflichtungen wieder aufleben zu lassen, sobald es der Firma wieder besser geht.

Weil seinerzeit die Bürgschaftsbank Berlin mit Landeshilfe bei der Finanzierung der BER-Shop-Pläne geholfen hatte, muss aber das Land Berlin in Gestalt des Finanzsenators der Vergleichsvereinbarung mit dem Forderungsverzicht zustimmen. Per Brief und Mail hat sich Müller direkt an den Finanzsenator Matthias Kollatz gewandt, weil die Finanzverwaltung seinem „Ersuchen bisher die Zustimmung verweigert“ habe. Es sei aber für die Askania von „existenzieller Bedeutung“, ein Ergebnis zu erzielen und den mit den Banken ausgehandelten Vergleich genehmigt zu bekommen. Vor Gericht ziehen wolle er nicht, so Müller, er hoffe aber auf eine „Gesamtlösung unserer ursächlich durch den Flughafen entstandenen Probleme“.

Die Senatsfinanzverwaltung wollte sich zu Müllers Anliegen nicht äußern. Zu Einzelfällen gebe es keine Auskünfte, hieß es, Bürgschaftsangelegenheiten seien vertraulich.

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