Unfall an der Kantstraße

„Ein Knall – dann traf das Auto die Frau“

Die Polizei ermittelt den Unfallhergang in Charlottenburg. Augenzeugen berichten von der Verfolgungsjagd und den verheerenden Folgen.

Berlin. Eine junge Frau legt einen Strauß Rosen an einen Stromkasten. Dort liegen bereits Blumen. Mehrere Minuten steht sie regungslos davor. Es sieht so aus, als ob sie sich die schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht wischen will. Doch es fließen Tränen. Sie gedenkt – wie einige andere Passanten – der 22-jährigen Frau, die am Mittwochabend bei einem Verkehrsunfall an der Kreuzung Kant-/Windscheidstraße in Charlottenburg starb. Den hatte ein mutmaßlicher Dieb bei seiner Flucht vor der Polizei verursacht. Ein tragisches Ereignis. Die Berliner Morgenpost hat das Geschehen rekonstruiert.

Ein Diebstahl: Polizei nimmt die Verfolgung auf

Vor dem schweren Unfall beobachteten Zivilfahnder in der Westfälischen Straße in Wilmersdorf drei Personen, die aus einem aufgebrochenen Ford Transit Werkzeuge in ihren silbernen Audi A6 luden und dann wegfuhren. Die Polizisten forderten Unterstützung an und nahmen die Verfolgung auf.

An der Lewishamstraße kurz vor dem Stuttgarter Platz konnten sie das Auto stoppen. Sie keilten es ein. Mehrere Polizisten stiegen aus und gingen zu dem Auto. In dem Moment rammte der 27-jährige Fahrer des Audis die Polizeifahrzeuge, fuhr über den Mittelstreifen und flüchtete über die Gegenfahrbahn. Dann bog er links zum Stuttgarter Platz ab, anschließend rechts in die Windscheidstraße. An der Kantstraße fuhr er bei Rot auf die Kreuzung.

Der Aufprall: Wie es zu dem tödlichen Unfall kam

Als er auf die Kreuzung fuhr, stieß der Audi-Fahrer mit einem Skoda zusammen, mit dem eine 55-Jährige in der Kantstraße in Richtung Kaiser-Friedrich-Straße unterwegs war, und anschließend mit einem VW Passat, mit dem eine 62-Jährige in Richtung Suarezstraße fuhr. Durch die Zusammenstöße geriet der Fluchtwagen ins Schleudern. Dabei überfuhr oder erfasste er die junge Frau, die laut Augenzeugen gerade ihr Rad über die Straße schob. Rettungskräfte versuchten noch, die Frau zu reanimieren – allerdings ohne Erfolg.

Nach versuchter Flucht: Die Festnahme des Fahrers

Nach dem tödlichen Zusammenstoß gab der Fahrer ungerührt weiter Gas und schleuderte über die Windscheidstraße. Als sein Auto zum Halten kam, versuchte der 27 Jahre alte Fahrer zu Fuß über die Pestalozzistraße in Richtung Suarezstraße zu fliehen – wurde aber nach wenigen Metern festgenommen. Seine Beifahrer wurden im Wagen aufgegriffen und ebenfalls festgenommen. Tatfahrzeug und Führerschein des 27-Jährigen wurden beschlagnahmt.

Die Opfer des Unfalls: Eine Tote, mehrere Verletzte

Die 22-Jährige starb noch am Unfallort, nachdem sie von dem betrunkenen Fluchtwagenfahrer getroffen wurde. Wie die „B.Z.“ berichtet, war die junge Frau eine Studentin, die mit ihrer Familie in Reinickendorf lebte. Insgesamt wurden sechs Menschen bei dem Unfall verletzt: Ein Zivilfahnder wurde eingeklemmt, als der Fahrer mit seinem Audi die Polizeifahrzeuge rammte. Er war zuvor ausgestiegen und auf den Audi zugegangen. Der Beamte wurde an den Beinen verletzt, konnte das Krankenhaus aber in der Nacht wieder verlassen. Auch die beiden 62 und 55 Jahre alten Autofahrerinnen, mit denen der Audi-Fahrer auf seiner Flucht in der Kantstraße zusammenstieß, mussten stationär in Kliniken aufgenommen werden. Die Beifahrer des 27-Jährigen, 18 und 14 Jahre alt, waren nach dem Zusammenstoß mit den geparkten Fahrzeugen schwer verletzt im Auto zurückgeblieben. Der Fahrer wurde selbst schwer verletzt. Die drei Personen wurden ins Krankenhaus gebracht – und dort von der Polizei bewacht.

Die Augenzeugen: „Unfälle zerstören ganze Familien“

Am Tatort erlitten mehrere Menschen einen Schock – Notfallseelsorger kümmerten sich um sie. Ein Augenzeuge betreibt wenige Meter entfernt ein iranisches Restaurant. „Ich habe einen Knall gehört und gesehen, wie die Frau von dem Auto getroffen wurde. Ich bin sofort an die Unfallstelle gerannt und habe gesehen, wie die Frau blutend auf dem Boden lag“, erinnert er sich. Ein anderer Mann sagt: „Was mich als Vater von einem zweijährigen Kind aufregt: Wir erleben andauernd diese Raser hier an der Kantstraße oder am Kudamm. Die Unfälle zerstören ganze Familien“, sagt er. Am späten Nachmittag rief die Initiative Volksentscheid Fahrrad zu einer Mahnwache auf. Dutzende Radfahrer gedachten dort still mit Plakaten der Getöteten.

Die mutmaßlichen Täter: Auto gehörte nicht dem Fahrer

Wie die Polizei am Donnerstagvormittag mitteilte, sei der 27 Jahre alte Fahrer des flüchtenden Audi betrunken gewesen. Er sei wie sein Komplize Serbe, der 14-Jährige sei serbisch-montenegrinischer Herkunft. Ob die drei verwandt sind, will die Polizei aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht sagen. Der Fahrer sei noch „nicht in Erscheinung getreten in Berlin“, so eine Polizeisprecherin. Seine Begleiter jedoch seien der Polizei als Autoeinbrecher bekannt. Wie sich herausstellte, gehört der Wagen nicht dem Fahrer. Er sei aber auch nicht als gestohlen gemeldet.

Ermittlungen: Fahrer erhält Haftbefehl

Der 27-Jährige erhielt am Donnerstagabend im Krankenhaus einen Haftbefehl, wie die Polizei mitteilte. Ein Gutachten soll unter anderem klären, wie schnell der Fluchtfahrer unterwegs war, ob er den Polizisten und die junge Frau absichtlich angefahren hat und inwiefern der Angetrunkene überhaupt zurechnungsfähig war.

Es wird aber auch untersucht, ob die Polizei richtig gehandelt hat. Ob es notwendig war, die Diebe auf der gesamten Strecke zu verfolgen. „Wir müssen immer abwägen. Wenn absehbar ist, dass unbeteiligte Personen bei der Verfolgungsfahrt verletzt werden, kann sie vorzeitig abgebrochen werden“, sagte eine Polizeisprecherin der Berliner Morgenpost am Donnerstag.

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