Berlin

Nazi-Verfolgte "gaben Berlin eine zweite Chance"

Inge Deutschkron und Margot Friedländer überlebten den Holocaust. Jetzt sind sie als Ehrenbürgerinnen der Stadt ausgezeichnet.

Holocaust-Überlebende Margot Friedländer im Roten Rathaus. Applaus gibt es von Daniela Schadt (r.), Lebensgefährtin von Alt-Bundespräsident Gauck, sowie im Hintergrund von Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (l.) und dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper (r.)

Holocaust-Überlebende Margot Friedländer im Roten Rathaus. Applaus gibt es von Daniela Schadt (r.), Lebensgefährtin von Alt-Bundespräsident Gauck, sowie im Hintergrund von Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (l.) und dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper (r.)

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Berlin. Die Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron (95) und Margot Friedländer (96) sind am Dienstag zu Berliner Ehrenbürgerinnen ernannt worden. Der Regierende Bürgermeister, Michael Müller (SPD), und der Präsident des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland (SPD), verliehen den beiden Frauen in einer bewegenden Feierstunde im Wappensaal des Roten Rathauses die Auszeichnung. Als Zeitzeugen hätten sie den Kampf gegen das Vergessen zu ihrem Lebensthema gemacht, erklärte Müller.

Kaum ein Platz blieb unbesetzt. Viele Senatoren waren gekommen, von Klaus Lederer (Linke) bis Ramona Pop (Grüne) und Matthias Kollatz-Ahnen (SPD), daneben die ehemaligen Regierenden Bürgermeister Walter Momper und Klaus Wowereit (beide SPD), Israels Botschafter Jeremy Issacharoff, die Schauspielerinnen Barbara Schöne und Judy Winter, Mitglieder von Abgeordnetenhaus und Bundestag sowie Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Diese Ehrung in einem zunehmend von antisemitischen Übergriffen erschütterten Berlin wollten viele hier als Zeichen für Anteilnahme und gegen Ausgrenzung verstanden wissen. Und sie zeigten es bei Laudatio und Dankesreden mit Applaus und stehenden Ovationen.

Friedländers Familie wurde von den Nazis ermordet

Das begann schon, als die Holocaust-Überlebenden in den Saal kamen: Inge Deutschkron im Rollstuhl und mit amüsiert-neugierigem Blick zu den Gästen, die sich links und rechts aus ihren Stühlen erhoben, daneben Margot Friedländer, die von allen Seiten her Gratulationen entgegennahm und Small Talk mit dem amerikanischen Akzent ihrer langjährigen Heimat New York bestritt.

Friedländer wurde 1921 in Berlin geboren. Glaube und Religion waren in ihrer Familie kaum von Bedeutung, die Judenverfolgung überlebte von ihren Verwandten nur sie. 1942 wurde ihr Vater im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Die Gestapo holte 1943 Margots 17 Jahre alten Bruder Ralph ab, die Mutter folgte ihm freiwillig. Beide kamen im Lager um. Über eine Bekannte hatte die Mutter ihrer Tochter den Wunsch hinterlassen: „Versuche, Dein Leben zu machen.“

15 Monate lang wird Margot Friedländer von Berlinern versteckt. „Sie haben alles riskiert, um ein Bett oder ein Essen mit mir zu teilen“, sagt sie später. Letztlich wird sie aber doch verraten, kommt 1944 nach Theresienstadt – das sie überlebt. 1946 geht sie in die USA. Der verzweifelte Appell ihrer Mutter wird Titel ihrer Autobiografie: „Versuche, Dein Leben zu machen“.

Inge Deutschkron stammt aus dem brandenburgischen Finsterwalde. Nach der Machtübernahme der Nazis gelang ihrem Vater die Flucht nach England. Der Abtransport der letzten Berliner Juden im Winter 1943 wird für Deutschkron zum traumatischen Erlebnis. Bis zum Kriegsende muss sie sich mit ihrer Mutter versteckt halten. Nach 1945 lebt Deutschkron in Deutschland und Israel. Während der 50er- und 60er-Jahre ist sie Korrespondentin einer israelischen Zeitung in der Bundeshauptstadt Bonn. Deutsche, denen sie damals begegnet, ermahnen sie: „So vergessen Sie doch“, „Sie müssen doch auch vergeben können“ und „es ist doch schon so lange her.“

Menschen, die sich um Berlin verdient gemacht haben

Diese Eindrücke werden Inspiration und Motive ihres zukünftigen Lebens. Sie will niederschreiben, dokumentieren und neuen Generationen mitteilen, was sie und Menschen wie sie in Berlin und Deutschland erlebt hatten. 1978 veröffentlicht sie das Buch „Ich trug den gelben Stern“. Zehn Jahre später verarbeitet es das Grips Theater in Berlin zu dem Jugendstück: „Ab heute heißt du Sara“. Es ist Auslöser für sie, wieder nach Berlin zu gehen. Auch Margot Friedländer sprach bei der Ehrung darüber, warum sie heute in der deutschen Hauptstadt lebt. Jene, die sie während des Nationalsozialismus versteckten, „haben Juden geholfen, weil sie Menschen waren. Das habe ich nie vergessen“.

Trotz ihres Alters werden Inge Deutschkron und Margot Friedländer nicht müde, in Schulen über ihre Erfahrungen zu erzählen, historische Aufklärungsarbeit mit jungen Menschen zu leisten. Deutschkron verdankt Berlin darüber hinaus das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt und die Gedenkstätte Stille Helden.

Die Ehrenbürgerwürde wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die Stadt in hervorragender Weise verdient gemacht haben. Rund 120 Persönlichkeiten wurden so ausgezeichnet. Obwohl dies der Ort sei, an dem ihnen „entsetzliches Leid zugefügt“ wurde, seien sie nach Berlin zurückgekehrt, so Laudator Michael Müller. „Sie haben unserer Stadt eine zweite Chance gegeben und ihr damit ein unschätzbares Geschenk gemacht.“

Margot Friedländer indes verzichtete in ihrer Dankesrede auf Sentimentalitäten und drückte doch tiefe Genugtuung über die Ehrung aus, als sie mit für manchen atemberaubender Offenheit formulierte: „Hitler, Göring und Göbbels waren ebenfalls Ehrenbürger. Heute würden sie sich im Grab umdrehen, denn eine Jüdin, die sie nicht als Mensch anerkannt haben, die sie umbringen wollten, was ihnen fast gelungen wäre, wird heute Ehrenbürgerin.“

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