Fachkräftemangel

In Berlin brauchen Erzieherinnen bald kein Abitur mehr

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) kündigt eine schnelle Umsetzung des Beschlusses an. Doch es gibt auch Vorbehalte.

Die Erzieherausbildung soll bald auch ohne Abitur möglich sein.

Die Erzieherausbildung soll bald auch ohne Abitur möglich sein.

Foto: iStockphoto/oneblink-cj

Berlin. Weil Berlin dringend Erzieher für den Kitabereich sucht, sollen mehr Bewerber schon mit mittlerem Schulabschluss die Ausbildung machen. Bisher brauchen Interessenten das Fachabitur oder sie müssen mehrere Jahre gearbeitet haben.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will das nun vorerst ändern. „Wir wollen da so schnell wie möglich in die Umsetzung gehen“, sagte sie am Freitag nach einem Kita-Gipfel mit Verbänden, Eltern und Gewerkschaft. Die Stadt habe zwar in den vergangenen Jahren Tausende Kitaplätze geschaffen, es fehlten aber dennoch etwa 2000 bis 3000. Weil Eltern einen Rechtsanspruch auf eine wohnortnahe Betreuung haben, klagten einige gegen den Senat. Scheeres kündigte eine „Übergangsstrategie“ an. Dazu zählt auch, dass Mitarbeiter, die auf Honorarbasis in Kitas aushelfen, aber keine klassischen Erzieher sind, bei Bewährung übernommen werden können

Mittlerer Schulabschluss soll reichen

Die Ergebnisse des Kita-Spitzengesprächs, auf Einladung von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), wurden von allen mit Spannung erwartet. Womöglich wählte die Senatsbildungsverwaltung deshalb einen besonders kleinen Raum, um die Vorschläge vorzustellen, weil man allen klarmachen wollte: Es bleibt eng in Berlins Kitas. „Wir haben definitiv einen Bedarf von 2000 bis 3000 zusätzlichen Kita-Plätzen“, sagte Scheeres. Es fehlen Erzieher, es fehlen Auszubildende, es fehlen Räume. Deshalb setzte man sich drei Stunden zusammen, um Lösungen zu finden: Vertreter großer Kita-Träger, Eltern, Gewerkschaft und Politik.

Aber was kam heraus? „Wir haben wirklich einen superspannenden Austausch gehabt“, sagte Monika Herrmann, die Grüne Bezirksbürgermeisterin aus Friedrichshain-Kreuzberg, die als Vertreterin aller Bezirke geladen war, gleich beim Reinkommen. Auch Scheeres sprach von einer „intensiven, konstruktiven Diskussion“. Und Doreen Siebernik, Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaften (GEW) in Berlin, brachte es hinterher auf den Punkt: „Sie hat sich die Rückversicherung geholt, dass alle bereit sind, an einem Strang zu ziehen.“ Sie, das ist die Senatorin.

Hier werden neue Kitas gebaut:

Denn die Krise ist eingestanden, nun sucht man „Übergangsstrategien“. Beispielsweise soll die Erzieherausbildung bald auch ohne Abitur möglich sein, der mittlere Schulabschluss (MSA) reicht dann. Wenn möglich, schon ab kommendem Schuljahr. Die Hoffnung ist, so schnell mehr Erzieher zu gewinnen. Herrmann unterstützte diesen Vorschlag, warnt vor einer „herablassenden Haltung“, dass Erzieher mit MSA schlechtere Erzieher seien. „Das teile ich überhaupt nicht.“

Doch es gibt auch Vorbehalte. So warnt Siebernik von der GEW von einem „Berliner Modell“ – andere Länder, in denen weiterhin das Abitur als Zugangsvoraussetzung besteht, könnten die Abschlüsse nicht anerkennen. Außerdem sei das Problem, dass womöglich 16-Jährige während ihrer Ausbildung eigenverantwortlich vor Kita-Gruppen stünden. Dieses Problem sieht auch Schulleiter Fred Michelau vom Jane-Addams-Oberstufenzentrum für Sozialwesen. Er kann sich deshalb für die MSA-Kandidaten eine Vollzeitausbildung zum Erzieher vorstellen, bei der auch das Fachabitur gemacht wird. Den Weg einer Teilzeitausbildung hält er für solche Schüler nicht für richtig. „Das ist keine Maßnahme, um die Qualität zu steigern.“

„Multiprofessionelle Teams“ sollen in den Kitas arbeiten

Qualität in den Kitas – auf die ist man in Berlin stolz, die soll trotz Engpasses erhalten bleiben. Kernforderung, das bestätigt auch Scheeres, ist, dass Erzieher bald besser bezahlt werden sollen. Das werde sich mit der nächsten Tarifrunde Anfang 2019 ändern. Außerdem will man in den Kitas „multiprofessionelle Teams“ bilden, dort arbeiten dann Erzieher mit Menschen aus ganz anderen Berufen zusammen. Roland Kern, vom Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden, führte aus, dass man „Leute anerkennen“ wolle, die „schon länger in den Kitas arbeiten“, manchmal unter prekären Verhältnissen, und trotz der fehlenden Erzieherausbildung einen guten Job machen. Wie die allerdings tariflich eingestuft werden sollen, was sie am Ende verdienen sollen, das blieb offen.

Überhaupt blieb vieles im Vagen. Fest steht nur, in einem halben Jahr will man zu Beschlüssen kommen. Davor sollen Arbeitsgruppen Vorschläge ausarbeiten. Gerade für Eltern, die dringend einen Kita-Platz für ihr Kind suchen, eine lange Zeit. „Ganz realistisch gesprochen, war so schnell nichts zu machen“, sagte Katharina Queisser vom Landeselternausschuss Kita. Man fände es deshalb von Elternseite her wichtig, dass zur Not die Elternzeit problemlos verlängert werden könne. „Eine Elternzeit in Würde“ statt Hartz IV, wie es Katharina Mahrt, Mitorganisatorin der Demo „Kita-Krise“, nannte.

Tatsächlich versprach Scheeres den Eltern, man werde die auslaufende Übergangsregel, dass das Land – sollte man keinen Kita-Platz finden – die selbst organisierte Betreuung, sprich den Babysitter, bezahlt, verlängert werde. Außerdem will man sich in der Senatsbildungsverwaltung um einen Kita-Navigator kümmern. „Wir brauchen ein transparentes Anmeldesystem“, so Scheeres.

Mehr zum Thema:

Bildungssystem auf viele Herausforderungen nicht vorbereitet

500 Erzieher von 22 Grundschulen schreiben Brandbrief

Eltern und Kinder gehen gegen Kita-Krise auf die Straße

+++ Berlin-Podcast +++ Die Bergius-Schule in Friedenau macht es vor: Mit Disziplin wurde aus einer Problemschule ein Vorbild. Aus einem Problem-Bus wurde unterdessen der „Bus der Zukunft“, mit Panorama-Dach, WLAN und USB-Buchsen. Und an der Polizeiakademie gibt es Probleme mit der Rechtschreibung. Das und mehr in der aktuellen Ausgabe „Molle und Korn“.

Gelangen Sie hier direkt zum Podcast bei Spotify

Gelangen Sie hier direkt zum Podcast bei Soundcloud

Gelangen Sie hier direkt zum Podcast bei Deezer