Bike-Sharing

Insolvenz: Leihradfirma Obike geht die Luft aus

Nach der Pleite des Anbieters ist unklar, was mit den vielen Rädern in der Hauptstadt passiert. Bisher sind die Bezirke verantwortlich.

Der Anbieter Obike ist insolvent, aber noch stehen die Räder auf den Berliner Straßen herum

Der Anbieter Obike ist insolvent, aber noch stehen die Räder auf den Berliner Straßen herum

Foto: dpa Picture-Alliance / WALTER BIERI / picture alliance/KEYSTONE

Berlin. Silber und gelb stehen sie auf den Bürgersteigen in der Innenstadt herum und inzwischen drängt sich die Frage auf: Wie lange eigentlich noch? Denn der Anbieter Obike, der Ende letzten Jahres mit rund 700 Leihrädern in Berlin auftauchte, ist seit dem 25. Juni insolvent. Die silber-gelben Hollandräder sind aber noch da.

Was mit ihnen geschieht, ist derzeit unklar. Tatsächlich gehören die Räder nicht mehr Obike, sondern der Schweizer Firma „Umzug 24“, die eigentlich für Reparatur und Wartung der Räder zuständig war, und sie als Ausgleich für ausstehende Zahlungen übernommen hat. Das Problem: Weil die App zur Ortung der Räder offenbar nicht funktioniert, kann „Umzug24“ sie nicht ausfindig machen. Mit deutschen Städten habe sich „Umzug24“ bislang aber noch nicht in Verbindung gesetzt, sagt Firmenchef Firat Kutal.

Auf den Rädern sitzen bleiben bis dahin die Bezirke – sehr zu deren Unmut. „Ich sehen nicht ein, dass meine Mitarbeiter im Ordnungsamt Detektiv spielen und die Räder einsammeln sollen“, sagt Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD). In Charlottenburg-Wilmersdorf will man „Umzug24“ höchstens „zwei Wochen“ geben, wie Ordnungsstadtrat Arne Herz (CDU) sagt.

Die Rückzahlung der Kaution ist fraglich

Tatsächlich könnten die Bezirke mit den Rädern so verfahren, wie sie es mit den „Schrotträdern“ tun, die von Privatleuten abgestellt und nicht mehr abgeholt werden. Sie werden vom Ordnungsamt per Aufkleber markiert und – sobald nicht nach einem gewissen Zeitraum entfernt – abgeholt. Wie die Schrotträder können die Obikes aber nicht entsorgt werden, da ihr Besitzer bekannt ist. Man müsse erwägen, „Umzug24“ die Lagerung in Rechnung zu stellen, sagt Ordnungsstadtrat Herz.

Auch für die Kunden ist die Pleite ärgerlich. Sie mussten vor der Erstnutzung eine Kaution von 79 Euro hinterlegen. Das Geld dürfte jetzt auf Nimmerwiedersehen in der Insolvenzmasse verschwinden. Schon vor der Insolvenz hatte Obike, das sich auf seiner Homepage als die „smarteste Bike-Sharing Plattform der Welt“ bezeichnet, für Negativschlagzeilen gesorgt. In München wurden über Nacht 7000 Räder auf einen Schlag aufgestellt. Was die bajuwarischen Gemüter zum Brodeln brachte: Etliche Obikes wurden in Flüsse geworfen oder Bäume gehängt. Später deckte der „Bayerische Rundfunk“ auf, dass Kundendaten unverschlüsselt im Netz einsehbar waren.

Nextbike: "Bike-Sharing-Blase musste platzen"

In der Branche kommt die Insolvenz nicht überraschend. „Dass die Bike-Sharing-Blase irgendwann platzt und neue Anbieter quasi über Nacht wieder verschwinden, überrascht uns nicht“, heißt es bei Nextbike, der einzige der verbliebenen sieben Anbieter, der vom Senat gefördert wird und verpflichtet ist, seine Räder an festen Stationen zu parken. Die rund 15.000 Räder der restlichen Anbieter müssen das nicht – und das beschäftigt zunehmendes die Politik. Schon seit Monaten klagen die Bezirke über Leihräder, die lose auf Gehwegen oder in Parks stehen und die Ordnungsämter auf Trab halten.

Der Bezirksbürgermeister von Lichtenberg, Michael Grunst (Linke), hatte zuletzt vorgeschlagen, von jedem Unternehmen eine „Jahressondernutzungsgebühr“ einzutreiben. Davon sollten Fahrradbügel gebaut werden, an denen die Räder geparkt werden müssen. Über eine entsprechende Vorlage will der Rat der Bürgermeister demnächst abstimmen.

So langsam wird auch die rot-rotgrüne Koalition wach. Ganz aufgeben will man das Prinzip des Verleihs ohne feste Rückgabezonen aber nicht. Vielmehr müssten „einheitliche und verbindliche Regelungen“ geschaffen werden, heißt es in einem SPD-Antrag, der der Berliner Morgenpost vorliegt. Als Maßnahmen schlagen die Sozialdemokraten unter anderem vor: die Benennung eines persönlichen Ansprechpartner der Anbieter für jeden Bezirk, Zeitfristen zur Entfernung von defekten Rädern, einen Umgang mit der Blockade öffentlicher Fahrradbügel und ein Ausleihverbot in Parks und Grünanlagen. Das Angebot müsse „reguliert und kontrolliert“, die Anbieter aber nicht „drangsaliert“ werden, sagt der SPD-Verkehrsexperte Tino Schopf. Über den Antrag wollen die Koalitionspartner von Grünen und Linken in der Sommerpause beraten.

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