Ausnahmesommer

Hitzewelle: 32 Grad in Berlin – und es wird noch heißer

Jetzt rollt die zweite Hitzewelle auf Berlin zu. Wer alles zu den Gewinnern und den Verlierern der hohen Temperaturen zählt.

Andrzej und Basia suchen in diesen heißen Tagen etwas Abkühlung auf der Insel der Jugend in Treptow. Hier kann man direkt am Wasser sitzen

Andrzej und Basia suchen in diesen heißen Tagen etwas Abkühlung auf der Insel der Jugend in Treptow. Hier kann man direkt am Wasser sitzen

Foto: David Heerde

Berlin. Nach der Hitzewelle ist vor der Hitzewelle. In der vergangenen Woche brachte Hoch „Ingolf“ die Berliner zum Schwitzen. Die langersehnte Erholungspause am Sonntag währte jedoch nur kurz. Ab Montag bringt Hoch „Johannes“ wieder subtropische Temperaturen von zunächst 32 Grad. Für Dienstag sagt der Deutsche Wetterdienst 36 Grad voraus. Mit 38 Grad wird am Mittwoch der heißeste Tag des Jahres erwartet. Die Berliner bereiten sich indes so gut es geht darauf vor. „Viel trinken, Eis essen, kalt duschen und bei geschlossenem Rollo arbeiten“, fasst es Studentin Josephine Müller zusammen.

Am Montag beginnt in Berlin außerdem die Leichtathletik-EM. Die Wettbewerbe der Geher starten am Dienstagmorgen um 8.35 Uhr und würden bis weit in den Mittag dauern. Man könne auch eine Stunde früher beginnen, schlug EM-Geschäftsführer Frank Kowalski vor. „Aufgrund von TV-Verträgen ist das aber nicht so ohne Weiteres möglich.“

Besucheransturm: Berliner Freibäder sind am Limit

Grund zur Freude gibt es bei den Berliner Bäderbetrieben (BBB). Rund 1,31 Millionen Besucher wurden bis Ende Juli in den 17 von ihnen betriebenen Freibädern gezählt. Das sind jetzt schon mehr als in der gesamten vergangenen Saison (1,09 Millionen). Der Besucherrekord wurde im Hitzesommer 2003 mit 2,07 Millionen Gästen registriert. „Läuft der Rest der diesjährigen Sommersaison so weiter, werden wir dieses 15-Jahres-Hoch knacken“, sagt BBB-Vorstand Andreas Scholz-Fleischmann.

Der Besucheransturm von rund 40.000 Gästen täglich offenbart aber auch die Probleme der Bäder, die oft an der Kapazitätsgrenze arbeiten. So kommt es immer wieder zu Einlassstopps. Im Kreuzberger Prinzenbad läuft die Technik am Limit. Eine Aufrüstung sei mit derzeitigen Mitteln nicht möglich, heißt es. Das Sommerbad Pankow musste jüngst wegen eines technischen Defekts kurzfristig schließen.

Alle Hände voll zu tun für Eishändler Norbert Stark

Freizeit? Fehlanzeige! Für Norbert Stark bedeutet der Sommer 220 Tage Arbeit am Stück – sieben Tage die Woche, bis zu 14 Stunden täglich. Seit knapp 30 Jahren betreibt der 63-Jährige den Eisladen „Kleine Eiszeit“ an der Stargarder Straße in Prenzlauer Berg. Die Hitze sorge für ein gutes Geschäft, sagt er. „Ich kann mich nicht beschweren. Es geht schon ordentlich was weg“, so Stark. Wie viele Kugeln des hausgemachten Speiseeises täglich über die Theke gehen, zähle er aber nicht. „Es wird auf jeden Fall aufgefangen, was der schlechte Sommer 2017 verhagelt hat.“ Wegen der Hitze würden die Kunden aber eher abends kommen. Zurzeit machten sich auch die Ferien bemerkbar.

Wer Stark um einen angenehm kühlen Arbeitsplatz beneidet, irrt indes gewaltig. „Wo Kälte erzeugt wird, entsteht Hitze.“ Die Maschinen und zahlreiche Kühlschränke heizen insbesondere den hinteren Teil des Ladens auf. Wenn die erwarteten 38 Grad kommen, rechnet Stark dort noch mal mit fünf Grad mehr.

Brunnen fördern Grundwasser mit voller Kraft

Viele Berliner suchen Abkühlung auch in den eigenen vier Wänden – vor allem unter der Dusche. Der Wasserverbrauch sei derzeit überdurchschnittlich hoch, sagt Astrid Hackenesch-Rump, Sprecherin der Berliner Wasserbetriebe. So würden täglich 700.000 bis 750.000 Kubikmeter verbraucht. Am 4. Juli sei sogar ein Spitzenwert von mehr als 850.000 Kubikmeter erreicht worden. Allein im Juli seien 22,2 Millionen Kubikmeter aus Berliner Wasserhähnen geflossen.

Zum Vergleich: Im Juli 2016 verbrauchten die Berliner 20,1 Millionen Kubikmeter, im verregneten Juli 2017 waren es sogar nur 18,2 Millionen.

„Die meisten der 650 Grundwasserbrunnen laufen schon eine Weile auf voller Kraft“, so Hackenesch-Rump. Problem sei weniger der Grundwasserspiegel. Dieser sei in den vergangenen Jahren gestiegen. Sorgen machten eher die Brunnen selbst. Denn in ihnen würden sich mit der Zeit Sand und Eisenocker absetzen. Sie müssten daher regelmäßig abgeschaltet und gewartet werden. Das geschehe in der Regel ab dem Herbst, könnte in diesem Jahr aber früher nötig sein. „Im Idealfall sollten die Berliner dann nichts merken“, so Hackenesch-Rump. Dennoch könnte es in dieser Situation zu Druckabfall kommen.

Große Einkaufszentren mit Klimaanlage klar im Vorteil

Ob Sandalen, kurze Hosen oder Badekleidung – bei der Sommermode liefe der Verkauf gut, sagt Günter Päts, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Berlin-Brandenburg. Genaue Zahlen gebe es erst im September. „Insgesamt ist aber von einer guten Saison auszugehen.“

Der Sommerschlussverkauf habe schon im Juli begonnen. Mit großen Rabatten sei aber frühestens ab der kommenden Woche zu rechnen. Zwar müssten die Sommerkollektionen bis Ende August raus sein. „Wenn der Bedarf aber da ist, wird man noch nicht reduzieren“, sagt Päts. Am Ende sei es aber immer ein Balanceakt, weil sich auch niemand leisten könne, auf der Ware sitzen zu bleiben. Einen Wermutstropfen gebe es aber. Weil auf den kalten März ein sommerlicher April folgte, seien die Händler vielerorts auf der Übergangsmode sitzen geblieben.

Kunden würden in diesen Tagen insbesondere große Einkaufszentren ansteuern, so Päts. Denn dort sei es meist ein paar Grad kühler. „Eine Klimaanlage ist ein klarer Wettbewerbsvorteil.“

Dürre kann zu Engpässen bei Weihnachtsbäumen führen

Die mit der Hitze einhergehende Dürre setzt insbesondere Berlins 440.000 Stadtbäumen zu. Deshalb hat der Senat den Bezirken Ende Juni drei Millionen Euro insbesondere zur Bewässerung zur Verfügung gestellt. Außerdem sind Bürger aufgerufen, den Bäumen vor dem Haus immer mal einen Eimer Wasser zu spendieren.

Und auch wenn bei dieser Hitze wohl kaum einer an Weihnachten denkt, bangen die Betreiber von Weihnachtsbaum-Plantagen um ihre Jungpflanzen. „Vor allem im Frühjahr und im vergangenen Herbst gepflanzte Jungbäume haben noch zu wenig Kraft, sich auf das Wetter einzustellen“, sagte der Geschäftsführer des Waldbauernverbandes Brandenburg, Enno Rosenthal. Glück haben die Jungbäume, die unter älteren und größeren Stämmen stehen. Sie würden wie unter einem Schirm vor Sonne und Austrocknung geschützt.

30 bis 50 Prozent Ausfälle seien aber bereits zu beklagen, so Rosenthal. Die kompletten Verluste könne man bislang nur schwer beziffern. 2000 Waldbauern bearbeiten in der Mark etwa 20.000 Hektar, wo vor allem einheimische Nadelbäume wachsen.

Auf der Plantage von Matthias Hundt bei Schwedt (Uckermark) muss bereits nachgepflanzt werden. „Wir hoffen nun auf Wasser von oben“, sagt der Landwirt. Den Bäumen sei der Hitzestress schon anzusehen: Nadeln seien blass und braun. „Das Wachstum ist komplett eingestellt, frische Triebe bilden sich nicht mehr.“

„Aus den ostdeutschen Bundesländern, aber auch aus Norddeutschland erreichen uns Meldungen, wonach die Neuanpflanzungen zu 100 Prozent vertrocknet sind“, sagte Martin Rometsch vom Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger. Das habe zwar noch keine Auswirkungen auf die diesjährige Ernte. Nordmanntannen müssten mindestens zehn Jahre wachsen, bevor sie geschlagen werden. In acht bis zehn Jahren aber könnte es Engpässe geben.

Im Schatten Durst und Hunger stillen

Bei Hitze laufe es noch besser, sagt Maik Krage, Restaurantleiter des „Zollpackhofs“ an der Spree direkt gegenüber des Kanzleramts. Denn eines sei klar: „Durst ist schlimmer als Heimweh.“ Rund 2000 Gäste kämen täglich in den Biergarten. Rund 1000 Liter bayerisches Bier würden jeden Tag ausgeschenkt. Und trotz des warmen Wetters erfreue sich die traditionell deutsche Küche großer Beliebtheit: 1000 Currywürste, 500 andere Essen, insbesondere Haxe und Schnitzel, gehören zu Krages Tagesbilanz. Schließlich würden die Gäste auch genau deswegen kommen.

Und so heiß ist es im Biergarten nicht. Denn eine 200 Jahre alte, riesige Kastanie spendet Schatten und sorgt so für angenehme Temperaturen. „Die große, alte Dame“, wie sie Krage nennt, werde gehegt und gepflegt. Für Hunde stehen außerdem überall Schüsseln mit Wasser. Und an den Tischen gibt es Ladestationen für das eigene Mobiltelefon, dessen Akku sich bei diesen Temperaturen gerne mal schneller entlädt.

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