Berlin

Die Pflanzenflüsterin von Berlin

Eva Willig ist Kräuterexpertin und weiß auswendig, wo welche Pflanze wächst. Ihr Traum: Berlin soll zur „essbaren Stadt“ werden.

Kraeutersammlerin Eva Willig

Kraeutersammlerin Eva Willig

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Es ist einer dieser schier unerträglich heißen Berliner Tage dieses Frühjahrs. Erschöpft lässt sich Eva Willig in einen Stuhl im Neuköllner Körnerpark fallen. Zu heiß für einen Kräuterspaziergang, findet die 70-Jährige. Eigentlich wollte sie zeigen, wo man im Kiez wild wachsende, aber trotzdem essbare Kräuter findet. Stattdessen hat sie unterwegs schon wilden Lorbeer und Zitronenmelisse gepflückt. „Den Lorbeer muss man natürlich trocknen, bevor man ihn in der Bolognesesoße mitköcheln lassen kann“, sagt sie. Die Melisse reibt sie zwischen ihren wettergegerbten Fingern. Ein feiner Zitrusduft breitet sich aus. „Die ist kalt zu genießen, in einem Salat.“ Willig kennt sich aus. Kräuter sind ihre Leidenschaft, am liebsten sammelt sie wild wachsende im Stadtpark.

Urbanes Gärtnern liegt voll im Trend

Ein Blick ins Internet zeigt: Mit dieser Vorliebe ist sie nicht mehr allein. Kräuterwanderungen und urbanes Gärtnern sind in Mode in der Hauptstadt. Google zeigt unzählige Angebote für Wildkräuterwanderungen und -kochkurse in seinen Suchergebnissen an. Der „Lange Tag der Stadtnatur“ lädt zu Ausflügen ins Freie ein (siehe Artikel unten). Und die Stiftung Interkultur zählt in Berlin aktuell 85 gemeinschaftliche Gartenprojekte – in Höfen, auf Brachen, zwischen Baumärkten und Bahngleisen werden in sogenannten essbaren Gärten Obst, Kräuter und Gemüse angebaut.

Diese Gemeinschaftsgärten – die alle für alle bewirtschaften, so die Idee – haben ihren Ursprung in den 90er-Jahren. Damals entstanden interkulturelle Gärten, um den Austausch zwischen Deutschen und Migranten zu befördern. In Berlin reichen sie heute von kleinen Flächen mit fünf Gärtnern bis hin zu großen Projekten wie den „Tempelhofer Träumen“, einem 5000 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten auf dem früheren Flugfeld.

Den kennt Willig natürlich auch, er liegt schließlich in direkter Nachbarschaft zu ihrem Kiez. Seit 1965 lebt sie in Berlin, und seit 1977 in Neukölln, direkt neben dem Körnerpark. Hier kennt sie jeden Strauch und jeden Baum. Sie ist ein wandelndes Kräuterlexikon. Auswendig weiß sie, wo welche Pflanze wächst und ob die schon erntereif ist oder noch etwas Zeit braucht. „Dort hinten links wächst gerade Frauenmantel“, sagt sie und deutet in eine Ecke des neobarock angelegten Parks. „Das hilft bei Menstruationsbeschwerden.“

Ihre braunen Haare hat sich Willig zu einem Zopf zusammengebunden. Sie sind mit feinen weißen Strähnchen durchzogen. Ihr T-Shirt ist mit bunten Blumen bestickt. Ihre Füße stecken in ausgelatschten Sandalen. Willig zündet sich ein Zigarillo an und erzählt mit rauchiger Stimme: „Ich bin viel zu früh in die Wechseljahre gekommen, ungefähr mit Anfang 40. Und meinem Arzt ist nichts besseres eingefallen, als mir Hormonpillen zu verschreiben. Das wollte ich nicht.“ Sie hat sich dann einfach ein Buch über Kräuter von einem Freund ausgeliehen, und sich einen eigenen homöopathischen Cocktail zusammengestellt. So kam sie vor rund 30 Jahren zur „Kräuterei“, wie sie es nennt. Mittlerweile hat Willig selbst ein Buch über Kräuter geschrieben („Heilsames Neukölln“, 18 Euro, unter heilsamesneukoelln.de). Außerdem bietet sie regelmäßig Kräuterspaziergänge an – der nächste findet übrigens am 30. Juni um 17 Uhr im Treptower Park statt. Geholfen hat ihr aber auch ihr Wissen aus der Kindheit, ist sich Willig sicher. Denn sie ist in einem kleinen Dorf in Franken aufgewachsen. „Und dort wurde immer gesagt, dass gegen fast alles ein Kraut gewachsen ist“, sagt sie in einem berliner-fränkischen Dialektmix.

Und genau das wünscht sich Willig auch für Berlin: wild wachsende Kräuter und Obstbäume auf kommunalen Grünflächen und in Parks. Frei zugänglich für jedermann. Sie ist sich sicher: Berlin könnte schon lange eine „essbare Stadt“ sein, wenn nur die Politik sich etwas mehr dafür einsetzen würde. Der Senat will nun tatsächlich „einen festen Ansprechpartner für Urban Gardening einrichten und ein gesamtstädtisches Konzept für urbane und interkulturelle Gärten entwickeln“ – so steht es in der Koalitionsvereinbarung der rot-rot-grünen Landesregierung. Vorbild dafür könnte die rheinland-pfälzische Stadt Andernach sein, die sich vor acht Jahren als „essbare Stadt“ neu erfand: Grünflächen wurden mit Tomaten, Schnittlauch und Apfelbäumen bepflanzt, die Einwohner können frei ernten.

In Pankow wurden vor allem Obstbäume gepflanzt

Dass es funktionieren kann, zeigt auch der Berliner Bezirk Pankow. Hier wurden in den vergangenen drei Jahren, seitdem die Initiative „essbarer Bezirk“ ins Leben gerufen wurde, vor allem Obstbäume gepflanzt. Kräuter allerdings nicht. Das könnte daran liegen, dass einige Menschen Scheu haben, am Boden wachsende Wildpflanzen zu sammeln und zu essen. Ängste, die Eva Willig nicht nachvollziehen kann. „Ein Hund würde nie an Zitronenmelisse pinkeln“, sagt sie und betrachtet die grünen Melisseblätter in ihrer Hand. „Das riecht dem viel zu stark.“

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