Pläne für S-Bahn

Ringbahn ohne Halt: Verkehrssenatorin bremst S-Bahn aus

In einem Pilotversuch will die S-Bahn verspätete Züge durchfahren lassen. Die Verkehrsverwaltung meldet aber noch Gesprächsbedarf an.

Zug der Ringbahn am S-Bahnhof Südkreuz

Zug der Ringbahn am S-Bahnhof Südkreuz

Foto: Gregor Fischer / dpa

Berlin. Bei Verspätungen will die S-Bahn an einzelnen Stationen durchfahren, um Zeit aufzuholen. Dieser Vorstoß sorgt seit Bekanntwerden nicht nur für heftige Diskussionen unter den Fahrgästen, sondern auch in der Politik. Nun hat Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) die Bahntochter aber erst einmal ausgebremst. Für die Pläne gebe es noch keine Zustimmung durch den Senat, heißt es aus ihrer Verwaltung. „Solch einschneidenden Maßnahmen müssen wir als Aufgabenträger vor Einführung zustimmen, was bisher nicht passiert ist“, sagte Matthias Tang, Sprecher von Verkehrssenatorin Günther der Berliner Morgenpost.

Züge an bestimmten Bahnhöfen nicht mehr halten zu lassen, sei keine sehr fahrgastfreundliche Maßnahme. Es bestehe daher noch Gesprächsbedarf mit der S-Bahn, so der Sprecher weiter. Grundsätzlich begrüße die Senatorin aber, dass die S-Bahn eine Qualitätsoffensive starten wolle. Die Fahrgäste würden zu Recht für ihr Geld eine gute und zuverlässige Leistung für ihr Geld erwarten.

Zuvor hatte bereits Kultursenator Klaus Lederer (Linke) via Twitter gefragt: „Das soll, mit Verlaub, eine Qualitätsoffensive sein? Wie wäre es, wenn die Gründe für überfüllte Züge angegangen würden? Mir erscheint das wie ein verspäteter Aprilscherz mit mäßigem Humorgehalt.“

Die S-Bahn will trotz solcher kritischen Stimmen an dem ab Ende Juli angekündigten Pilotversuch festhalten. S-Bahnchef Peter Buchner stellte am Mittwoch jedoch klar, dass ein solches Verfahren dauerhaft nur eingeführt wird, wenn die Fahrgäste es auch akzeptieren. „Sollte sich während des Pilotprojekts ergeben, dass unsere Kunden im Gegensatz zu anderen Städten, in denen dieses Verfahren schon angewendet wird, diese Maßnahme nicht akzeptieren, wird die S-Bahn sie nicht weiterverfolgen“, erklärte er.

Wie die S-Bahn das Meinungsbild ihrer Kunden erkunden will, blieb am Mittwoch aber ebenso offen wie etliche praktische Fragen. Ungeklärt ist auch, ob der von den Ländern Berlin und Brandenburg mit der S-Bahn geschlossene Verkehrsvertrag das Vorgehen überhaupt zulässt. „Dass Verkehrshalte einfach ausgelassen werden, ist eigentlich nicht vorgesehen“, so ein Insider.

Um ihre zuletzt unbefriedigende Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Züge zu verbessern, hatte die S-Bahn vor einiger Zeit eine „Qualitätsoffensive“ angekündigt. Einzelheiten des 180 Punkte umfassenden Programms „S-Bahn plus“ will die Bahntochter nächsten Mittwoch präsentieren. Doch bereits am Dienstag war der Plan bekannt geworden, Verspätungen auf der Ringbahn dadurch aufholen zu wollen, indem Züge an weniger frequentierten Stationen durchfahren. Konkret sollen bei Unpünktlichkeit Halte in Halensee und am Hohenzollerndamm im Südwesten des S-Bahnrings ausgelassen werden. Der nachfolgende Zug soll wieder an beiden Stationen regulär halten.

S-Bahn fährt auch zum Olympiastadion oft durch

Buchner verteidigte das bereits von der S-Bahn München und auch im Ausland praktizierte Betriebsverfahren. Dieses generiere zwar Nachteile für die Fahrgäste, die an den Halten ein- und aussteigen wollen, an denen nun durchgefahren wird, biete aber sehr viel mehr Vorteile für alle anderen Fahrgäste auf der ganzen Ringrunde. Buchner verwies zudem darauf, dass die S-Bahn das Durchfahren an Stationen bereits praktiziert, ohne dass es dabei Probleme gibt. Gemeint sind Fahrten zum und ab dem Berliner Olympiastadion – etwa bei Spielen der Fußball-Bundesliga. Damit die Fans möglichst schnell an- und abreisen können, fahren S-Bahn-Sonderzüge dann oft ohne Halt in Messe Süd und Heerstraße durch.

Die S-Bahn verspricht, die Fahrgäste „rechtzeitig im Zug und auf den Bahnsteigen“ über eine Durchfahrt zu informieren. Wegen der veralteten Technik in den Zügen sind Durchsagen der Lokführer aber oft kaum zu verstehen. Offen ist auch, wie Gehörlose oder ausländische Touristen ausreichend informiert werden sollen. Auch noch ungeklärt: Wer den vorzeitigen Ausstieg vor einer Durchfahrt verpasst, muss ab dem nächsten Halt in entgegengesetzter Richtung zurückfahren. Nach den derzeit gültigen Bestimmungen, müsste der Fahrgast mit Einzelticket dafür eigentlich einen neuen Fahrschein kaufen. Die Bahn verweist bei allen Anfragen dazu auf den nächsten Mittwoch.

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