Bergius-Schule

Wie Berlins Verwaltung eine gute Schule für schlecht erklärt

Die Bergius-Schule hat sich von einer Problemschule zum Vorbild gemausert. Und wird nun von Schulinspektoren scharf kritisiert.

Hier ist der Schulleiter präsent: Michael Rudolph ist jeden Morgen der Erste in der Schule, begrüßt seine Schüler persönlich beim Hereinkommen um 7.30 Uhr.

Hier ist der Schulleiter präsent: Michael Rudolph ist jeden Morgen der Erste in der Schule, begrüßt seine Schüler persönlich beim Hereinkommen um 7.30 Uhr.

Foto: Anikka Bauer

Friedenau. Heute endet das Schuljahr. Zeugnisse werden ausgegeben, die Schüler fliehen in die Ferien, die Lehrer auch. Wer es sich leisten kann, fährt weg, lässt Schule und Stadt eine Weile hinter sich. Und wer hierbleibt, genießt die mittsommerliche Leere Berlins. Endlich Parkplätze.

Es war ein durchwachsenes Schuljahr mit viel Unruhe. Brandbriefe aus überforderten Schulen erreichten die Senatsschulverwaltung in Mitte, die Probleme sind zahlreich. In den Schulen gibt es zu wenige Lehrer, und die treffen zunehmend auf Schüler, die kaum zu bändigen sind; geschweige denn, dass man ordentlich Unterricht machen könnte. In vielen Schulen der Stadt wird es eng, zu wenig Platz für zu viele Schüler. Und als der Bildungsmonitor aller Bundesländer Anfang des Schuljahres herauskam, stand Berlin wieder auf dem letzten Platz. Deutsch und Mathe ungenügend. Setzen. Sechs.

Viele Schulen bemühen sich und auch die Senatsschulverwaltung reagiert. Senatorin Sandra Scheeres (SPD) und ihr Team wollen die Lage in der Hauptstadt verbessern, man will den „turn around“, wie es so schön heißt – nicht nur bei einzelnen Schulen, überhaupt in der Stadt. Schulqualität ist ein Schlüsselwort in ihrem Haus nahe dem Alex. Mithilfe der Schulinspektion will man die öffentlichen Schulen überprüfen, alle müssen die Türen für die Inspektoren öffnen, jetzt schon in der dritten Runde. Wer durchfällt, kriegt den Stempel: „Schule mit erheblichem Entwicklungsbedarf“. Diese Schulen müssen dann ran und nacharbeiten, zusammen mit externen Beratern, damit sie wieder auf Vordermann kommen. Bloß kein zweiter Pisa-Schock.

Berlin hat eine überraschende neue Problemschule

Seit einigen Tagen ist Berlin, das an Problemschulen eh nicht arm ist, nun um eine solche reicher. „Wir haben leider keine guten Nachrichten“, so sprach das dreiköpfige Inspektionsteam zu dem perplexen Lehrerkollegium der Friedrich-Bergius-Schule, einer Sekundarschule, in der man bis dato gedacht hatte, man leiste richtig gute Arbeit.

Diesen Schluss lassen auch Teile des aktuellen Inspektionsberichts zu: Das Klima im Unterricht wird darin als zu annähernd 100 Prozent freundlich und zugewandt dargestellt, „niemand wird ausgegrenzt“, die Lernatmosphäre sei „angstfrei“. Man beginne morgens pünktlich, der Unterricht sei für die Schüler nachvollziehbar, Wissen werde gut vermittelt. Mit einem Wort: Dies ist eine Schule, an der gelernt wird. Die ihre Schüler bestmöglich gebildet ins Leben entlässt. Trotzdem ist sie bei der Schulinspektion durchgefallen. Denn am Ende steht fest: „Schule mit erheblichem Entwicklungsbedarf“.

Man reibt sich die Augen, mag es kaum glauben. Die Bergius-Schule soll eine Problemschule sein? Eben noch lobten doch Prüfer die „konzentrierte und störungsfreie Arbeitsatmosphäre“ im Unterricht. Was hier aufeinandertrifft, sind zwei Vorstellungen von Schule. Schule als Kernort der Bildung. Und Schule als Ort, an dem Schüler zu besseren Menschen erzogen werden. „Das Schulgesetz sieht Demokratieerziehung, Partizipation und andere Werte vor“, argumentiert die Schulverwaltung. Da passiere zu wenig an der Schule. Auch deshalb sei sie nun bei der Schulinspektion durchgefallen. Es heißt, andere Schulen dieses Typs machten auch guten Unterricht. Und sie machten ihn auf die richtige Art und Weise.

Sekundarschulen ohne Oberstufe gelten gemeinhin als die Verliererschulen der Stadt. Man muss nicht lange suchen, um Beispiele zu finden, die zeigen, dass dort rund 24, 26, ja sogar 30 Prozent der Schüler am Ende ohne Schulabschluss bleiben. Gerade Jugendliche aus Familien „nicht deutscher Herkunft“ sind gefährdet, ohne Mittleren Schulabschluss (MSA) oder die leichtere Berufsbildungsreife (BBR) abzugehen. Von einem Übergang aufs Gymnasium ganz zu schweigen. Auf die große Berlin-Schulstatistik schlägt das auch durch: In Berlin haben am Ende fast zehn Prozent der Schüler keinen Schulabschluss, doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt.

Doch zurück zu unserer frischgebackenen Problemschule. Sie liegt beschaulich am Perelsplatz, ein traditionsreicher Bau. Vor einigen Jahren stand sie kurz vor der Schließung, zu viel Gewalt, bis Schulleiter Michael Rudolph und sein Kollegium mit der Zeit eine übernachgefragte Schule daraus machten. Eltern und Schüler schätzen die Schule, weil sie wissen, dass ihre Kinder hier gut aufgehoben sind, dass ihnen hier eine solide Basis für die Zukunft gelegt wird.

Dabei sind die Voraussetzungen für einen Schulerfolg, zumindest statistisch gesehen, hier eigentlich schwierig. Zwei Drittel der Schüler haben einen Migrationshintergrund, über die Hälfte kommt aus Familien, die von staatlichen Sozialtransfers leben. Deshalb profitiert die Schule auch vom Bonus-Programm der Brennpunktschulen. In jedem Jahrgang bekommt man jeweils vom Schulamt 16 Schüler mit Förderbedarf – ganz unterschiedliche Fälle. Beispielsweise Autisten, Kinder mit psychischen Problemen oder mit körperlicher Behinderung, etwa Gehörlose. Es gibt auch eine Willkommensklasse mit Flüchtlingskindern. All das stemmen die Lehrer der Bergius-Schule noch obendrein mit, ohne jemals dafür ausgebildet worden zu sein. Sonderschulpädagogen gibt es nicht, die meisten hier waren ursprünglich Haupt- oder Realschullehrer. Aber es klappt.

Tatsächlich schaffen hier überdurchschnittlich viele Schüler einen Abschluss, fast die Hälfte sogar einen MSA mit Gymnasialempfehlung. Ein Vorwurf der Senatsschulverwaltung ist aber, dass die Abbrecherquote mit sechs Prozent über dem Bezirksdurchschnitt liege, dort hat man rund fünf Prozent. Allerdings, in der benachbarten Sekundarschule beträgt sie 24 Prozent. Man wird das Gefühl nicht los, hier werden fieberhaft Gründe gesucht, die Schule schlechtzureden. Natürlich kann man etwas verbessern. Aber dafür muss man es auch anerkennen.

Das richtige Ziel erreicht, aber auf dem falschen Weg

Denn dass diese Schule besonders gute Schülerleistungen hervorbringt, wird ihr nicht als Stärke angerechnet. Ja, geben die Prüfer zu, im Inspektionsbericht habe man die Schulleistung, also was die Schüler lernen, mit „A“ bewertet, was einer Eins im Zeugnis gleichkommt. Aber, um es mit einem der Teaminspektoren zu sagen: „Nicht jedes A führt zu einer Bewertung als Stärke.“ Auch das sei ein Grundsatz der Berliner Schulinspektion.

Man muss es sich nochmal klarmachen – hier ist eine Schule, die tut, was eine gute Schule tun soll. Sie bringt den Schülern etwas bei. Und zwar so erfolgreich, dass die Leistung überprüfbar ist, weil man merkt, dass die Kinder einen guten Schulabschluss in der Tasche haben. Und damit die Chance auf eine selbstbestimmte Zukunft, frei von Hartz IV und Sozialamt. Schüler gehen gern hierher, das Klima ist gut. Es gab aktuell keine Meldungen von Gewalt an dieser Schule, kein Mobbing wurde bekannt, Schulschwänzen wird sofort geahndet, deshalb gibt es das kaum. Doch all diese Dinge werden von der Schulinspektion nicht anerkannt, nicht gewürdigt.

Denn die Haltung der Prüfer scheint zu sein: Ja, diese Schule erreicht die richtigen Ziele. Aber auf dem falschen Weg. Vorwurfsvoll vermerkt der Bericht 84 Prozent Frontalunterricht. Gruppenarbeit findet nur in homöopathischen Dosen statt. Meist beginnt der Unterricht, der zu „lehrerzentriert“ sei, mit Wiederholungen des Stoffes vom letzten Mal. Statt „individuell zu fördern“, teile man die Klasse einfach auf und verkleinere sie so – und dann bekommen alle mehr oder weniger dieselbe Aufgabe. Oh Schreck! „Dies trägt weder zu einer individuellen Förderung der Jugendlichen bei noch zur Umsetzung des Inklusionsgedankens“, so der Bericht. Aber wie kann Inklusion besser umgesetzt werden, als dass diese Schüler einfach im Rest der Schule aufgehen und dazugehören?

Seit 2006 keine Verbesserung in Schulen

„Jede Schule wird als Gesamtsystem gesehen und bewertet“, heißt es aus der Senatsschulverwaltung. Offenbar macht die Bergius-Schule alles falsch. Zu wenige Teams, zu wenige Gremien, zu wenig „Verschriftlichung schulischer Prozesse“. Ein bisschen fühlt man sich an sozialistische Planwirtschaft erinnert, wenn beanstandet wird, dass ein „Zeit-Maßnahme-Plan“ fehle. Vielleicht sollten Schulen wieder Tafeln draußen aufstellen: „Wir haben unser Lerngruppen-Ziel erreicht“. Sie stemmen sich gegen die neue Zeit, das wird ihnen nun vorgeworfen: „Gute Leistungsdaten bedeuten nicht, auf die Qualitätsentwicklung der Schule verzichten zu können“, meint Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsschulverwaltung.

Aber ob das, was die Schulinspektion als Qualität definiert – Individualisierung im Unterricht, Gruppenarbeit, Stationsarbeit, Kompetenzstufen – wirklich zu einer messbaren Verbesserung der Schulsituation in der Stadt führt, weiß niemand. Bislang ist trotz Schulinspektion, sie agiert seit 2006, nichts besser geworden. Die letzten Brandbriefe machen allerdings deutlich: Die neuen Reformen mit Inklusion und mehr kosten die Lehrer viel Kraft und das Land viel Personal.

Die Bergius-Schule dagegen, die ja auch Inklusion lebt, schaut ganz praktisch, was funktioniert, was umsetzbar ist. Überlegt, was die Schüler am Ende wirklich an Wissen brauchen, was ihnen später beruflich weiterhilft. Und sie schafft so, wovon in Berlin alle träumen – sie entkoppelt Bildungserfolg und soziale Herkunft. Sie ist nicht die einzige Schule, die das kann, aber sie gehört zum Kreis.

Inspektionsbericht schwer verständlich

Die Schulinspektoren beschlich eine Ahnung, dass ihr Bericht den Lehrern, Eltern, Schülern und auch der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln sein würde. Wieso um alles in der Welt werden schulischer Erfolg, schulische Leistung, sozusagen das Kerngeschäft einer jeden Schule, so gar nicht gewürdigt? Warum wird zwar immer wieder betont, wie eigenverantwortlich Schulen sein sollten, wenn diese Eigenverantwortung offenbar nicht so weit reicht, dass man innerhalb eines akzeptierten Rahmens seine Lehrformen selbst aussuchen darf? Also bauten sie noch einen sehr schwerwiegenden Vorwurf in ihren Bericht ein: Die Bergius-Schule verstoße gegen das Recht!

Man muss da vom Schulalltag erzählen. Wenn es eine Schule gibt, die bei ihren Schülern auf Regeln achtet, Pünktlichkeit inklusive, dann diese. Jedes Zuspätkommen wird geahndet. Ab zum Hausmeister, Müllzange her und auf dem Perelsplatz Abfall einsammeln. Eine Idee dahinter: Früh kleine Grenzen setzen, an denen sich die Schüler abarbeiten können, damit es nicht zu den ganz großen Eskalationen kommt, die man von anderen Schulen kennt.

„Schule verstößt gegen rechtliche Vorgaben “

Im Inspektionsbericht indessen heißt es: „Im Widerspruch dazu steht, dass die Schule in zentralen Bereichen gegen die rechtlichen Vorgaben des Landes Berlins verstößt.“ Ein harter Vorwurf. Um was geht es? Es geht um kleine Eigenmächtigkeiten, um den Schülern anfangs mehr Mathe- und Deutschunterricht zu ermöglichen. Weil dort die Defizite vieler Schüler am größten sind. Es geht um den Versuch, geschickt den Unterrichtsausfall zu minimieren. Alle guten Schulen mauscheln da irgendwie, damit die Schüler die Folgen der Lehrerknappheit weniger zu spüren bekommen. Harte Rechtsverstöße? Sehen anders aus. Was die Schule hier tut, ist eher ein kreativer, dabei verantwortungsvoller Umgang mit ihren Nöten.

Zwei Welten, zwei Schulkonzepte, prallen hier aufeinander. Die Senatsschulverwaltung hat hohe Erwartung an das, was Schule leisten soll. Sie will den Kindern das Rüstzeug an die Hand geben, eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Soziales Handeln sei entscheidend. „Die Schule soll Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wertehaltungen vermitteln“, damit die Schüler selbstständig denken lernen. Es geht weniger um Wissen, als um übergreifende Themen, die sich durch alle Schulfächer ziehen sollen. „Kompetenzen“, so das Schlüsselwort, will man den Kindern vermitteln. Sprachkompetenz, Medienkompetenz, Fächerkompetenz.

Ärgerlich nur, dass zukünftige Arbeitgeber weniger auf Kompetenzen als auf Fachwissen stehen. Ist ja auch schwer, ohne mathematisches Können ein Windkraftrad zu konstruieren. Oder eine Mechatronikerausbildung zu beginnen, ohne solide in Physik zu sein. Und auch die Berliner Polizei hätte sicherlich lieber gesehen, dass ihre Auszubildenden firm in der deutschen Sprache wären. Zwei von Dreien schrieben zuletzt auf der Polizeiakademie beim Übungsdiktat eine glatte Sechs. Aber sie waren sicherlich sehr kompetent. Wie gut, dass nun Sommerferien sind.

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+++ Berlin-Podcast +++ Die Bergius-Schule in Friedenau macht es vor: Mit Disziplin wurde aus einer Problemschule ein Vorbild. Aus einem Problem-Bus wurde unterdessen der „Bus der Zukunft“, mit Panorama-Dach, WLAN und USB-Buchsen. Und an der Polizeiakademie gibt es Probleme mit der Rechtschreibung. Das und mehr in der aktuellen Ausgabe „Molle und Korn“.

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