Gedenkstätte

14-Jähriger setzt sich für Verlegung von Stolpersteinen ein

Angefangen hat es mit drei Namen. Wie ein 14-jähriger Schüler einer jüdischen Familie wieder ein Gesicht gibt.

Der Schüler Theodor Thur (14) mit den Stolpersteinen für Familie Singer

Der Schüler Theodor Thur (14) mit den Stolpersteinen für Familie Singer

Foto: Francis Kahwe Mohammady

Berlin.  Am Anfang hatte Theodor Thur nicht mehr als drei Namen. Namen einer Familie, die während des NS-Regimes im Konzentrationslager Ravensbrück und Buchenwald ermordet wurde. Im Rahmen eines Schulprojekts fing der 14-Jährige vergangenen September an zu recherchieren. Sein Ziel: Die Geschichte von Marion, Rosalie und Fritz Singer für die Nachwelt aufzuarbeiten. Der Abschluss seiner monatelangen Recherche wurde am Dienstag mit der Verlegung von drei Stolpersteinen an der Karl-Hofer-Straße 35 in Zehlendorf gekrönt.

Das Projekt des Künstlers Gunter Demnig will mit den Gedenktafeln, eingelassen in Bürgersteige, an die unzähligen Menschen erinnern, die zur Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben verloren. Die Arbeit des Künstlers inspirierte damals auch Theodor, der vor drei Jahren der Verlegung von Stolpersteinen in Hannover vor dem Haus seiner Ururgroß­mutter beiwohnen konnte: „Später habe ich Gunter Demnig auch auf Hiddensee persönlich kennengelernt“, sagt Theodor, für den die Begegnung ausschlaggebend war, um dann das eigene Projekt in Angriff zu nehmen.

Als Erstes nahm der Schüler Kontakt mit Michael Rohrmann auf, Projektleiter der Initiative „Stolpersteine“ des Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf. Von Rohrmann erhielt der Nachwuchshistoriker lediglich die Namen der jüdischen Familie. „Dann hat die eigentliche Arbeit angefangen“, sagt Theodor Thur. Wochenlang durchforstete er die Archive der Berliner Staatsbibliothek, der Entschädigungsbehörde am Fehrbelliner Platz, kontaktierte die Archivare der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem und nutzte die Quellen des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen. Eine Mammutaufgabe, die jeden Geschichtsstudenten eingeschüchtert hätte. Theodor Thur nicht.

Persönlicher Zugang zur Vergangenheit

Im Dezember, vollendete er sein umfassendes Dossier zur Geschichte der Familie Singer: „Ich freue mich, dass es einen schönen Abschluss gefunden hat und dass die drei Steine jetzt hier liegen können“, sagt Thur. Das Fundament der Steine legte der Schüler mit seiner 33-seitigen Arbeit, die nicht nur seine Recherche dokumentiert, sondern auch vom Leben der jüdischen Familie berichtet: Am 20. September 1922 kam Marion als Tochter von Fritz und Rosalie Singer zur Welt. Zu dieser Zeit lebte die Familie in einer geräumigen Vier-Zimmer-Wohnung an der Flensbur­ger Straße, die heute Karl-Hofer-Straße heißt. Der Vater betrieb eine Druckerei, die Mutter war eine hochgebildete Sprachlehrerin. Am 23. Oktober 1943 verhaftete die Gestapo die Singers, ließ Marion und Rosalie ins KZ Ravensbrück und Fritz ins KZ Buchenwald bringen, wo sie später auch sterben sollten.

Mit einer Spendenaktion hatte der 14-Jährige die Verlegung der Steine selbst in die Wege geleitet. Jetzt will er weiterarbeiten. Die Geschichte einer Frau, deren Schicksal noch nicht aufgearbeitet wurde, lässt ihm keine Ruhe. Für ihn ist das Projekt ein persönlicher Zugang zur Vergangenheit: „Angefangen hat es ja nur mit dem Namen und der Straße des letzten Wohnorts. Jetzt kenne ich das ganze Leben der Familie. Das ist schon ein besonderes Verhältnis.“

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