Mesut Özil

Nach Özil-Rücktritt: Berliner Politiker geteilter Meinung

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Mesut Özil ist aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten.

Mesut Özil ist aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten.

Foto: Michael Probst / dpa

Nachdem Mesut Özil seinen Rücktritt bei der deutschen Nationalmannschaft bekannt gegeben hat, spaltet er ganz Deutschland.

Berlin. Deutschland diskutiert über Mesut Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft und seine Vorwürfe. Auch Berliner Politiker äußern sich dazu. Bei ihnen trifft Özils Entscheidung ebenfalls sowohl auf Zustimmung als auch auf kritische Stimmen.

Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der SPD, hat klare Worte für Özil-Kritiker: „Keiner von den gerade schäumenden Kritikern hat für Deutschland auch nur einen Bruchteil von dem geleistet, was Mesut Özil für unsere Nation getan hat. Es schmerzt zu sehen, wie hier von interessierten Kreisen versucht wird, in unserer Gesellschaft Ausgrenzung und Zwietracht zu säen. Den Adler auf seiner Brust hat Mesut Özil immer mit Stolz getragen und ohne ihn, Boateng, Khedira und Podolski wären wir nicht zum vierten Mal Fußballweltmeister geworden“, so Saleh.

Weiter kommentiert er: Hier wird bewusst versucht, einen Keil in die deutsche Gesellschaft zu treiben, frei nach dem Motto: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen. Das ist respektlos. Natürlich war das Foto mit dem türkischen Präsidenten mitten im Wahlkampf dämlich, aber es rechtfertigt keine brutale Treibjagd wie wir sie gerade erleben.“ Er empfinde den Umgang mit Mesut Özil erschreckend. Das Ganze erscheine ihm wie ein Angriff auf die zentralen Werte der Sozialdemokraten. Das seien Toleranz, Freiheit und Gleichheit.

Und auch Silke Gebel, Vorsitzende der grünen Fraktion, kontert gegen Kritiker und den Deutschen Fußballbund. Sie sagt: „Es ist beschämend, dass wir in unserem Land wieder einen wachsenden Rassismus erleben. Dieser hat viele Gesichter, er fängt bei Nachtclubs an, die keine türkisch aussehenden Männer reinlassen, geht über eine erschwerte Wohnungssuche, bis hin zu offenem Hass, wie er Mesut Özil begegnet ist. Es ist daher fatal, wie sich aktuell DFB-Präsident Grindl verhält. Die ganze Arbeit des DFB gegen Rassismus und Diskriminierung in den vergangenen Jahren wird hier in Mitleidenschaft gezogen.“ Sie ermutige derweil zehntausende Menschen, die für Weltoffenheit, Solidarität und Miteinander seien und dafür auf die Straße gingen. „Und mein Sohn, der genauso großer Fan von Manuel Neuer und Mesut Özil ist, und ihm herzlich egal ist, woher deren Großeltern kommen", so die Politikerin weiter.

Paul Fresdorf, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP, schlägt sich dagegen auf die Seite des DFB. Er meint: „Mesut Özil überspitzt mit seinen Aussagen bewusst die Situation im DFB, auch um von seinen fehlenden Leistungen abzulenken. Er kann nicht von der großen Bühne abtreten, ohne noch einmal einen großen Auftritt zu haben. Diesen hat er durch seine Äußerungen auf jeden Fall bekommen. Der Vorwurf des strukturellen Rassismus ist einer der schwersten, die man in unserer Gesellschaft erheben kann. Damit greift er nicht nur den DFB an und diskreditiert diesen stark und international, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die Bundesrepublik Deutschland und negiert die Integrationserfolge der letzten Jahrzehnte.“

Der stellvertretende AfD-Bundessprecher Georg Pazderski kritisiert Özils Rassismus-Vorwürfe: „Özils Vorwurf, die Kritik an ihm sei rassistisch begründet, ist absurd. Er hat schlicht Mist gebaut, als er sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ablichten ließ. Die vollkommen berechtigte Kritik daran als Rassismus abzutun, ist unehrlich und feige. Özil fehlt es ganz offensichtlich an jeglicher Selbstkritik.“

Und weiter erklärt Pazderski: „Mesut Özil hat in Deutschland die Chance bekommen und genutzt, zum weltweit bekannten Sportstar und Multimillionär zu werden. Er verdankt der deutschen Gesellschaft, in der er sein Fußballtalent zur vollen Blüte bringen konnte, seine Karriere. Die Deutschen haben ihn als Sportler gefeiert und bewundert, und so lange sie das taten, hat Özil auch keinen Rassismus erkennen können. Aber sobald er wegen seiner Wahlkampfhilfe für einen Semidiktator kritisiert wird, meint er plötzlich, Opfer von Rassismus zu sein.“

Carola Bluhm, Fraktionschefin der Linken im Abgeordnetenhaus: Mesut Özil muss sich Kritik an seinem Auftritt mit Erdogan gefallen lassen. Nicht gefallen lassen aber muss er sich, dass deshalb seine Zugehörigkeit zur deutschen Nationalmannschaft, ja gar zu dem Land in dem er aufgewachsen ist und dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, grundsätzlich in Frage gestellt wird. Das laute Schweigen des DFB zu diesem Punkt, wie auch die Stimmungsmache in Teilen der Politik und der Medien offenbaren, wie stark in diesem Land unter Integration noch immer Assimilation verstanden wird.

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( BM )