Landessportbund-Präsident

Klaus Böger: „Sport ist und bleibt ein Integrationsmotor"

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Andreas Abel und Florian Schmidt
Klaus Böger, Präsident des Landessportbundes

Klaus Böger, Präsident des Landessportbundes

Foto: Reto Klar

Der Landessportbund-Präsident spricht über die Sanierung von Turnhallen, Herthas Stadionpläne und die Integrationskraft des Sports.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels hieß es, insgesamt 29 Turnhallen würden aktuell nicht zur Verfügung stehen. Der Landessportbund korrigierte diese Zahl am Freitag auf 19. Wir haben den Artikel entsprechend angepasst.

Klaus Böger (72) steht seit 2009 an der Spitze des Landessportbundes Berlin (LSB). Von 1999 bis 2006 war der SPD-Politiker Senator für Bildung, Jugend und Sport, zuvor Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten im Abgeordnetenhaus. Bei einem Redaktionsbesuch sprachen die Berliner Morgenpost mit ihm über den Sanierungsstau in Turnhallen, ein geplantes IT-System zur besseren Vergabe von Trainingszeiten in Hallen und über Sport im Park.

Herr Böger, sind die ehemals für die Unterbringung von Flüchtlingen benötigten Turnhallen inzwischen alle wieder nutzbar?

Klaus Böger: Nein. Wir spüren die Auswirkungen von 2015 nach wie vor sehr. Es sind zwar keine Hallen mehr mit Geflüchteten belegt, wieder am Netz sind aber längst noch nicht alle. Inzwischen sind 44 der einst 63 belegten Hallen wieder für den Sport freigegeben. Der Rest wird noch saniert.

Wann sind die anderen 19 Hallen fertig?

Hoffentlich bald. Ich kenne keinen genauen Zeithorizont seitens des Senats. Absehbar ist bislang, dass nach den Sommerferien vier weitere Hallen wieder nutzbar sind. Allerdings werden auch Anfang 2019 noch nicht alle Hallen zur Verfügung stehen. Ist das erfreulich? Nein. Die Ursache dafür liegt aber darin, dass die Hallen in den meisten Fällen auch ordentlich grundsaniert werden. Das heißt, es werden nicht nur Reparaturarbeiten in Auftrag gegeben, sondern auch bauliche Verbesserungen und Modernisierungen, die ohnehin notwendig waren. Das dauert länger. Teilweise gab es auch Dissens zu den Sanierungsplänen und Kosten, auch das sorgte für Verzögerungen.

Was bedeuten die Verzögerungen für den Berliner Sport?

Dass wir auch in der kommenden Wintersaison die Konsequenzen der Flüchtlingsunterbringung spüren werden. Wir müssen ein weiteres Mal enger zusammenrücken.

Gibt es Bezirke, in denen die Sanierung besonders gut oder schlecht gelaufen ist?

Das kann ich nur schwer beurteilen. In Reinickendorf funktioniert es gut, ausgemachte Negativbeispiele kenne ich nicht. Offensichtlich ist Geld da, aber es braucht ausführende Betriebe.

Sind Ihnen einzelne Hallen bekannt, wo es böse Überraschungen nach dem Auszug der Flüchtlinge gab?

Nein, so etwas ist mir nicht bekannt.

Durch die eingeschränkte Hallennutzung hat es bei Clubs auch Austritte gegeben. Haben sie sich davon erholt?

Das muss sich noch zeigen. Zunächst haben die Vereine während der angespannten Situation vom Land ja Ausgleichszahlungen für Ausfälle durch Austritte bekommen – das war gut. Doch dadurch ist das fehlende Mitglied natürlich noch nicht wieder da. Insgesamt hat sich die Zahl aller Sportvereinsmitglieder in Berlin in den vergangenen Jahren trotzdem positiv entwickelt, womöglich wäre das Wachstum aber noch größer ausgefallen, hätte es die Hallenbelegungen nicht gegeben. Wo wir in jedem Fall einen Zusammenhang sehen, ist bei den Kitakindern. Während der Krise haben deutlich weniger Eltern ihre Kinder im Verein angemeldet, das lag auch an den Hallenengpässen.

Es heißt, dass der LSB plane, die Hallenvergabe an Vereine künftig anders zu regeln. Stimmt das?

Ja, wir wollen ein transparentes IT-unterstütztes Verfahren, mit dem die Vereine Interesse an Hallen anmelden können und über das ihnen Sportstätten zugewiesen werden. Die Software soll den Bezirken einen Überblick verschaffen, wer wann wo mit wie vielen Sportlern die Halle nutzt. Allerdings sind die Planungen und Ideen dazu noch in einem sehr frühen Stadium.

Gibt es schon einen Zeitpunkt für die Einführung der Software?

Nein, dafür ist es noch zu früh. Wir wollen, dass die Bezirke das gemeinsam mit den Bezirkssportbünden regeln. Zunächst müssten alle zwölf Bezirke zustimmen, die Software auch einzuführen. Wir bemühen uns, das hinzubekommen. Ziel ist, die vorhandenen Sportstätten optimal zu nutzen.

Wird die Verteilung der Hallen und Plätze dadurch auch gerechter?

Ja, das hoffen wir. Dafür braucht man aber erst einmal einen Überblick. Fakt ist aber auch: Es gibt objektiv zu wenig Sporthallen und Sportplätze in Berlin.

Zu Beginn des Jahres haben Sie mit dem Land eine neue Fördervereinbarung unterschrieben. Sind Sie zufrieden mit der neuen Finanzierung des Sports?

Ja. Diese Förderung ist für uns ein wichtiger Schritt, weil sie über Jahre hinweg gesichert läuft. Allerdings waren die Gelder auch dringend notwendig, weil die Finanzierung aus den Geldern der Lotto-Stiftung aufgrund der Schwankungen bei den Ausschüttungen schwierig ist. Jetzt haben wir Stabilität, Planungssicherheit und kleine Gestaltungsräume.

Die Kultur bekommt weiterhin viel mehr Zuwendungen. Würdigt die Politik den Sport genug?

Der Sport findet leider noch nicht die Anerkennung und Unterstützung, die seiner gesellschaftlichen Bedeutung entspricht. Vereine bilden durch das Zusammenspiel von Freiwilligen das Rückgrat der Stadtgesellschaft. Wir wollen Vereine bei der Finanzierung von Sportstätten und Vereinsheimen stärker unterstützen, Gesundheitssport fördern und Sport im Park unterstützend begleiten, ohne sie in ihrer Unabhängigkeit einzuschränken. Zum Beispiel könnten wir sie beim Aufbau einer Geschäftsstelle stärker unterstützen, die jeder mittelgroße Verein heutzutage braucht.

Der Senat räumte kürzlich ein, dass Sportflächen zu wenig in der Stadtentwicklung berücksichtigt werden. Stimmt das?

Ja, bislang war das ein Problem. Inzwischen werden wir aber einbezogen. Wir müssen sehr um die Flächen kämpfen, was in einer wachsenden Stadt wie Berlin ja auch nicht verwundert. Das Verständnis dafür ist inzwischen aber da.

Wo fehlen denn heute die meisten Flächen?

Das sind natürlich die innerstädtischen Bezirke wie Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Da ist auch der nachträgliche Bau von Sporthallen oder -plätzen sehr schwierig.

Ließen sich nicht gerade in der Innenstadt Grünflächen stärker für den Sport zugänglich machen? Von Sport im Park sprachen Sie bereits …

Ja, das ist ein sehr interessantes Feld. Wir sind sehr dafür, Sport im Park zu fördern. Als Sportbund fühlen wir uns nicht nur für Vereinssport zuständig, sondern für Bewegung in der Stadt allgemein. Wir haben dem Senat deshalb angeboten, Sport im Park mit Übungsleitern zu unterstützen. Die Trainer könnten Interessierten etwa bestimmte Geräte erklären und zeigen, wie man sie verletzungsfrei nutzt.

Wie genau könnte das aussehen?

Wir könnten zum Beispiel sagen, jeden Sonntag oder Dienstag steht ein Trainer in einem Park, zeigt den Berlinern Übungen und da kann dann jeder kommen. Es gibt auch Bewegungsparcours, die weit über die früheren Trimm-Dich-Pfade hinausgehen. Auch dort ist es gut, wenn jemand das Training anleitet.

Wie lässt sich der neue Trend noch zusätzlich fördern?

Natürlich mit weiteren Geräten, die die Bezirke anschaffen müssten. Gut funktioniert das in Verbindung mit Spielplätzen. Während die Kinder spielen, könnten die Erwachsenen sich nebenan betätigen. Was grundsätzlich helfen würde, wäre auch eine Übersichtskarte oder eine App, die zeigt, in welchen Parks es schon heute welche Geräte gibt und welche es nicht gibt. Das könnten wir für den Senat auch erarbeiten. Klar ist aber: Ein Ersatz für richtige Sportstätten sind die Geräte in Grünflächen und Parks nicht.

Schadet der Rücktritt von Mesut Özil den Integrationsbemühungen des Sports?

Sport ist und bleibt ein Integrationsmotor. Daran ändert auch die Aufregung um Mesut Özil nichts. An der Basis hat das gewiss Auswirkungen. Aber konkret in Sportvereinen wird sich das auch verflüchtigen. Richtig ist: Wir müssen auch im Sport akzeptieren, dass viele Menschen zwei Seelen in ihrem Herzen haben. Leider gibt es auch immer wieder rassistische Ausfälle. Der Berliner Fußball-Verband unterstützt viele Initiativen, um diesen Unsinn zu bekämpfen. Das bleibt aber eine dauernde Aufgabe.

Die AfD will verstärkt in die Vereine vordringen. Gelingt ihr das?

Nein, das sehe ich nicht. Es gibt auch keine genauen Untersuchungen. Sport im Verein – ob Wettkampf-, Breiten- oder Gesundheitssport – bringt Menschen zusammen und bekämpft Vorurteile oder gar Rassismus. Wir haben 67 große Projekte zur gezielten Integration Geflüchteter in die Vereine. Das funktioniert in der Summe sehr gut.

Abschlussfrage, Stichwort Hertha BSC: Wie stehen Sie zum geplanten Stadion-Neubau?

Überlegungen für einen Umbau des Olympiastadions sind ehrenwert, aber meiner Auffassung nach nicht zielführend. Ein Umbau würde sehr viel Geld kosten, aber Hertha als Hauptnutzer will es gar nicht. Warum soll man dann also ein Fünf-Sterne-Stadion umbauen? Was die Neubaupläne anbelangt, sind viele Fragen ungeklärt. Der Teufel steckt wie so oft im Detail.

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