Umbau

Bei der Karl-Marx-Allee geht Schönheit vor Sicherheit

Der teure Umbau der Karl-Marx-Allee ist ein Beispiel für falsche Prioritäten beim Straßenbau. Eine Polemik.

Baustelle Karl-Marx-Allee in Berlin am 18.06.2018

Baustelle Karl-Marx-Allee in Berlin am 18.06.2018

Foto: Maurizio Gambarini

Nur an wenigen Straßen im Berliner Zentrum lässt sich entspannt Rad fahren. Die Karl-Marx-Allee nahe dem Alexanderplatz gehörte schon immer dazu. Direkt am Alexanderplatz breite Radspuren, vertretbarer Belag. Richtung Strausberger Platz immer noch ein akzeptabler Radweg, auch wenn es auf der Spur Richtung Norden ein wenig huckelt. Aber für Berliner Verhältnisse kein echtes Problem.

Nun wird dort gebaut. Rot-weiße Baken stehen in Reih und Glied, gelbe Linien markieren neue Wege.

Hoffentlich kommt niemand in der Senatsverwaltung für Verkehr auf die Idee, die 13 Millionen Euro teure Umgestaltung von 800 Meter Straße als prima Verbesserung für den Radverkehr anzupreisen. Denn dass sie nach mindestens zwei Jahren Slalom während der Bauzeit irgendwann auf vier Meter breiten, grün angemalten Radspuren rollen, dürfte dem normalen Radfahrer relativ egal sein. Denn es gab auf diesem Teilstück kein Problem, weil es dort keine Gefahrenstellen gab.

Die einstige DDR-Prachtmeile dürfte eine der breitesten Straßen Berlins sein

Kein Wunder: Mit 62,50 Metern dürfte die einstige Prachtmeile der DDR eine der breitesten Straßen der Stadt sein. Konflikte um knappen Straßenraum fallen dort aus. Es bleibt Platz für breite Bürgersteige, quer parkende Autos auf dem Mittelstreifen, vier Fahrbahnen, je eine Parkspur rechts und links und obendrein je einen Sicherheitsstreifen zwischen abgestellten Autos und der Luxus-Radspur.

Zur Ehrenrettung der Behörde muss gesagt werden, dass mehr Platz für Radfahrer in der Karl-Marx-Allee nicht die Hauptmotivation für die Umbaupläne war. Es geht auch um Fahrbahnsanierung und Denkmalschutz für die DDR-Moderne, um Sitzbänke, historisierende Gehwegplatten, eine Hecke und allerlei anderes Stadtmobiliar, mit dem Planer gemeinhin die „Aufenthaltsqualität“ zu verbessern pflegen.

Dennoch ärgert mich der teure Umbau. Denn wenn es stimmt, dass Planer in den Ämtern knapp, Geldmittel begrenzt und Bauarbeiter kaum zu bekommen sind, setzt Berlin hier die absolut falsche Priorität. Denn auch Autofahrer hatten auf der 60-Meter-Schneise kein Pro­blem.

Eine Liste der Zumutungen – nicht nur für Radfahrer

Mir fallen jedoch auf Anhieb viele Straßen oder Orte ein, an denen dringendes Handeln geboten wäre. Wo täglich Menschen zu Schaden kommen könnten. Wo Verkehrsteilnehmer sich verletzen oder sterben und es an ein Wunder grenzt, dass nicht mehr passiert.

Nur mal eine Liste der Zumutungen – nicht nur für Radfahrer: Kantstraße, Müllerstraße, Tempelhofer Ufer, Gitschiner Straße, Danziger Straße, Joachimsthaler Straße, Potsdamer Straße, Oranienstraße, Lietzenburger Straße, Hermannstraße, Brunnenstraße und so weiter.

Vergangene Woche verloren zwei Kinder in Berlin ihr Leben. Beide waren mit dem Rad unterwegs. Eine 13-Jährige wurde in Lichtenberg von einer Tram überrollt. Es wäre kein Hexenwerk, ungesicherte Überwege mit akustischen Warnsignalen auszustatten. Das würde das Unfallrisiko senken.

Der Achtjährige hatte Grün, der Lkw-Fahrer auch

Ein Achtjähriger wurde in Spandau von einem rechts abbiegenden Lastwagen überrollt. Er hatte Grün, der Lastwagen auch. Noch längst nicht überall in der Stadt sind die Ampeln so geschaltet, dass für Radfahrer und Autos verschiedene Grünphasen gelten, um solche todbringenden Kollisionen zu vermeiden. Andere Städte lassen sich die Radfahrer an Ampeln vor den Autos auf der ganzen Fahrbahnbreite aufstellen. Das hat für beide Gruppen Vorteile. Die Radfahrer werden gesehen und gewinnen Sicherheit. Die Autos können schneller rechts abbiegen, weil sie nicht eine endlose Schlange von Rädern passieren lassen müssen.

Am Wochenende traf es zwei Radfahrer, beide verletzten sich schwer. Einer wurde auf der Provinzstraße in Reinickendorf von einer unachtsam geöffneten Autotür niedergestreckt, ein anderer auf der Kreuzberger Oranienstraße von einem ausparkenden Auto umgefahren.

Der Preis für mehr Sicherheit: wegfallende Dauerparkplätze

Man kann auch Hauptverkehrsstraßen sicherer machen. Ein Beispiel dafür ist die Warschauer Straße. Früher ein Albtraum mit zwei Autospuren und parkenden Wagen am Rand, wo jede unachtsam geöffnete Tür zu schwerstem Schaden führen konnte. Jetzt gibt es durchgehende Radspuren. Lieferwagen oder Autofahrer auf schneller Besorgung halten in Parkbuchten. Die Lage hat sich entspannt. Der Preis für mehr Sicherheit waren weggefallene Dauerparkplätze. Vom beschworenen Ladensterben infolge ausbleibender Autofahrer-Kunden blieb die Warschauer Straaße im Übrigen verschont.

Für mehr Sicherheit auf den Straßen wird man Konflikte aushalten müssen. Dauerparken am Straßenrand gehört eingeschränkt, um Platz für den rollenden Verkehr auf zwei und vier Rädern zu schaffen. Die vielen zum Teil absurden Gefahrenpunkte von abrupt endenden Radwegen und lebensgefährlichen Einfädelungen auf die Fahrbahnen müssen schnell entschärft werden.

Dazu braucht man kein Mobilitätsgesetz, sondern entschlossenes Vorgehen und zunächst nur ein paar Fahrbahnmarkierungen. Verkehrssenatorin Regine Günter (parteilos, für Grüne) hat nach dem Tod der beiden Kinder angekündigt, alles zu unternehmen, was unsere Straßen sicherer macht. Diesem angeblich wichtigsten Ziel rot-rot-grüner Verkehrspolitik folgt der teure Umbau von 800 Meter Karl-Marx-Allee schon mal nicht.

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