Wiepersdorf

Schatten über Schloss Wiepersdorf

Das Künstlerhaus schließt im August, weil es saniert werden muss. Bislang ist unklar, wer das Haus ab 2020 nach dem Abschluss der Arbeiten betreiben wird

Wiepersdorf. Es ist nicht leicht zu finden, das Haus im Bärwalder Ländchen, rund 80 Kilometer südlich Berlins – und dennoch schlagen die Diskussionen darüber hohe Wellen. Das traditionsreiche Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf schließt im August, die Mitarbeiter wurden betriebsbedingt gekündigt oder anderswo untergebracht und noch ist nicht klar, wie es mit dem Haus weitergeht. Die Sorgen der Künstler sind groß, das Haus als Refugium und Ort des Rückzugs und der Kreativität dauerhaft zu verlieren.

Der Grund für die überraschende Schließung bereits in diesem Sommer liegt – wie so oft – an den Finanzen. „Wir machen im Betrieb 500.000 Euro Verlust“, sagt der Vorstandschef der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Steffen Skudelny. „Wir hätten eigentlich schon im letzten Jahr schließen müssen.“

Der Denkmalstiftung gehört das Haus seit zwölf Jahren. Im Künstlerhaus werden Arbeitsaufenthalte von Schriftstellern, bildenden Künstlern, Komponisten, Geisteswissenschaftlern und Publizisten aus dem In- und Ausland mit Stipendien gefördert. Dazu erhält die Stiftung Stipendiatengelder von Partnerorganisationen und bestreitet die Kosten aus einem Fonds, dessen Stiftungskapital rund 7,5 Millionen Euro beträgt. Doch die anhaltende Niedrigzinsphase auf dem Kapitalmarkt hat die Einnahmen erheblich schwinden lassen, sodass die Stiftung mit dem Betrieb von Wiepersdorf Verlust macht. Zudem stehen dringend notwendige Sanierungen an. „Also haben wir gesagt, wir reduzieren das Programm in diesem Jahr und sanieren ab August das Dach“, sagt Skudelny. Der Betreibervertrag läuft noch bis 2019. Danach will die Stiftung das Haus nicht weiter betreiben.

Die Schließung bringt dasLand Brandenburg in Zeitnot

Die vorzeitige Schließung hat das Land Brandenburg in Zeitnot gebracht. Denn jetzt ist unklar, wer die Künstleroase nach der Sanierung voraussichtlich ab 2020 betreiben wird. Dass es erhalten bleiben soll, verspricht die Landesregierung jedenfalls schon jetzt. „Schloss Wiepersdorf ist mit seiner Kunst- und Kultur-Geschichte, die von der Romantik bis in die Gegenwart reicht, ein besonderer Ort – mit einer Strahlkraft, die weit über Brandenburg hinausreicht“, sagt Brandenburgs Kulturministerin, Martina Münch (SPD).

„Deswegen und wegen seiner besonderen kulturpolitischen Funktion als eines von nur drei Künstlerhäusern in Ostdeutschland wollen wir das Künstlerhaus erhalten und weiterentwickeln.“ Das Haus soll nach dem Willen der Landesregierung eine größere Strahlkraft erlangen – wie andere derartige Künstlerhäuser, zum Beispiel die Villa Massimo in Rom. Denn das Haus ist zwar bei Künstlern aus aller Welt beliebt, einer breiten Öffentlichkeit hingegen blieb das Wirken der Kunstschaffenden dagegen bislang verborgen.

Derzeit führe die Landesregierung Gespräche mit vielen potenziellen Partnern und Betreibern. „Wiepersdorf war und ist ein Ort der Kunst, der Kultur und der Begegnungen – und wird es auch bleiben“, sagt Kulturministerin Münch.

Schloss Wiepersdorf befand sich seit dem 18. Jahrhundert im Besitz der Familie von Arnim. Die Schriftstellerin Bettina von Arnim lebte darin zusammen mit ihrem Ehemann Achim. Das Schloss gilt deshalb als wichtiger Referenzort der Romantik. 1946 wurde das Haus der Deutschen Dichterstiftung übertragen und fungiert seitdem als Künstlerhaus.

Das Land hat nun eine Studie in Auftrag gegeben, unter welchen Bedingungen das Haus weiterbetrieben werden kann und was es kosten würde. Das Ergebnis: Dauerhaft seien bis zu 700.000 Euro zusätzlich pro Jahr nötig, um das Schloss wie bislang am Leben zu erhalten. „Ich bin bester Hoffnung, dass ein Betreiber gefunden wird, der das Haus fortführt“, sagt auch Stiftungsvorstand Skudelny.

Neben einem neuen Betreiber werden zudem Partner gesucht, die die Künstlerstipendien fördern. Denkbar ist eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Botschaften in Berlin, die Künstlerstipendien für Wiepersdorf vergeben könnten, heißt es im Freundeskreis des Schlosses. Dessen Vorsitzender ist Norbert Baas, der bis 2012 deutscher Botschafter in Indonesien war. Optimistisch stimmt den ehemaligen Diplomaten, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier derartige Partnerschaften zwischen Ländervertretungen und Kunsthäusern ins Leben rufen will. „Dazu besteht eine große Chance, weil Berlin so nahe liegt“, sagt Baas, der mit Annabel von Arnim verheiratet ist, deren Großmutter die letzte Eigentümerin des Schlosses aus dem Hause von Arnim war. Eine entsprechende Vereinbarung besteht bereits mit der Botschaft Dänemarks. Zuletzt fand ein Kolloquium über georgische Kunst in Zusammenarbeit mit der georgischen Botschaft im Schloss statt.

Am 22. Juli wird das vorerst letzte Sommerfest gefeiert

Befürchtungen der Künstler, das Schloss werde künftig kommerzieller genutzt, um das Defizit auszugleichen, schließt Baas als „völligen Unsinn“ aus. Er setzt, wie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, auf die Verhandlungen des Landes. Am 22. Juli feiert das Schloss vorerst zum letzten Mal sein Sommerfest. Vielleicht kann die Regierung dann bereits das neue Konzept und einen neuen Betreiber vorstellen. Derzeit ist aber noch unklar, ob das Haus als landeseigene Stiftung, Verein oder gemeinnützige GmbH weiterbetrieben werden soll. Danach ziehen die letzten Stipendiaten aus.