Insolvente Air Berlin

Milliardenstreit mit Etihad: Chance auf Kompromiss

Air-Berlin-Verwalter soll Gespräche mit der Golf-Airline führen. Denn eine Klage wäre gefährlich für beide Seiten.


Die schwer angeschlagene Air Berlin baut ihre Flüge an den Golf aus

Die schwer angeschlagene Air Berlin baut ihre Flüge an den Golf aus

Foto: THOMAS PETER / REUTERS

Berlin. Die Gläubiger der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin machen einen Schritt auf den früheren Anteilseigener Etihad zu. Wie die Berliner Morgenpost aus Kreisen der Gläubiger erfuhr, hat das Gremium Insolvenzverwalter Lucas Flöther damit beauftragt, Gespräche mit der Scheich-Airline zu führen. Der Jurist soll in den kommenden Wochen abklopfen, ob die arabische Fluggesellschaft möglicherweise zu einer hohen Vergleichszahlung bereit ist, um einen Prozess doch noch abzuwenden.

Etihad droht eine Klage in Milliardenhöhe. Hintergrund ist ein Schreiben, das der frühere Vorstandschef James Hogan im April des vergangenen Jahres verfasst hatte. In dem sogenannten „Letter of Comfort“ hatte Hogan zugesichert, Air Berlin bis Ende 2018 finanziell zu unterstützen.

Etihad soll verbindliche Zusagen gebrochen haben

Flöther hält den Brief für eine handfeste Patronatserklärung. Die Golf-Airline soll rechtsverbindlich zugesagt haben, für Air Berlin finanziell geradezustehen. Auch Gutachten der renommierten Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins sowie des Hamburger Insolvenzrechtlers Reinhard Bork gehen davon aus, dass die Golf-Airline für die Zahlungszusage haftbar gemacht werden könnte. Air Berlin war im August des vergangenen Jahres in die Insolvenz gerutscht nachdem Etihad eine versprochene Zahlung plötzlich verweigerte. Mehr als 8000 Mitarbeiter der Fluglinie verloren ihren Arbeitsplatz.

Etihad wollte sich auf Anfrage der Berliner Morgenpost nicht äußern. „Für die Golf-Airline ist schon die drohende Klage ein Fiasko“, sagte der Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Um die Lage nicht noch zu verschlimmern, halte man in Abu Dhabi wohl dicht, vermutetet Schellenberg.

Aus Gläubigerkreisen hieß es, Etihad müsste nun mindestens eine Summe im mittleren dreistelligen Millionenbereich anbieten. Monatelange Verhandlungsgespräche sollen allerdings mit Blick auf die Kosten vermieden werden. Ohnehin ist es denkbar, dass die Air-Berlin-Gläubiger ein mögliches Etihad-Angebot ablehnen. Auch für diesen Fall ist das Gremium gerüstet: In den vergangenen Monaten sind gleich mit mehreren Finanzierern und Hedgefonds Gespräche geführt worden. Die Unternehmen würden Air Berlin bei einem Prozess finanziell unterstützen. Bei einem Erfolg der Klage erhalten Prozesskostenfinanzierer üblicherweise 20 bis 30 Prozent des Streitwerts als Honorar. Wie die Morgenpost erfuhr, soll ein unterschriftsreifer Vertrag mit einem renommierten Finanzierer bereits auf dem Tisch liegen. Die Gläubiger wollen aber zunächst noch den Ausgang der Gespräche mit Etihad abwarten.

Auch Araber bereiten sich auf Auseinandersetzung vor

Eine Klage würde wohl für beide Seiten Risiken mit sich bringen. Zunächst müssten Juristen klären, ob und in welcher Höhe Etihad überhaupt für Air Berlin in Haftung genommen werden könnte. Insolvenzexperten gehen davon aus, dass die Airline eventuell sogar für alle Verbindlichkeiten von Air Berlin aufkommen müsste: Die britische Mutter-Holding Air Berlin PLC, bei der Etihad Aktionär war, plagen mehr als zwei Milliarden Euro offene Forderungen, den gesamten Air-Berlin-Konzern sogar mehr als vier Milliarden Euro.

Gleichzeitig besteht auch für die Gläubiger und damit auch für Tausende Air-Berlin-Kunden und frühere Mitarbeiter die Möglichkeit, am Ende mit leeren Händen dazustehen. Zudem ist fraglich, wo ein Prozess stattfinden würde und wie etwaige Ansprüche gegen die Scheich-Airline vollstreckt werden könnten. Womöglich dürfte Air-Berlin-Insolvenzverwalter Flöther nach einem Urteil sogar Etihad-Flugzeuge auf europäischem Boden pfänden.

Aus der Branche ist zu hören, dass sich die Araber bereits seit Längerem auf eine juristische Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit vorbereiten. Die US-amerikanische Anwaltskanzlei Shearman & Sterling soll Etihad dabei zur Seite stehen.