Wohnungsnot

Junger Familie droht Obdachlosigkeit - der Kiez wehrt sich

Weil ein Vermieter seine Wohnung in Kreuzberg verkaufen will, klagt er gegen eine junge Familie. Der ganze Kiez hält zu ihr.

Cecilia, Yaser und der gemeinsame Sohn Elias (1) sollen aus ihrer Wohnung geklagt werden

Cecilia, Yaser und der gemeinsame Sohn Elias (1) sollen aus ihrer Wohnung geklagt werden

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture - Buddy Bartelsen

Berlin. Aufruhr im Kreuzberger Kiez. Anwohner protestierten am Mittwochabend vor dem Haus Lübbener Straße 22 für eine Familie: Cecilia Amann (39), ihr Lebensgefährte Yaser O. (27) sowie ihr kleiner Sohn Elias (1) sollen aus ihrer Wohnung geklagt werden. Der Besitzer möchte die Wohnung offenbar verkaufen – am liebsten ohne Mieter. Der jungen Familie droht die Obdachlosigkeit.

Viele Aktivisten von der Initiative Bizim-Kiez unterstützen die Nachbarn, demonstrierten mit Transparenten. Sie hatten den Eigentümer vorab schriftlich dazu aufgefordert, Cecilia einen eigenen Mietvertrag auszustellen, noch steht darin auch eine ehemalige Mitbewohnerin. Bislang stößt dieser Wunsch jedoch auf taube Ohren. Die Wohnungen im Haus gehören verschiedenen Eigentümern. Amann hat noch immer Hoffnung, dass ihrer einlenkt. „Das sind doch Menschen, die das dicke Geld nicht so nötig haben. Sie entziehen sich ihrer sozialen Verantwortung, die man als Eigentümer hat. Es ist kein Betongold, es ist unser Wohnraum.“

Seit 2011 lebt Cecilia Amann in der Wohnung

Rückblick: Die Freude war groß, als Cecilia mit Yaser, einem anerkannten Kriegsflüchtling aus dem Irak, den sie während ihrer Arbeit in einer Notunterkunft kennen und lieben lernte, 2016 endlich in die gemeinsame Wohnung ziehen wollte. Ein Kind war unterwegs, das Familienglück schien perfekt.

Cecilia Amann lebt seit 2011 in der Wohnung. Damals noch gemeinsam mit einer Freundin, die 2016 auszog, aber weiterhin im Mietvertrag stand. Als sich die Söhne des Eigentümers im Juli 2016 als neue Verwalter vorstellten, nutzte Amann die Gelegenheit, Yaser als Lebenspartner vorzustellen und zu bitten, den Mietvertrag entsprechend umzuwandeln.

Die neuen Verwalter zeigten sich demnach nicht abgeneigt, verwiesen aber darauf, dass dies nur durch die Einverständniserklärung der noch im Mietvertrag genannten Freundin passieren könne. Und sie knüpften es an eine Bedingung: Yaser dürfte vorerst nur dort wohnen, wenn beide im Gegenzug im Juni 2017 die Wohnung freiwillig verlassen würden. Dies geht aus den Unterlagen der Klageschrift des Eigentümers hervor, die der Morgenpost vorliegt. Davon irritiert, informierte sich Amann beim Mieterschutzverein. Dort hieß es, dass der Lebenspartner und Kindsvater beim Vermieter gar nicht meldepflichtig sei.

Die Wohnung soll verkauft werden - am besten leer

Der Eigentümer und Vermieter entschied trotzdem: Yaser darf nicht in die Wohnung einziehen. Um das zu kon­trollieren, gab es im Mai 2017 eine Wohnungsbegehung. Anschließend wurde die Familie schriftlich aufgefordert, dass der Kindsvater die Wohnung zu verlassen habe. Amann sagt rückblickend über die Begegnung: „Ich fragte, was denn mit der Wohnung passieren solle. Die beiden Söhne des Eigentümers teilten mir daraufhin mit, dass diese wohl verkauft werden soll – am besten leer.“ Eine Bestätigung für diese Aussage gab es gegenüber der Morgenpost nicht. Auf Anfrage wollte sich keiner der Kläger zum Sachverhalt äußern.

Sie habe ein weiteres Mal das Angebot bekommen, zu kündigen, sagt Cecilia Amann: „Ich kann doch nicht einfach eine Kündigung unterschreiben, als junge Mutter mit einem vier Monate alten Sohn, gerade bei der Wohnungssituation in der Stadt.“ Im Juli 2017 folgte dann die Kündigung zum 31. Januar 2018 mit der Begründung, Yaser O. sei der Aufforderung zum Auszug nicht nachgekommen.

Amann hat mithilfe des Mieterschutzvereins der Kündigung widersprochen, unter anderem, weil durch das kleine Kind ein sozialer Härtefall vorläge. Die Gegenseite reichte schließlich eine Räumungsklage ein. Am kommenden Dienstag ist der Gerichtstermin dafür angesetzt. Cecilia Amann hat Angst. Nicht nur, weil sie das erste Mal in ihrem Leben vor Gericht stehen wird. Sie hat auch Angst, am Ende mit ihrer Familie auf der Straße zu landen.

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