Judenhass

Neue Studie: Antisemitismus durchsetzt das Internet

Seit 2007 hat sich die Zahl antisemitischer Kommentare im Internet verdreifacht. Auch muslimischer Antisemitismus spielt eine Rolle.

Teilnehmer der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" in Berlin

Teilnehmer der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" in Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Kappeler / picture alliance / Michael Kappe

Berlin. Der Antisemitismus in sozialen Medien, Blogs und Online-Kommentaren ist einer neuen Studie zufolge so stark wie nie. Das Web 2.0 sei mittlerweile von Judenfeindlichkeit und Hass auf Israel durchsetzt, heißt es in einer Langzeituntersuchung der Technischen Universität (TU) Berlin. Die Antisemitismus-Forscherin Monika Schwarz-Friesel sprach am Mittwoch von einem „besorgniserregenden Phänomen“.

Für die Untersuchung über Judenhass im digitalen Zeitalter werteten die Wissenschaftler am TU-Institut für Sprache und Kommunikation mit Hilfe von Textverarbeitungsprogrammen mehr als 300.000 Texte etwa aus Twitter und Facebook, Debattenforen und Meinungskanälen von Onlinemedien aus.

"Internet ist Hauptmultiplikator des Antisemitismus"

Das Internet sei ein zentraler Ort für Meinungsbildung und Information - aber auch für die Verbreitung von Judenhass, lautet ein Fazit der Studie „Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses“. Bei einer Pressekonferenz am Mittwoch sagte Schwarz-Friesel: "Das Internet ist der Hauptmultiplikator für Antisemitismus.“

In der Gesellschaft schlage antisemitischen Äußerungen zu wenig Widerstand entgegen - auch in Politik und Justiz, erklärte die Forscherin. "In den vergangenen Jahren wurde vom Staat immer wieder behauptet, man wolle mit aller Härte gegen die Verbreitung von Hass und Antisemitismus vorgehen. Ich sehe das nicht.“

Auch muslimischer Antisemitismus wurde untersucht

Speziell untersuchten die Forscher den muslimischen Antisemitismus: Dieser ist mit 53 Prozent stärker von klassischen Stereotypen des Judenhasses geprägt als von israelbezogenen Feindbildern mit 35 Prozent. Damit widerspricht die Studie Stimmen, die Angriffe und Hass von Muslimen gegen Juden in Deutschland vor allem auf sogenannte "Israel-Kritik" zurückführen.

Insgesamt, so schreiben die Forscher weiter, müsse man feststellen, dass die klassische Judenfeindschaft in den untersuchten Kommentaren mit über 54 Prozent die primäre Quelle des aktuellen Judenhasses ist.

Die Infiltration der alltäglichen Kommunikationsräume durch Antisemitismen zeige sich nahezu überall im Internet. Besonders die über Twitter und Facebook verbreiteten Aufrufe, gegen Judenhass zu demonstrieren, seien innerhalb weniger Stunden infiltriert durch Texte antisemitische Äußerungen. So seien 38 Prozent der Kommentare zur Kampagne #NiewiederJudenhass aus dem Jahr 2014 antisemitisch geween. Die Autoren nennen das Beispiel: „Weil Bild den Juden gehört heisst noch lange nicht das mann diese Verbrecher von Juden nicht Hassen soll!!!!“

Zahl der Kommentare hat sich verdreifacht

Jeden Tag würden Tausende neue antisemitische Äußerungen gepostet - in Bild, Text und Video. Zwischen 2007 und 2018 habe sich die Zahl antisemitischer Online-Kommentare nahezu verdreifacht. Die Autoren gingen allerdings in einer Mitteilung nicht darauf ein, wie sehr die Gesamtzahl der Kommentare im gleichen Zeitraum gestiegen sei.

Die Autoren schließen, dass es fast keinen Bereich im Netz gibt, in dem Nutzer nicht die Gefahr liefen, auf judenfeindliche Texte zu stoßen, heißt es in der Studie.

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