Özil-Rücktritt

Saleh über Özil: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan“

Berlins SPD-Fraktionschef warnt vor Spaltung der Gesellschaft. Özils Vorwürfe lösen auch in Berlin eine Rassismus-Debatte aus.

Berliner Politiker wie Raed Saleh schalten sich in die Rassismus-Debatte um Mesut Özil ein (Archiv)

Berliner Politiker wie Raed Saleh schalten sich in die Rassismus-Debatte um Mesut Özil ein (Archiv)

Foto: dpa

Berlin. Nach dem medienwirksamen Rücktritt von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft flammt in der Hauptstadt eine neue Debatte über Rassismus auf. Der Fußballspieler hatte in einer Erklärung an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) geschrieben, er werde nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, solange er das Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre. Die Entscheidung des 29-Jährigen trifft auf viel Zustimmung und Verständnis, provoziert aber auch heftige Kritik.

Rückendeckung bekommt der Fußballer von der SPD-Politikerin und Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement in Berlin, Sawsan Chebli. Sie attestiert Deutschland „ein Rassismus-Problem“. In einem Tweet spricht sie von einem „Armutszeugnis“ und wirft dabei grundlegende Fragen auf: „Werden wir jemals dazugehören? Meine Zweifel werden täglich größer. Darf ich das als Staatssekretärin sagen? Ist jedenfalls das, was ich fühle. Und das tut weh“, schreibt sie in dem Post.

Chebli: „Lasse mir nicht mein Deutschsein rauben“

In einem weiteren Tweet kündigt Chebli an, dass sie sich nicht von „Nazis, Rassisten, Extremisten und Hatern in allen Lagern“ brechen und ihr Deutschsein rauben lasse. Das Erdogan-Foto allerdings sei falsch gewesen, die Art des Abgangs fragwürdig.

Auch ihr Parteikollege, der Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh, stellt sich klar auf die Seite Özils. „Es schmerzt zu sehen, wie hier von interessierten Kreisen versucht wird, in unserer Gesellschaft Ausgrenzung und Zwietracht zu säen“, sagte Saleh der Berliner Morgenpost. „Den Adler auf seiner Brust hat Mesut Özil immer mit Stolz getragen und ohne ihn, Boateng, Khedira und Podolski wären wir nicht zum vierten Mal Fußball-Weltmeister geworden.“

Der Umgang mit dem Nationalspieler sei „respektlos“ und „erschreckend“. „Hier wird bewusst versucht, einen Keil in die deutsche Gesellschaft zu treiben, frei nach dem Motto: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen“, so der Fraktionschef. Das Foto mit dem türkischen Präsidenten sei „dämlich“ gewesen, rechtfertige aber keine „brutale Treibjagd, wie wir sie gerade erleben“.

Grüne: Verhalten von DFB-Boss Grindel „fatal“

Die Grünen beobachten ebenfalls einen „wachsenden Rassismus“. Er fange bei Nachtclubs an, die keine türkisch aussehenden Männer hineinlassen, reiche von einer erschwerten Wohnungssuche bis hin zu „offenem Hass“ wie er Özil begegnet sei, beklagt Grünen-Fraktionschefin Silke Gebel. Das Verhalten von DFB-Chef Reinhard Grindel sei deshalb fatal. Die Türkische Gemeinde geht noch weiter: Sie fordert den Rücktritt der gesamten DFB-Führung.

„Fußball war immer ein Vorzeigeprojekt für Integration, und die Zukunft des Erfolgs wird auch weiterhin in der Vielfalt liegen“, sagt Bundeschef Gökay Sofuoglu. Nach Ansicht der Linken müsse sich der Weltmeister nicht gefallen lassen, dass seine Zugehörigkeit zu Deutschland infrage gestellt wird. „Das laute Schweigen des Deutschen Fußball-Bundes in diesem Punkt wie auch die Stimmungsmache in Teilen der Politik und der Medien offenbaren, wie stark in diesem Land unter Integration noch immer Assimilation verstanden wird“, konstatiert Linke-Fraktionschefin Carola Bluhm.

Burkard Dregger: Özils Verhalten trägt zur Entfremdung bei

Es gibt aber auch gegenteilige Meinungen. Der Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Burkard Dregger hält den Rassismus-Vorwurf für übertrieben. „Die deutsche Mehrheitsgesellschaft ist nach der massiven Einwanderung der letzten Jahre verunsichert und sehnt sich nach Zusammenhalt“, sagt er. Wenn dann Spitzensportler und Vorbilder wie Özil nicht die Nationalhymne mitsingen und sich mit umstrittenen Staatschefs wie Erdogan ablichten lassen, trage das zur Entfremdung bei.

In der FDP sieht man das ähnlich. „In diesem Fall von einem Rassismusproblem zu sprechen, finde ich deutlich überzogen“, betont Paul Fresdorf, der integrationspolitische Sprecher der Fraktion. Özil überspitze mit seinen Aussagen bewusst die Situation im DFB, „auch um von seinen fehlenden Leistungen abzulenken“, so Fresdorf. Das diskreditiere den DFB international, „die Integrationserfolge der letzten Jahre“ würden verneint.Darüber, dass es Rassismus und Ausgrenzung nicht geben darf, bestehe Konsens in der Gesellschaft. „Integration ist jedoch in erster Linie eine Bringschuld desjenigen, der in die Gesellschaft aufgenommen werden möchte“, unterstreicht er.

Georg Pazderski, Fraktionschef der AfD im Abgeordnetenhaus und Vize-Bundessprecher, wirft Özil Doppelmoral vor. „Die Deutschen haben ihn als Sportler gefeiert und bewundert, und so lange sie das taten, hat Özil auch keinen Rassismus erkennen können. Aber sobald er wegen seiner Wahlkampfhilfe für einen Semidiktator kritisiert wird, meint er plötzlich, Opfer von Rassismus zu sein“, so Pazderski.

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