Ausbildungsstellen

Berliner Firmen suchen händeringend nach Azubis

Jeder dritte Betrieb konnte Stellen nicht besetzen, weil gar keine Bewerbung vorlag. Die IHK gibt Rot-Rot-Grün eine Mitschuld.

Auch die Berliner Industrie- und Handelskammer hilft bei der Ausbildung: Im IHK-Zentrum lernen Jugendliche den Beruf des Klempners

Auch die Berliner Industrie- und Handelskammer hilft bei der Ausbildung: Im IHK-Zentrum lernen Jugendliche den Beruf des Klempners

Foto: dpa Picture-Alliance / Jochen Zick / picture alliance / Keystone

Berlin.  Unternehmen in Berlin fällt die Besetzung von Ausbildungsstellen zunehmend schwerer. Im vergangenen Jahr meldeten die Firmen in der Hauptstadt so viele unbesetzte Lehrlingsstellen wie nie zuvor. Das geht aus einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) vor, die am Dienstag vorgestellt wurde. Demnach blieben in Berlin 1197 Ausbildungsplätze unbesetzt. Tatsächlich dürfte die Anzahl aber weit höher liegen, da frei gebliebene Lehrlingsstellen durch die Unternehmen häufig nicht bei der Arbeitsagentur gemeldet würden, sagte Constantin Terton, der bei der Berliner Kammer den Bereich Bildung leitet.

Laut IHK-Statistik habe sich die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen bei den Kammer-Betrieben in Berlin seit 2009 vervierfacht. Im vergangenen Jahr konnten mehr als 40 Prozent der Firmen nicht alle offenen Lehrlingsplätze besetzen. Besonders groß war die Not in der Baubranche: Drei von vier Bauunternehmen haben noch immer freie Stellen für Auszubildende. „Die Zahl der Firmen mit Besetzungsproblemen hat sich in der Baubranche im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt“, sagte Terton.

Das liegt auch daran, dass viele Unternehmen gar nicht im Fokus der jungen Menschen stehen, die sich für eine Ausbildung interessieren. Ein Drittel der befragten Betriebe hat im vergangenen Jahr gar keine Bewerbung erhalten. Zwei Drittel der Firmen gaben an, keine geeignete Bewerbung erhalten zu haben.

Umkämpfter Wohnungsmarkt in Berlin nicht attraktiv

Die junge Unternehmerin Larissa Zeichhardt führt den Eisenbahn-Baubetrieb LAT in Friedrichshain. 130 Mitarbeiter sind auf und neben den Bahnschienen tätig, bauen unter anderem neue Strecken für S-, U- und Fernbahnen. Zeichhardt, 36 Jahre alt, hat derzeit noch sieben von neun Ausbildungsplätzen zu vergeben. Die Frau weiß, wo der Schuh der meisten Betrieb drückt, wenn es um die Besetzung offener Lehrlingsstellen geht. „Wir konkurrieren mit Siemens oder der Deutschen Bahn“, sagte sie. Für den Mittelstand gehe es darum, aus dem Schatten der großen Konzerne zu treten. Die LAT-Geschäftsführerin ist mit ihrem Unternehmen deswegen stark in den sozialen Netzwerken vertreten. Über Facebook, Instagram und Twitter versucht Zeichardt für die Ausbildung in ihrem Betrieb zu werben. Bislang blieb der durchschlagende Erfolg allerdings aus.

Die IHK schlägt angesichts der Lage am Ausbildungsmarkt Alarm. Laut Kammer-Präsidentin Beatrice Kramm blieb im vergangenen Jahr jede zehnte Azubi-Stelle in Berlin unbesetzt. Die Unternehmen würden schon jetzt den Fachkräftemangel als größte Herausforderung angeben. Für die schlechte Lage auf dem Bewerbermarkt sei auch die Politik des rot-rot-grünen Senats in Berlin verantwortlich, erklärte Kramm. Etwa beim Wohnungsbau verfehle die Landesregierung ihre Ziele deutlich. In Berlin eine Wohnung zu finden sei vor Jahren noch einfach und auch günstig gewesen, sagte sie. „Der Wohnungsmarkt ist aber mittlerweile kein Standortfaktor mehr“, beklagte die Kammer-Präsidentin.

Unbesetzte Ausbildungsplätze wegen Kita-Krise

Hinderlich sei auch die Kita-Krise. „Jeder unbesetzte Kita-Platz steht für einen unbesetzten Ausbildungsplatz in der Stadt“, sagte Kramm. Viele junge Menschen müssten ihre Elternzeit immer wieder verlängern und könnten nicht arbeiten gehen, so die IHK-Präsidentin. Berlin müsse zudem auch an der Qualität der schulischen Bildung arbeiten. Es könne nicht sein, dass noch immer zehn Prozent der Berliner Schüler ohne Abschluss abgehen, erklärte Kramm. Das seien jedes Jahr 3000 Jugendliche, bei denen die Gefahr bestehe, in die Langzeitarbeitslosigkeit abzurutschen, sagte sie.

Die IHK fordert nun von der Politik vor allem Kurskorrekturen in der Schule: Vor allem die sogenannten Oberstufenzentren (OSZ) sind der Kammer ein Dorn im Auge. Die OSZ würden den Betrieben mit ihren schulischen Ausbildungsgängen die Azubis wegnehmen, so Kramm. Die IHK-Präsidentin würde es gerne sehen, wenn der Senat diese Zentren wieder abschaffen würde. Derzeit würden die Angebote der OSZ dazu führen, dass die Azubis bei Ausbildungsbeginn in den Betrieben immer älter würden. Derzeit ist ein Lehrling am Beginn seiner Ausbildung in der deutschen Hauptstadt im Durchschnitt 20,8 Jahre alt.

Bewerbungen nur noch per Video

Für die Unternehmen in Berlin sei es auch wichtig, dass die Politik für mehr Berufsorientierung in den Schulen sorge, so Kramm. 83 Prozent der Firmen gaben zuletzt an, dass viele Schulabgänger zu unklare Vorstellungen über den gewählten Beruf hätten. Viele Unternehmen bieten jetzt deshalb mehr Praktikumsplätze an. Ohnehin nehmen die Berliner Firmen ihre Bewerber stärker als früher an die Hand: Jedes dritte Unternehmen bietet seinen Azubis mittlerweile Nachhilfe an, vor allem in Mathe und Physik.

Im Betrieb von Larissa Zeichhardt erhalten die Lehrlinge dreimal wöchentlich Nachhilfeunterricht. Das Eisenbahn-Bauunternehmen LAT geht auch bei der Rekrutierung neue Wege: Bewerbungen nimmt Zeichhardt nur noch über eine App entgegen. Ihren Lebenslauf schicken die Jugendlichen in Stichpunkten mit. Auf ein Anschreiben verzichtet Zeichhardt. Stattdessen nehmen die Interessenten ein Video von sich auf. Larissa Zeichhardt hofft jetzt, dass die Zahl der Bewerbungen wieder zunimmt.

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