Berlin-Wannsee

Minus 110 Grad - Das ist der kälteste Ort Berlins

Am Montag wurde die neue Kältekammer im Immanuel Krankenhaus in Wannsee eingeweiht. Bei minus 110 Grad wird dort unter anderem Rheuma behandelt.

Physiotherapeut Reza Ashnani beobachtet den Patienten in der Kältekammer – und erinnert ihn daran, in Bewegung zu bleiben

Physiotherapeut Reza Ashnani beobachtet den Patienten in der Kältekammer – und erinnert ihn daran, in Bewegung zu bleiben

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Wannsee. Vor Reza Ashnani stehen zwei halb nackte Männer mit Stirnband, Mundschutz und Bauarbeiterhandschuhen. Nach einer kurzen Einweisung betreten sie eine Kammer, die so vernebelt ist, dass sie nur noch mit Mühe zu erkennen sind. „Ich spiele für Sie jetzt ein bisschen Musik, damit es nicht so langweilig da drinnen wird. Denken Sie daran, die ganze Zeit in Bewegung zu bleiben, da drin sind es Minus 110 Grad.“ „Despacito“, der Sommerhit des vergangenen Jahres, schallt durch die Kammer. Reza Ashnani bewegt seine Hüften im Takt, während die Männer ihre Runden in der Kammer drehen. Nach drei Minuten verlassen sie den Raum wieder mit einem Grinsen im Gesicht: „Ich fühle mich unglaublich“, sagt einer von ihnen und reckt beide Daumen nach oben.

Was wie die Probe der „Rocky Horror Show“ anmutet, ist anerkannte Medizin auf hohem Niveau: Ganzkörperkältetherapie. Diese Therapieform soll vor allem chronisch kranken Schmerzpatienten bei der Linderung ihrer Beschwerden helfen. Am Montag wurde die neue Kältekammer im Immanuel Krankenhaus in Wannsee von Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) offiziell eingeweiht. Gemeinsam mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) will sie die Stadt bis 2030 zum führenden Gesundheitsstandort Europas machen. Dazu gehört auch die Investition in den kältesten Ort Berlins.

„Es ist mir nicht nur wichtig, Gesundheitspolitik zu machen, sondern auch in die Krankenhäuser zu gehen“, sagte Kolat. Sie wolle vor Ort sein, um zu sehen, wie das Land Berlin die Krankenhäuser noch besser unterstützen könne. Dabei geht es oft um großangelegte Investitionen wie die Kältekammer, die 300.000 Euro gekostet haben soll. Die alte Kammer konnte in den letzten Jahren aufgrund eines Defekts nicht mehr genutzt werden. So ist es die dritte Kältekammer, die das Immanuel Krankenhaus seit 1989 in Betrieb nimmt. 90 bis 100 Patienten nutzen diese Kammer täglich.

Alle zehn Jahre eine neue Kammer? Das hört sich nicht nach einer langlebigen Konstruktion an. „Mein Kühlschrank geht jetzt auch schon im 17. Jahr, werden sich einige denken“, sagt Roy Noack, Geschäftsführer des Immanuel Krankenhauses. Aber auch wenn die Wartung und die Neubeschaffung der Einrichtung teuer seien, lohne sich der Aufwand: „Unsere Patienten sind immer wieder begeistert über die Wirkung dieser Kältekammer.“ Gerade in den letzten Jahren seien viele enttäuscht gewesen, dass die Ganzkörperkältetherapie nicht genutzt werden konnte. Heute seien sie unglaublich dankbar, dieses Angebot wieder in Anspruch nehmen zu können.

Den Grundstein für die Kältetherapie legte der japanische Arzt Toshima Yamauchi bereits in den 70er-Jahren. Der Rheumatologe erkannte, dass die gezielte Anwendung von Kälte mit bis zu minus 110 Grad Celsius besonders bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen, aber auch mit Atemwegs- und Hautproblemen wirksam ist.

„Ich könnte sofort losrennen, habe keine Schmerzen mehr“

Auch Sportler nutzen die sogenannte Kryotherapie – zum Stärken der Muskeln, zur Entspannung oder auch, um Verletzungen vorzubeugen. Ein Großteil der Patienten habe aber Gelenkbeschwerden, erklärt Physiotherapeut Reza Ashnani und zeigt auf den Mann, der eben noch in Badehose und Turnschuhen seine Runden in der Kältekammer gedreht hat und nun zufrieden lächelt: „Ich könnte sofort losrennen oder sogar losfliegen. Jetzt gerade habe ich überhaupt keine Schmerzen mehr“, sagt der Mann nach dem Besuch der Kammer. Der gelernte Landschaftsgärtner aus Reinickendorf kann seine Arbeit aufgrund seiner chronischen Gelenkbeschwerden nicht ausüben. Die Schmerzen, die ihn seit über 20 Jahren begleiten, kommen in Schüben. „Dann geht eigentlich gar nichts mehr. Entweder muss ich mich medikamentös behandeln lassen oder ich gehe eben in die Kältekammer.“ Die Behandlung mit Kälte habe den Vorteil, dass sie ihm nicht nur direkt nach Verlassen der Kammer Linderung verschafft, sondern auch langfristige Besserung verspricht. Ashnani erklärt, dass der Körper direkt nach der Behandlung wesentlich empfänglicher für physiotherapeutische Einheiten sei, weil der Körper keinen Schmerz verspüre. Außerdem helfen auch die freigesetzten Endorphine, damit Patienten danach „sehr gut drauf sind“.

Als vor 30 Jahren im Immanuel Krankenhaus die erste Kältekammer der Stadt als Therapieform eingesetzt wurde, gehörte Mut zu dazu, sagt Gesundheitssenatorin Dilek Kolat. Damals sei die Therapie neu gewesen und trotzdem habe das Krankenhaus den Schritt gemacht. „Das finde ich großartig, gerade in einer Zeit, in der die Stadt mit der Hitze ringt, kann ich den kältesten Ort in Berlin besuchen. Das ist auch für mich als Gesundheitssenatorin eine spektakuläre Angelegenheit.“ So muss sich die SPD-Politikerin nicht lange überreden lassen, eine schnelle Runde in der Kältekammer zu drehen. Sie hat sich vorgenommen, einen umfassenden Einblick in die Therapie-Angebote des Immanuel Krankenhauses zu bekommen. Nach wenigen Augenblicken taucht sie aus dem dichten Nebel wieder auf und kehrt in den Vorraum zurück: „Die Temperatur war nicht so schlimm, wie ich das erst angenommen habe. Ich kann das gar nicht beschreiben. Ich fühle mich erfrischt!“

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