Flüchtlinge

Berliner Bürger bauen Flüchtlingsheim

Eine Berliner Initiative will die Unterkunft gemeinsam mit Geflüchteten bauen. Diese sollen in das selbst gebaute Haus ziehen.

In dem Flüchtlingsheim, hier eine Simulation, sind 218 Wohnungen für bis zu 1000 Menschen sowie Werkstättem, eine Kita und ein Café vorgesehen.

In dem Flüchtlingsheim, hier eine Simulation, sind 218 Wohnungen für bis zu 1000 Menschen sowie Werkstättem, eine Kita und ein Café vorgesehen.

Foto: 50 plus

Berliner tun sich zusammen, um ein Flüchtlingsheim zu bauen. Klingt eigenartig? Ist es aber nicht. Eine Gruppe von Fachleuten ist angetreten, die politisch Verantwortlichen von einem interessanten Plan zu überzeugen. Die Initiative hat eine Unterkunft konzipiert, die nicht nur die Bedürfnisse von Menschen aus anderen Kulturen berücksichtigt, sondern die sie als Integrationsprojekt auch gemeinsam mit Geflüchteten errichten möchten. Der Clou: Diese sollen dann in das Haus ziehen, das sie selbst gebaut haben.

Das Konzept der Gruppe „50 plus Kompakt“ sieht einen Gebäudekomplex mit 6000 Quadratmeter Gewerbefläche im Erdgeschoss vor. Dort könnten Werk- und Ausbildungsstätten untergebracht werden. Darüber sind 218 Wohnungen unterschiedlicher Größe für bis zu sechs Personen sowie Freizeit- und Gebetsräume geplant. Eine Kita und ein Integrationscafé im Zentrum des Komplexes sind ebenfalls Teil des Konzepts. Auf dem Dach könnte in Hochbeeten Gemüse zur Selbstversorgung gezogen werden. Das Heim soll in Modulbauweise errichtet werden, das sorge für eine kurze Bauzeit und eine Kostenersparnis gegenüber konventioneller Bauweise von mindestens 15 Prozent, sagen die Initiatoren. Ihr Entwurf sehe als weitere Besonderheit Laubengänge vor, dies fördere die Kommunikation der Bewohner untereinander und komme arabischer Lebensweise entgegen.

Menschen eine Chance geben, in Deutschland zu arbeiten

Auch die Entscheidung, einige Arbeiten am Objekt mithilfe von Flüchtlingen auszuführen, spare Kosten, sagt „50 plus Kompakt“. Das stehe aber nicht im Vordergrund. Vielmehr solle Menschen die Chance gegeben werden, in Deutschland aktiv zu werden und Fertigkeiten zu erlangen. „Wir wissen nicht, wie lange der Krieg in Syrien noch dauert. Deshalb ist es sinnvoll, Fachwissen zu vermitteln, das in der Zukunft in den zerstörten Heimatländern einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau leisten kann“, erklärt die Initiative.

„50 plus Kompakt“, eine GmbH in Gründung, ist ein Zusammenschluss von Menschen mit Fachwissen und Lebenserfahrung. Als „Seniorentruppe“ will sie Horst Renziehausen indes ganz klar nicht verstanden wissen. Der Maurermeister aus Schöneberg, der mehr als 30 Jahre lang als selbstständiger Unternehmer tätig war, ist der Motor der Initiative. Rund 70 Mitstreiter hat er bereits um sich geschart – Baufachleute, Ingenieure, Architekten, aber auch Sozialarbeiter, Krankenschwestern und ehemalige Hochschulprofessoren. Sie alle eint, dass sie ihre Expertise in ein großes Projekt einbringen möchten, das der Gemeinschaft zugutekommt und beispielhaft in der Integration sein könnte. Weitere Engagierte werden noch gesucht, etwa Statiker, Schreiner, Kranführer und Klempner, aber auch Wachleute und Menschen, die Geflüchtete betreuen möchten.

Ursprünglich wollte Renziehausen ein Projekt in Aleppo (Syrien) realisieren. Dort wollte er einen Gewerbepark mit Wohnungen errichten und dies ebenfalls mit Berufsbildungsmaßnahmen koppeln. Doch dann brach der Bürgerkrieg in Syrien aus. So entschloss sich der Maurermeister, ein ähnliches Vorhaben in Berlin zu planen.

Einen Investor hat „50 plus Kompakt“ an der Hand. Es handele sich um einen belgischen Unternehmer, der derzeit noch nicht an die Öffentlichkeit treten will, sagte Renziehausen. Was jetzt noch fehlt, um endlich loslegen zu können, ist ein Grundstück. Die Initiative hofft auf ein landeseigenes Gelände, doch die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) bremst die Erwartungen. Landeseigene Grundstücke könnten nicht ohne Ausschreibung vergeben werden, sagte ein Sprecher. Aber vielleicht können sich ja auch private, kirchliche oder andere gemeinnützige Grundstückseigentümer für das Projekt erwärmen. Immerhin ist man auch in den USA schon auf das Projekt aufmerksam geworden. Kürzlich besuchte Rabbi Jeffrey Bennett aus Connecticut „50 plus Kompakt“ und fragte, ob man das Heim auch in seiner Heimat bauen könnte.

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