Justizvollzugsanstalten

Herzschlag-Detektoren sollen Ausbrecher stoppen

Nach der Fluchtserie aus Berlins Anstalten testet die Justiz Technik aus der Erdbeben-Forschung, um Menschen aufzuspüren.

Herzschlagdetektoren sollen Gefängnisausbrüche verhindern

Herzschlagdetektoren sollen Gefängnisausbrüche verhindern

Foto: imago stock / imago/Jürgen Ritter

Berlin. Nach der Ausbruchsserie aus Berliner Gefängnissen will die Justizverwaltung künftig auf technologische Lösungen setzen, um weitere Fluchten zu verhindern. Derzeit werden in den Justizvollzugsanstalten (JVA) Heidering und Tegel Herzschlagdetektoren getestet. Mit diesen Geräten kann an den Gefängnispforten herausgefunden werden, ob sich in Fahrzeugen Menschen versteckt haben. Die Technik kommt aus der Erdbebenforschung. In Gefängnissen anderer Bundesländer sind diese Geräte teilweise schon im Einsatz – mit Erfolg.

Im Wesentlichen sind diese Herzschlagdetektoren Systeme, die den Puls und die dadurch verursachten Schwingungen und deren Übertragung auf das Fahrzeug messen können. Jedes Fahrzeug, das in ein Gefängnis fährt oder es verlässt, soll künftig an den Schleusen an Sensoren angeschlossen und so getestet werden. Der ganze Vorgang dauert nur wenige Sekunden. Das Ergebnis wird vor Ort auf einem Computer angezeigt. Aufwendige Kontrollen der Fahrzeuge sollen so entfallen.

In mehreren Testläufen in Tegel und in Heidering wurden JVA-Bedienstete dafür in Transportern versteckt. Die Mitarbeiter haben sich dafür auch in Kisten auf den Ladeflächen versteckt. Es wurde versucht, diese Bediensteten unbemerkt in die Gefängnisse zu schmuggeln. „Die Geräte haben immer angeschlagen“, sagte der Sprecher der Justizverwaltung, Sebastian Brux, der Berliner Morgenpost auf Nachfrage. Allerdings habe es auch Fehlalarme gegeben. Die Geräte schlugen an, obwohl niemand in den Fahrzeugen war.

Justiz ignoriert Empfehlung des Untersuchungsberichts

Mit der Entscheidung für die technische Lösung setzt sich die Justizverwaltung über die Empfehlungen des Untersuchungsberichts zu dem Ausbruch aus dem Gefängnis in Tegel vom Februar dieses Jahres hinweg. Darin wurde unter anderem die Anschaffung von Unterbodenscannern oder der Bau von Kontrollgruben empfohlen. In der Justizverwaltung ist man allerdings der Ansicht, dass auch diese Lösungen nur unzureichenden Schutz vor Ausbrüchen bieten würden. Mit Herzschlagdetektoren sei es möglich, das gesamte Fahrzeug zu scannen.

Playlist JVA Plötzensee

Playlist JVA Plötzensee

Die Justizverwaltung testet derzeit mehrere Anbieter. Ziel sei, dass die ersten Geräte (Stückpreis: 100.000 Euro) noch in diesem Jahr zum Einsatz kommen. Dafür sollen Mittel aus dem Sondervermögenfonds Siwana abgerufen werden. Die geschätzte Gesamtinvestition soll mindestens eine Million Euro betragen, heißt es. In der Justizverwaltung favorisiert man die Detektorenlösung auch deshalb, weil dafür keine Baugenehmigung notwendig ist, was aber bei der Errichtung von Kontrollgruben etwa notwendig sei.

In anderen Bundesländern wurde die Detektorentechnik bereits erfolgreich getestet. In Brandenburg sind solche Geräte bereits erfolgreich im Einsatz. Auch im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim in Stuttgart sind an den Torwachen solche Detektoren installiert.

Ausbrüche aus Berliner Gefängnissen verhindern

Um den Jahreswechsel und im Februar dieses Jahres hatten in Berlin spektakuläre Ausbrüche aus den JVA Plötzensee und Tegel bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) in Bedrängnis gebracht. Untersuchungsberichte zu den Ausbrüchen offenbarten eklatante Sicherheitsmängel. In Plötzensee hatten mehrere Gefangene ein Loch in die Wand gehackt und konnten so fliehen.

Noch spektakulärer war die Flucht eines Gefangenen aus Tegel. Justizbedienstete hatten am Morgen des 8. Februar gegen 6.05 Uhr beim Aufschließen der Zellen festgestellt, dass Hamed M. nicht in seinem Bett lag. Stattdessen hatte er dort eine aus Kleidungsstücken, Stoffresten und Toilettenpapier gebastelte menschliche Attrappe arrangiert.

Wie man später herausfand, hatte M. sich am Unterboden eines Lieferwagens festgekrallt und konnte so fliehen. Der 24-jährige Libyer wurde Wochen später in Belgien bei einem Diebstahl gefasst und wieder nach Berlin überstellt. Er muss in Berlin noch eine Haftstrafe bis zum Jahr 2022 verbüßen. Nach den Ausbrüchen und der heftigen Kritik hatte Justizsenator Behrendt ein Sofortprogramm für die Berliner Gefängnisse aufgelegt.

Mehr zum Thema:

Tegel-Ausbrecher hatte wahrscheinlich Komplizen

Tegel-Ausbrecher Hamed M. in Belgien gefasst

Justizsenator will ungelernte Kräfte in JVA Tegel einsetzen

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.