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Leihräder

Konkurrenz-Plan: Berliner Leihrad-Firma Byke rüstet auf

Um der Konkurrenz zu trotzen, hat das Start-up weitere Fahrräder bestellt und drängt in neue Gebiete. Trotz Leihräder-Chaos in Berlin.

Julia Boss lebt seit zwölf Jahren in Berlin. In der deutschen Hauptstadt hat die 33 Jahre alte Juristin im vergangenen Jahr den Leihrad-Anbieter Byke gegründet.

Foto: Reto Klar

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Berlin. In dem Büro des Berliner Leihrad-Start-ups Byke an der belebten Torstraße ist die Welt noch in Ordnung: Jeder der zwölf Mitarbeiter hat ein eigenes Polaroidfoto an der Pinnwand. Daneben sind Werbeplakate befestigt, mit denen das Unternehmen auch in dem umkämpften Leihrad-Markt der deutschen Hauptstadt um Kunden wirbt. „Bauch, Beine, Po“, steht in gelber Schrift auf einem der Poster geschrieben. Wenige Schritte weiter hängt eines der Fahrräder des Unternehmens von der Decke. Blau-gelb sind auch die Drahtesel, die Byke in der Stadt verteilt hat. In der natürlichen Umgebung der Räder ist die Welt allerdings weniger geordnet.

Auf den Straßen der Hauptstadt ist ein Krieg um den Kunden entbrannt, der bereits erste Opfer gefordert hat. Zuletzt hatte der chinesische Anbieter Ofo angekündigt, Berlin wieder verlassen zu wollen. Obike, eine Leihrad-Firma aus Singapur, gab finanzielle Schwierigkeiten zu. Wie es mit den Obike-Rädern in der deutschen Hauptstadt weitergeht, ist noch unklar.

Byke will in zwei weiteren Städten starten

350 Fahrräder hat das Start-up Byke bislang in Berlin stationiert. Die junge Firma ist der einzige Anbieter, der auch seinen Firmensitz in der Stadt hat und hier gegründet wurde. In dem Büro in der Torstraße sitzt die Geschäftsführerin Julia Boss und sagt: „Alles läuft nach Plan. Unsere Nutzerzahlen sind sogar etwas besser, als wir erwartet hatten.“ Wie viele Kunden nun tatsächlich mit den Bike-Rädern herumfahren, will Boss nicht genau sagen. Betriebsgeheimnis.

Die 33 Jahre alte Juristin hatte Byke im vergangenen Jahr zusammen mit zwei Geschäftspartnern gegründet. Byke sollte besser sein als die Konkurrenz. Julia Boss bezieht diesen Anspruch vor allem auf die Fahrräder. Die Byke-Bikes sind aus Metall, haben eine Gangschaltung und einen Fahrradkorb. 3000 Zweiräder hatte Byke zum Start bei dem chinesischen Hersteller Phoenix bestellt, der die Drahtesel in Shanghai zusammenbaut. Jetzt sollen weitere Räder die Flotte vergrößern.

Bislang drei Standorte

Bereits in einigen Wochen will Phoenix die Bestellung ausliefern. Etwas weniger Räder als zuvor hat Byke wohl bestellt. Genaue Zahlen will die Firma nicht nennen. Mit der neuen Lieferung könnten bestehende Standorte gestärkt werden: Bislang ist Byke in Berlin, dem Ruhrgebiet und Frankfurt am Main vertreten. Die hessische Finanzmetropole und das angrenzende Rhein-Main-Gebiet ist derzeit mit rund 1500 Fahrrädern der größte Standort für das Berliner Unternehmen. Mit den neuen Rädern plane Byke aber in mindestens zwei weitere Städte zu expandieren, sagt Julia Boss.

Möglicherweise werde auch die Flotte in Berlin vergrößert, so die Gründerin. „350 Fahrräder sind eigentlich zu wenig, um den Kunden ein verlässliches Angebot zu machen“, sagt sie. Nach dem beschlossenen Rückzug des chinesischen Konkurrenten Ofo überprüfen derzeit offenbar einige der insgesamt acht Leihrad-Anbieter in der Hauptstadt ihre Geschäftsstrategie.

Auch der Branchenprimus Mobike, in weltweit 250 Städten mit mehr als zehn Millionen Rädern aktiv, erwäge, in Berlin zu expandieren, heißt es. Mobike ist mit rund 6000 Fahrrädern derzeit der größte Anbieter in der Stadt. Trotz der Größe schreibt aber auch Mobike in dem jungen Leihrad-Markt keinen Gewinn. Allerdings: Hinter dem Unternehmen steht mit dem chinesischen Milliarden-Konzern Meituan-Dianping ein zahlungskräftiger Geldgeber.

Einstelliger Millionenbetrag im vergangenen Jahr

Auch Byke werde von internationalen Investoren finanziert, sagt Julia Boss. Einen einstelligen Millionenbetrag hat das Unternehmen nach Informationen der Berliner Morgenpost im vergangenen Jahr eingesammelt. Wie viele junge Firmen schreibt auch Byke derzeit noch Verluste. Schwarze Zahlen seien aber bereits im nächsten Jahr das Ziel, sagt Boss. Die Byke-Geschäftsführerin will vor allem noch mehr Nutzer für das Angebot des Berliner Start-ups begeistern.

Boss spricht aber auch offen davon, dass etwa Kosten für Wartung und Service der Räder weiter nach unten gehen müssten. Byke denke zum Beispiel darüber nach, Nutzern kostenlose Fahrten anzubieten – etwa dann, wenn Fahrräder ohnehin in eine bestimmte Richtung bewegt werden müssten. Die Bikes als Werbefläche zu nutzen, sei für die Firma derzeit aber keine Option, sagt Julia Boss.

Der Leihrad-Experte Tilman Bracher hatte jüngst in einem Interview mit der Berliner Morgenpost bezweifelt, dass Anbieter nur mit dem Vermieten von Rädern Gewinne erzielen könnten. Den Firmen gehe es zunächst darum, einen großen Kundenstamm aufzubauen und später über andere Angebote Geld zu verdienen, hatte der Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Urbanistik erklärt.

Julia Boss, die junge Gründerin von Byke, wirkt entspannt. Byke ist auf Wachstumskurs. Der rasante Weg geht manchmal auch für das Unternehmen zu schnell. Auf der Pinnwand fehlt ein Foto von Daniel. Der neue Mitarbeiter hat erst am Montag angefangen.

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