Nahverkehr

Wirtschaft fordert 230 neue Bahnen für Berlin

Der zunehmende Verkehr droht die Unternehmen auszubremsen. Die IHK will mehr Investitionen bei S-Bahn und BVG.

Berlin. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Berlin hat angesichts des stark wachsenden Verkehrsaufkommens in der Stadt zusätzliche Investitionen in den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gefordert. „Der ÖPNV-Ausbau ist der stärkste Hebel zur Lösung der absehbaren Verkehrsengpässe“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder am Dienstag in Berlin. „Nur mit der Verlagerung von Personenverkehr auf den ÖPNV wird das Straßennetz den wachsenden Anforderungen des Wirtschaftsverkehrs genügen können“, erklärte er weiter. Es gelte nicht nur einen, sondern gleich drei Gänge hochzuschalten.

Konkret schlägt die IHK vor, in den nächsten zwölf Jahren 100 zusätzliche S-Bahnzüge, 30 U-Bahnzüge und 100 neue Straßenbahnen zu kaufen, um auf bestehenden Strecken die Bahnen öfter als bislang fahren lassen zu können. Über bereits beschlossene Streckenergänzungen hinaus müssten zudem weitere Investitionen durchgeführt werden. Dazu gehöre nach Vorstellungen der IHK unter anderem der Bau einer S-Bahnstrecke zwischen Hauptbahnhof und dem Gleisdreieck (Projekt S21), die Verlängerung der U9 zum Bahnhof Pankow sowie die Verlängerung der S9 über Hackbuschstraße nach Falkensee. Für die stark ausgelastete Tramlinie M4 vom Alexanderplatz bis nach Weißensee schlägt die Kammer eine Parallelstrecke über Am Friedrichshain und Michelangelostraße vor.

ÖPNV-Netz für steigende Fahrgastzahlen nicht gerüstet

Neben massiven Investitionen in den Nahverkehr schreibt die IHK dem Senat auch die Sanierung von Straßen und Brücken sowie eine bessere Baustellenkoordination in das Hausaufgabenheft. Gute Ansätze, wie einen elek­tronischen Straßenatlas, in den Baustellen eingetragen werden könnten, gebe es zwar bereits, sagte Jochen Brückmann, Bereichsleiter Stadtentwicklung bei der IHK. Weil der Senat die Bezirke allerdings nicht dazu verpflichtet habe, werde diese Möglichkeit kaum genutzt, beklagte Brückmann.

Die IHK sieht zudem Nachholbedarf, was die Organisation des Lieferverkehrs in der Stadt angeht. Um etwa die Zustellung mittels Lastenrädern zu ermöglichen, schlägt die Kammer den Aufbau von Mikrodepots vor. Derartige Logistikflächen könnten dann als Umschlagplätze für die weitere Verteilung von Sendungen in den Stadtquartieren genutzt werden, sagte Brückmann. Gleichzeitig plädierte die Kammer dafür, die Anzahl von Ladezonen auszuweiten. In Einkaufsstraßen sollte zudem nur noch Kurzparken erlaubt sein. „Mit einem attraktiven, sicheren und verlässlichen ÖPNV-Angebot werden die allermeisten Bewohner der Innenstadt kein eigenes Auto mehr benötigen“, hieß es in dem Papier, das die IHK am Dienstag vorstellte.

Grundlage für die Empfehlungen ist eine Prognose des Instituts für Verkehrsforschung am Deutschen Zen­trum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und des Beratungsunternehmens VerkehrsConsult Dresden-Berlin (VCDB). Demnach sei im Jahr 2030 vor allem auf vielen Bahnstrecken im Innenstadtbereich und darüber hinaus zu den Stoßzeiten mit einer mehr als hundertprozentigen Auslastung zu rechnen, sollte nicht zusätzlich investiert werden. Bei den Busverbindungen im Südwesten der Stadt läge die Auslastung auf vielen Strecken sogar bei mehr als 120 Prozent. Laut dem Nahverkehrsplan des Senats liegt das Auslastungsziel lediglich bei 65 Prozent.

Senat muss Perspektiven für Verkehr entwerfen

Nach Angaben des Verkehrsforschers Lutz Richter seien allein für in­frastrukturelle Baumaßnahmen Investitionen in Höhe von rund drei Milliarden Euro nötig. Hinzu kommen nach Berechnungen des VCDB noch einmal rund 1,5 Milliarden Euro für die zusätzlich benötigten 230 Züge für S-, U- und Straßenbahnen. Experten halten die genannten Summen indes für zu niedrig. Zusätzlich zu weiteren Zügen müssten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auch neue Betriebshöfe bauen und Personal für Betrieb und Instandhaltung der Züge einstellen. Die zuständige Senatsverwaltung für Verkehr wollte auf Anfrage der Berliner Morgenpost zunächst keine Bewertung des IHK-Konzepts vorlegen.

Hauptgeschäftsführer Eder nimmt nun die Politik in die Pflicht. Die vorgelegte Datenbasis der Verkehrsforscher sollte dem Senat helfen, eine Gesamtperspektive für das Thema Verkehr zu entwickeln und die richtigen Prioritäten zu setzen, sagte Eder. „Was nicht hilft, ist eine einseitige Priorisierung auf einen Verkehrsträger“, erklärte er.

Das Berliner Abgeordnetenhaus wird am Donnerstag über das neue Mobilitätsgesetz abstimmen. Kritiker bemängeln eine zu starke Fokussierung des Gesetzes auf den Radverkehr. Die Berliner Wirtschaft hatte den Entwurf wiederholt kritisiert. Der Chef der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Christian Amsinck, hatte das Gesetz Anfang des Jahres noch als „Gefahr für die Stadt“ bezeichnet. Der Wirtschaftsverkehr werde vom Senat stark unterschätzt.

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