Musikalische Zeitreise

Vom Dschungel ins SO 36 - Mit Bela B. im Ohr Clubs erkunden

Durch West-Berlins 70er- und 80er-Jahre mit „Ärzte“-Drummer Bela B.: Eine Musiktour schickt Hörer per Smartphone auf eine Zeitreise.

Deezer Tour, Bela B, Patrick Goldsetein Redakteur, Jornalist, SO 36, Stadttour, App

Deezer Tour, Bela B, Patrick Goldsetein Redakteur, Jornalist, SO 36, Stadttour, App

Foto: Ricarda Spiegel

Ganz hinten im luxuriösen Küchenfachgeschäft, wo das Mobiliar wirkt, wie für Raumschiffbesatzungen konstruiert, sitzt eine elegante Mitarbeiterin am Schreibtisch und bejaht nachsichtig jene Frage, die man in ihrer Position wohl hundert Mal schon gehört hat: Ja, dies seien die Räume, in denen sich Berlins aufregendste Diskothek, der „Dschungel“ befand.

Vor ihrer Ladentür, neben dem „Ellington Hotel“ an der Nürnberger Straße in Schöneberg, beginnt neuerdings eine Stadt-Tour zu den ehemaligen West-Berliner Domizilen internationaler Rock-Ikonen, zu den Szene-Bühnen, Champagnerbars und Absturzkneipen von Rang. Die meisten wären für die Mieter von damals heute unbezahlbar. Wer sich darauf einlässt, erlebt daher eine 200-minütige Führung durch ein Berlin, das nahezu verschwunden ist.

Es ist eine Tour ohne persönlichen Guide. Weil sie vom Musik-Streamingdienst Deezer angeboten wird, macht man sich einzig mit dem Smartphone und einem Satz Kopfhörern auf den Weg. Zwischen den Wortbeiträgen spielt die App die jeweils passenden Songs.

„Stars, schöne Menschen, Drogen: Hedonismus pur“

Als Erzähler hat das in Frankreich angesiedelte Unternehmen Bela B. gewonnen. Der Musiker der Band „Die Ärzte“ ist nebenbei Schauspieler, Moderator, Hörspielsprecher und damit eine wunderbare Wahl. Denn nachdem er auf Touchscreenberührung die wesentlichen Fakten über die jeweilige Station der Tour vorgetragen hat, greift der Spandauer als kleine Zugabe stets noch tief ins eigene Anekdotenreservoir und erzählt von seinen Erfahrungen dort. Etwa vom „Dschungel“.

Der Club, der für ihn als „minderjährigen Punk“ immer zu teuer war, um sich dort zu betrinken, sei für Europa das gewesen, was das „Studio 54“ in New York war, „mit Stars, schönen Menschen, Drogen – Hedonismus pur“. Die teils arg kitschige Einrichtung aber, zu der Aquarium und Springbrunnen gehörten, habe kein szenig-weltgewandter Innenausstatter angeregt, sie stammte lediglich aus der Zeit, als der Dschungel noch Chinarestaurant war.

Nun wurden dort Berliner Nightlife-Gesetze geschrieben, die in der Stadt noch heute gelten: Harte Tür, Fotoverbot. Ideal für prominente Gäste wie Prince, Frank Zappa, Barbra Streisand und Depeche Mode. Nach einem Stopp vor dem früheren „Chez Romy Haag“ an der Schöneberger Fuggerstraße, wo die Flasche Sekt laut New-Wave-Song „Berlin“ 150 D-Mark kostete und sich jetzt auf zwei Etagen der Schwulenclub „Connection“ befindet, liefert die einstige Dschungel-Besucherin Grace Jones mit ihrem Disco-Chanson „La vie en rose“ die Wegbegleitung zum nächsten Halt.

Er steht für eine grob-gefährliche Stimmung, die in West-Berlins Nachtleben der 70er- und 80er-Jahre immer mitklang. Wer mit dem Rad unterwegs ist, merkt davon noch ein wenig, wenn er an den Anfängen des Strichs der Kurfürstenstraße in die Genthiner Straße biegt. In Haus Nummer 26 gelangte man unter großem „Schultheiß-Pilsener“-Logo ins „Sound“. Der Club in einer umgebauten Tiefgarage feierte sich als „modernste Disco Europas“. Bela B. erzählt von Lasershow, Kino, Nebelmaschine, professioneller Videoaufzeichnung. „Was sie aber auch hatten, war ein riesiges Drogenproblem“, sagt er.

So war auch Christiane F., das Kind vom Bahnhof Zoo, Sound-Stammgast. Bela B. hatte ihr Buch von 1978 in der Schule gelesen und war kurz darauf, als 15-Jähriger, selbst dort unterwegs. Ausgerechnet wegen seines Drogen-Rufs „war das Ding so populär“, erzählt Bela B. „Das Buch machte das Sound über die Grenzen Berlins hinweg bekannt.“ Sogar Mick Jagger schaute vorbei. Seitdem haben nüchterne Dienstleistungsgeschäfte im balkonlosen Bau alle Erinnerung an damals verdrängt.

Während manchem Hörer nun auf dem Weg gen Kreuzberg ein Halt vor dem „Kumpelnest 3000“ an der Lützowstraße oder dem einst besten Plattenladen der Stadt, „Mr. Dead & Mrs. Free“ an der Bülowstraße fehlen mag, sorgen Musikbeispiele der Einstürzenden Neubauten, von Ideal, Blondie und Iggy Pop dafür, dass man immer mehr im Berlin von damals versinkt. Davon allerdings, dem Audioprogramm im Stadtverkehr zu lauschen, rät der 55-jährige Bela B., mit bürgerlichem Namen Dirk Albert Felsenheimer, ab: „Ist sicherer.“

Überfall durch ein Kommando gegen Konsumterror

Es geht zu David Bowies Schöneberger Wohnung, zum Hansa Tonstudio und dem Haus am Tempelhofer Ufer, wo von 1971 bis 1975 Sänger Rio Reiser lebte. Ob sich 2018 aber für den anstrengenden Rock-Aufrührer und anarchistischen Systemgegner in diesem Umfeld noch bezahlbarer Wohnraum fände, ist unwahrscheinlich. Um die Ecke werden Ausstellungsstücke der jüngsten Modewoche abtransportiert, vor der Tür blühen im abgesperrten Vorgarten weiße Schneeball-Hortensien und im Lokal nebenan gibt es fair gehandelten Coffee to go sowie Eiscreme der Geschmacksrichtung Zitrone-Gurke. Nur ein Papphocker auf der Terrasse mit aufgedrucktem Reiser-Konterfei erinnert daran, dass in der Gegend auch einmal Platz für unbequeme Typen war.

Am Ende der Stadtfahrt landet der Zuhörer vor der Kreuzberger Konzerthalle SO 36. Ein roter Tourbus-Doppeldecker hat dort geparkt und spuckt über und über tätowierte New Yorker mit Irokesenfrisur, ihre Partnerinnen und Kinder aus. Es könnte an diesem Abend im Oranienstraßen-Club wieder laut werden. Bela B. erzählt von einem Überfall im November 1978 durch ein „Kommando gegen Konsumterror“, bei dem die strammen Anti-Kapitalisten auch gleich Tageseinnahmen von mehreren Tausend Mark mitgehen ließen.

„Wenn man sich jetzt hier so umsieht“, sagt Bela B., „kann man sich viele von diesen Dingen gar nicht mehr vorstellen.“ Das jedoch stimmt nicht ganz. Nach dreieinhalb Stunden auf Tour ist hinter der heutigen Hochglanzfassade der Stadt das alte West-Berlin wieder klar zu erkennen.

Deezer 80s Tour sowie zwei weitere Touren kostenlos oder mit Abonnement unter deezermusictours.de

Mehr zum Thema:

Diese Führung zeigt die Spuren von Depeche Mode in Berlin

David Bowie – wiederbelebt in Berlin