Vorwurf des Asylbetrugs

Konvertiten in Berlin: Eine Frage des Glaubens

In der Gemeinde von Pfarrer Martens in Steglitz konvertieren Muslime zum Christentum. Doch die Behörden unterstellen ihnen Betrug.

Pfarrer Gottfried Martens tauft Konvertiten aus dem Iran und Afghanistan in der Dreieinigkeitskirche in Steglitz

Pfarrer Gottfried Martens tauft Konvertiten aus dem Iran und Afghanistan in der Dreieinigkeitskirche in Steglitz

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Milchiges Sonnenlicht flutet den Saal, als 14 Täuflinge aus dem Iran und Afghanistan durch die Flügeltür schreiten. Sie folgen dem Kreuz, das der Messdiener dem Altar entgegenträgt. Das Kindergewusel, das Handygetippe, das Geschnatter – alles verstummt. Aus vollen Kirchenbänken und von der Empore richten sich rund 150 Blicke auf die Prozession. Als Letzter betritt ein schmaler Mann mit breitem Oberlippenbart den Saal. Pfarrer Gottfried Martens. Kurz danach knien die Täuflinge vor ihm, mit einem zerfledderten Notizbuch in der Hand geht er die Reihe ab, murmelt, bekreuzigt. „Lasset uns beten!“ Lukas-Evangelium.

Bittet, so wird euch gegeben;
suchet, so werdet ihr finden;
klopfet an, so wird euch aufgetan.

Im Taufgottesdienst wird Pfarrer Martens viel auf Farsi und ein wenig auf Deutsch predigen, er wird Wasser über 14 gesenkte Köpfe gießen, wird 14 Mal die Hand aufs Herz legen, mit geschlossenen Augen und lächelnden Lippen in den Saal rufen, vom allmächtigen Gott und Vater, von vergebenen Sünden, neuer Geburt, ewigem Leben. Amen.

In zwei Minuten und 20 Sekunden macht Pfarrer Martens aus muslimischen Asylbewerbern christliche Asylbewerber. Im Iran sind diese zwei Minuten und 20 Sekunden verboten. Die Abkehr vom Islam kann in der Islamischen Republik mit lebenslanger Haft, im schlimmsten Fall mit dem Tode bestraft werden. In Afghanistan wird die Bedrohungslage für Christen noch höher eingeschätzt.

Für das Bamf sind Martens Täuflinge Scheinkonvertiten

Ein Satz erklingt im Taufgottesdienst immer wieder. Pfarrer Martens sagt ihn vor, die Täuflinge sprechen ihn nach. Auf Farsi klingt er so: „Bale man imam daram.“ Ja, ich glaube. Seit etwa einem Jahr, so sagt es Pfarrer Martens, glaubt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) diesen Satz nicht mehr. So gut wie alle Asylanträge seiner Gemeindemitglieder würden abgelehnt. Für das Bamf sind Martens Täuflinge Scheinkonvertiten.

Pfarrer Martens sagt: „Manchmal glaube ich, es ist einfacher, als Salafist in Deutschland zu bleiben denn als getaufter Christ.“ Das Bamf sagt, bei jedem Einzelfall werde geprüft, „ob der Glaubenswechsel des Antragstellers aus asyltaktischen Gründen oder aus echter Überzeugung erfolgt ist“. Aber erkennt ein Amt, ob und was ein Mensch wirklich glaubt? Erkennt das ein Pfarrer womöglich besser? Oder sind Kirchengemeinden aus missionarischem Eifer eine Allianz mit Asylbetrügern eingegangen?

Zwei Berliner Gemeinden haben sich auf Konvertiten aus dem Iran und Afghanistan spezialisiert. Das Haus Gotteshilfe in Neukölln und die Selbstständige Evangelisch-Lutherische Dreieinigkeitsgemeinde von Pfarrer Martens in Steglitz. Mehr als 1000 Konvertiten will Martens bereits getauft haben. Als Missionar ausziehen muss er dafür nicht. Sein kastenförmiges Gotteshaus ist international bekannt. Dass dort auf Farsi gebetet und getauft wird, erfahren Iraner und Afghanen über Whatsapp, in Flüchtlingsheimen, von Freunden in der Heimat. Für viele steht das Ziel ihrer Reise schon im Iran fest: Berlin-Steglitz, Dreieinigkeitskirche.

Etwa jeder Fünfte schafft es nicht bis zur Taufe

So wie bei Mehrdad Nazari und seiner Partnerin Sepideh Babalouei. Zwei Tage nach ihrer Ankunft ging das Paar zu Pfarrer Martens. Wenn Nazari über seine Hinwendung zum Christentum redet, schweift der 56-Jährige weit aus. Er spricht von Gräueltaten an Andersgläubigen in seinem Heimatland, davon, wie angewidert er vom Islam sei, von einem Freund, der ihn zu einer Hauskirche mitnahm, von Liebe, Vergebung, Angst. „Für Muslime gilt, wenn du geschlagen wirst, schlage zurück. Christus aber sagt, wir sollen auch die andere Wange hinhalten.“

Die eigentliche Taufe, die zwei Minuten und 20 Sekunden, in denen Pfarrer Martens Menschen wie Nazari zu Christen macht, sind nur der Höhepunkt eines viermonatigen Weges. So lange dauert der Taufunterricht, lernen die Täuflinge die Grundsätze des christlichen Glaubens, werden am Ende geprüft. Gottfried Martens sagt, etwa jeder Fünfte schaffe es nicht bis zur Taufe. Damit seien die Scheinkonvertiten ausgesiebt.

An Nazaris Hals baumelt beim Gespräch in Kirchensaal ein silbernes Kreuz über seinem Jeanshemd, auf seinem Schoß liegt eine schwarze Laptoptasche. Daraus zieht er einen Aktenstapel. Ein Schreiben seines Nachbarn ist dabei. Nazari sei ein guter Nachbar, steht da, und sicher auch ein guter Christ. Im Aktenstapel findet sich auch der Bamf-Bescheid. Eine Ablehnung. Im Anhörungsprotokoll kann man Fragen wie diese lesen: „Kennen Sie einige von den ersten Jüngern von Jesus, den Aposteln?“ Antwort: „Ich wusste einige. Jetzt habe ich es vergessen.“

Wenn Asylbewerber beim Amt ein Glaubensquiz machen müssen

Pfarrer Martens sagt: „Die Kriterien beim Bundesamt sind völlig willkürlich.“ Einige Anhörer machten ein Glaubensquiz, andere erwarteten, ein gläubiger Christ müsse ein Erweckungserlebnis haben, wieder andere erwarten tägliche Gebete, Kirchgänge, Riten. Nazari sagt: „Wenn ich zurück in den Iran muss, werde ich mein Kreuz hochhalten. Sollen sie mich töten. Vielleicht glaubt das Bamf den Iranern dann.“

Im Sommer 2018 diskutiert Deutschland über Asylbetrug beim Bamf in Bremen, über Rückweisungen von Asylbewerbern an der Grenze, darüber, ob die Seenotretter nicht aufhören sollten, Migranten im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten. Der Ton ist rauer geworden, die Diskussion lauter. Wenn Pfarrer Martens heute klagt, dass Konvertiten heute an manchen Bamf-Außenstellen eine Anerkennungsquote von 0,0 Prozent haben, dann hört ihn niemand mehr.

Ob das stimmt, lässt sich auch kaum nachweisen. Das Bamf erhebt keine Statistiken zu Asylgründen, unterscheidet nur nach Herkunftsländern. Die Schutzquote für Iraner lag zum Juni 2018 bei 25,9 Prozent, zwei Jahre früher waren es noch 56,4 Prozent. Spricht man mit Asylanwälten, bestätigen sie die Einschätzung von Pfarrer Martens. Wo vor zwei Jahren noch ein dünner Vortrag über den christlichen Glauben reichte, werde heute fast durchgängig abgelehnt. „Alles politisch bestellt“, sagt Martens.

Der Pfarrer scheint sich damit nicht abfinden zu wollen. Besucht man ihn in seiner Kirchengemeinde, findet man sich in einer Art selbstverwalteter Asylunterkunft wieder. Vor der Kirche sitzen junge Männer auf Plastikstühlen, trocknet Wäsche in der Sonne. Im Gemeindesaal wird gerade der Mittagstisch abgeräumt. Mehrere Dutzend Iraner und Afghanen sind bei Martens im Kirchenasyl. Nachts wird aus dem Gemeindesaal ihr Schlafsaal. Asylfragen und Gerichtsverfahren bestimmen längst den Alltag des Pfarrers.

„Wir suchen die Nadel im Heuhaufen, aber der ist groß“

Ein Montag am Verwaltungsgericht in Moabit. Schon am Vormittag stockt die schwüle Luft in Saal 1202. Es ist Martens freier Tag, aber der Pfarrer möchte ein gutes Wort für die Kläger einlegen. Eine vierköpfige Familie aus dem Iran. Martens hat sie alle getauft. Das Bamf hat sie abgelehnt. Jetzt klagen die Iraner dagegen. Eine Frau mit rosa Bluse und rotem Kopf vertritt das Bamf, blickt stur aus dem Fenster des Gerichtssaals. Während der iranische Vater seinen Weg zum Christentum beschreibt, krallt sich Martens am grauen Polster eines Stuhls fest.

Der Richter zum Kläger: „Sie müssen doch wissen, wann Sie Ihre erste Bibel erhalten haben?“ Der Iraner erzählt von einem Freund, von Gesprächen im Café, von den Bibelkreisen in seiner Wohnung. Von der Bibel spricht er erst nach der dritten Nachfrage. Martens knetet sein Sitzpolster, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. In der Verhandlungspause platzt es aus ihm heraus. „Ich sage ihnen immer wieder: In Deutschland müsst ihr zuerst auf die Frage antworten.“ Kulturelle Unterschiede führten oft zu Unverständnis bei den Behörden.

Der Richter nickt. Seine Kammer ist eigentlich nicht für Asylklagen von Iranern zuständig. Aber gerade stauen sich die Akten, ist jede Hilfe willkommen. Es heißt, fast 90 Prozent der iranischen Kläger seien Konvertiten. Auch das Verwaltungsgericht nennt keine Zahl zu Ablehnungen von Konvertiten. Auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, die Richter urteilten voreingenommen. Aber unterhält man sich mit ihnen, dann wird schnell klar: Ein Minimum an Konvertiten kann das Gericht überzeugen.

„Wir suchen die Nadel im Heuhaufen, aber der Heuhaufen ist eben sehr groß“, sagt Richterin Anna von Oettingen. Seit über einem Jahr verhandelt sie Asylklagen von Iranern, spricht Farsi, kennt die Rechtsprechung im Iran. Ihre Verhandlungen dauern lange, sie hört zu. Und sie hört immer wieder die gleichen Geschichten. Zweifel am Islam, Hauskirche, Flucht, Taufe. Hat womöglich nur die hohe Zahl an ähnlichen Fällen zu größerer Skepsis bei den Behörden geführt?

Früher, so erzählt es ein anderer Richter, habe es eine andere, typische Iran-Geschichte gegeben: die Demons­tration vor der Botschaft. „Nieder mit dem Schah“ rufen, das Ganze mit dem Handy filmen, auf Youtube stellen, schon drohe politische Verfolgung. Jetzt sei religiöse Verfolgung das Rezept. Rezept Martens, sozusagen.

Vielen Konvertiten glauben die Richter nicht

Für die Richter ist eine Frage entscheidend: Ist der Konvertit derart überzeugt von seinem Glauben, dass er ihn auch im Iran öffentlich Leben würde? Vielen glauben die Richter das nicht. Etwa wenn sie zugeben, seit der Ablehnung vom Bamf nicht mehr zur Kirche zu gehen. Wenn sie in christlichen Floskeln sprechen, alle dieselben Bibelstellen zitieren, die Wahl des Christentums beliebig wirkt.

Wie erkennt Richterin von Oettingen einen echten Konvertiten? „Wenn mir der Kläger in einer persönlichen Geschichte glaubhaft erläutert, warum er Christ geworden ist.“ Und Pfarrer Martens? „Ich begleite sie über Monate, lerne sie in ihrer alltäglichen Glaubenspraxis kennen. Ich erkenne das.“ Eine Frage des Glaubens eben.

Bei der Familie im stickigen Gerichtssaal 1202 ist die Glaubensfrage auch nach Stunden nicht geklärt. Dann erhält die Bamf-Mitarbeiterin das Wort. „Wie beeinflusst denn der christliche Glaube Ihren Alltag?“ Nach mehreren Nachfragen wird klar: Die Familie besucht außer der Dreieinigkeitskirche wöchentlich eine weitere Kirche und einen privaten Bibelkreis. Zwei ältere Damen bezeugen das. Martens hält eine flammende Rede für seine Täuflinge.

Für sein Urteil nimmt sich der Richter eine Woche Bedenkzeit. Ob er den Iranern glaubt, will er vorher nicht verraten. Nur so viel: Regelmäßiger Kirchgang in Deutschland sei nicht entscheidend. Trotzdem schlägt er einen Vergleich vor: Wenn das Bamf Flüchtlingsschutz gewährt, nehmen die Asylbewerber die Klage zurück. Pfarrer Martens richtet sich im Besucherstuhl auf, blickt zur Bamf-Mitarbeiterin. Die schüttelt zweimal mit dem Kopf.