Briesen

Ein Dorf geht baden

Um ihr Freibad zu retten: Bewohner von Briesen ließen sich zu Rettungsschwimmern ausbilden

Briesen. Jens Neumann hat sich in Badeschuhen und rotem Shirt am Beckenrand postiert. Seinen ungestüm mit Armen und Beinen strampelnden Vierjährigen lässt er nicht aus den Augen. Ein Schwimmgürtel verhindert, dass der Kleine im zwei Meter tiefen Becken abtaucht. Neumann hat nicht nur seinen Sohn im Blick. Aufmerksam verfolgt er die Schwimmzüge des älteren Paares, das auf der 25 Meter langen Bahn seine Runden dreht, beobachtet das jugendliche Trio, das einen Wasserball kickt. Der 40-Jährige ist einer von zwölf Rettungsschwimmern, die seit zwei Jahren ehrenamtlich im Freibad Briesen ihre Schicht schieben. Das Selbsthilfeprojekt der Briesener hat sich herumgesprochen. Kürzlich kam auch Brandenburgs Staatskanzleichef Martin Gorholt in den Ortsteil von Halbe (Dahme-Spreewald) – mit Honigtöpfchen, gefüllt von den Bienen der Landesregierung in Potsdam und einer Auszeichnung als „Demografie-Beispiel des Monats“ im Gepäck.

Dem Freibad fehlten die Rettungsschwimmer

„Ich bin immer am Wochenende hier“, erzählt Familienvater Neumann. Werktags müsse er wegen seiner Arbeitszeiten bei der Deutschen Bahn leider passen. Kein Problem für Virginie Hoppe, die die Einsatzzeiten der „Briesener Bleienten“ koordiniert. „Auch wenn wir alle noch berufstätig sind, ist jeder so diszipliniert und motiviert, dass wir alle Badetage besetzen können. Noch nie ist ein Dienst ausgefallen“, sagt die Erzieherin stolz. Im Frühjahr 2016 stieß die heute 40-Jährige die Aktion zur Rettung des Gemeindebades in Briesen an. Dem drohte die Schließung. „Uns fehlten die Rettungsschwimmer“, sagt Bürgermeister Ralf Kunze (Freie Wähler). Mindestens zwei seien notwendig, um den Badebetrieb in der dreimonatigen Saison mit rund 2000 Badegästen aufrechtzuerhalten. Virginie Hoppe überlegte nicht lang, handelte einen Deal aus. „Wenn ich Freiwillige bringe, die sich zum Rettungsschwimmer ausbilden lassen, übernimmt die Gemeinde die Kursgebühren“, schlug Hoppe vor. Kunze stimmte zu. „Ich dachte, da kommen nicht mal fünf Leute zusammen“, sagt der Briesener.

Hoppe schwang sich noch am selben Tag mit ihrem Mann aufs Rad, klingelte bei Freunden und Bekannten des 310-Seelen-Orts, warb um Mitstreiter. „Spontan zeigten 20 Briesener Interesse.“ 13 machten schließlich ernst – trotz Familie und ihrer Jobs als Kneipenchefin, Sachbearbeiter, Kfz-Mechaniker, Altenpfleger oder Förster. „Das ist schließlich unser Bad“, sagt die gebürtige Briesenerin Susann Fischer. „Als es 1976 gebaut wurde, haben alle im Dorf mit Schaufel und Schubkarre angepackt. Das wollten wir uns nicht wieder nehmen lassen.“

Regina Meinas, mit 75 Jahren die einzige Seniorin in der Truppe, denkt auch an die Zukunft: „Entgegen dem Trend wächst unsere Gemeinde, kehren viele junge Leute nach Ausbildung und Studium zurück, wollen hier eine Familie gründen.“ Keine Frage, dass der Nachwuchs angesichts der Seenlandschaft in der Mark zwingend schwimmen können muss. Was die Rettungsschwimmer aus Briesen nun garantieren können. „Wir geben heute Schulklassen aus Groß Köris und Rankenheim oder Hortgruppen aus Halbe Schwimmunterricht, nehmen auch die Seepferdchen-Prüfung ab“, sagt Feuerwehrmann Torsten Weber, ebenfalls Mitglied bei den „Bleienten“. Das sind Angebote, die sich herumgesprochen haben: Eine Schule aus Pankow habe wegen des Schwimmunterrichts angefragt, Mädchen und Jungen aus Kinderferienlagern aus der Umgebung stünden auf der Matte, auch das benachbarte Freizeitresort „Tropical Islands“ habe schon Bedarf angemeldet. Für Hoppe, Weber und Co. ist das der Beweis, dass sich ihre Mühen lohnen.

„Die Ausbildung zum Rettungsschwimmer ist anspruchsvoll“, bestätigt Sascha Swade. Der Mann vom Arbeiter-Samariter-Bund, der seit 14 Jahren Rettungsschwimmer ausbildet, trainierte die „Briesener Bleienten“, übte mit ihnen Ausdauer, Schnelligkeit und das Durchtauchen auf einer 25-Meter-Strecke. „Anfangs hatte das Wasser nur 16 Grad. Hut ab“, sagt er. Die Bleienten müssen nun erneut zeigen, dass sie nichts verlernt hat. Alle zwei Jahre stehen Auffrischungsprüfungen an.

Vor denen ist es ihnen nicht bange. Kopfzerbrechen bereitet der Initiative stattdessen das marode Kinderschwimmbecken. „Das wäre ideal für den Schwimmunterricht. Die Kinder könnten bei 40 Zentimeter Tiefe stehen, das Wasser heizt sich zudem schneller auf als im großen Becken“, erläutert Regina Meinas. Die Problem: Die Technik des kleinen Beckens ist veraltet, die Wasserqualität schlecht. 130.000 Euro kostet laut Gutachten
die Sanierung. Meinas hat sich in das Thema Förderprogramme eingearbeitet, hat bei möglichen Sponsoren und Stiftungen angefragt. Bislang ohne Erfolg. Nun setzt sie auf Geld der Europäischen Union: „Greift für uns das EU-Leader-Programm, könnten wir mit einer Finanzierung von 75 Prozent der Kosten rechnen.“ Bis September muss der Antrag eingereicht werden. Nur hapert es an den 25 Prozent Eigenmitteln.

Kurzerhand haben die „Bleienten“ eine Einwohnerversammlung anberaumt, auch hier um Geld gebeten. „Es geht doch um die Zukunft unserer Kinder, Enkel und Urenkel“, betont Meinas erneut. Die sich auch nicht scheut, den Gast aus Potsdam, Staatssekretär Gorholt, um Hilfe zu bitten. Der will bis Ende Juli prüfen lassen, ob das Land unterstützen kann.