Kinderbetreuung

Deshalb verzögert sich der Kita-Ausbau in Berlin

Die Bezirke gaben im vergangenen Jahr 31 Millionen Euro nicht aus. 34 Projekte mit Tausenden Plätzen werden später fertig.

Eltern in Berlin suchen händeringend nach Kita-Plätzen

Eltern in Berlin suchen händeringend nach Kita-Plätzen

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Büttner / picture alliance / ZB

Berlin.  Der Kindertagesstättenausbau in Berlin verzögert sich. Von den 63,9 Millionen Euro, die für das Jahr 2017 für den Ausbau zur Verfügung standen, konnten lediglich rund 32,5 Millionen ausgegeben werden. 34 Anträge auf Aus- oder Neubau einer Kita, die ein Volumen von rund 30,8 Millionen Euro haben, mussten in das aktuelle Jahr 2018 verschoben werden. Das ergibt ein Bericht, den das Berliner Abgeordnetenhaus von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie erhielt, in dem der Stand des Kitaausbaus dargestellt wird.

Danach werden das Landesprogramm „Auf die Plätze, Kitas, los!“, das den Kita-Ausbau fördert, und Gelder des Bundes als Grundlage für den „forcierten Kitaplatzausbau“ gesehen. 92 Projekte konnten so im vergangenen Jahr realisiert werden – darunter 76 Neu- oder größere Umbauten. Von der Senatsbildungsverwaltung heißt es, man habe durch den Ausbau 3980 neue Kita-Plätze geschaffen.

Allerdings konnten in 34 Fällen die Bauvorhaben im Jahr 2017 nicht realisiert werden. Damit verzögerte sich die Einrichtung von mehreren Tausend Kitaplätzen. Dabei ist die Not groß. Erst vor zwei Wochen hatten Tausende Eltern wegen der Kita-Krise in Berlin demonstriert. Als Grund für die Verzögerungen werden Probleme mit der Baugenehmigung, versteckten Baumängeln oder ungeklärten Grundstücksfragen genannt. „Zudem wurden verstärkt Anträge mit großen und komplexen Bauvorhaben eingereicht“, heißt es weiter. „Für diese Vorhaben bestehen wesentlich erhöhte Anforderungen an die Bau- und Finanzplanung sowie an die Vergabeverfahren.“ Deshalb habe man die Bauzeitplanung „in vielen Fällen“ nicht einhalten können.

„Es verzögert sich relativ viel“, bestätigte auch Jugendstadtrat Gernot Klemm (Linke) aus Treptow-Köpenick. Sein Bezirk liegt mit rund 2,4 Millionen Euro Fördergeld im Berliner Mittelfeld, allerdings wurden damit 425 zusätzliche Plätze geschaffen. Damit liegt er in der Spitzengruppe unter den Bezirken.

Es fehlen die Baufirmen und die Gewerke

Aber auch Klemm musste erleben, wie ihm 2017 kurzfristig ein geplanter Kita-Bau für 1,2 Millionen Euro Fördergeld wegfiel, weil der Grundstückseigentümer unerwartet aus dem Vorvertrag ausgestiegen war. Damit konnten 120 Plätze nicht entstehen, die der Bezirk dringend braucht. „Uns fehlen im Moment 400 Kitaplätze“, schätzt Stadtrat Klemm. Ein weiteres Problem sei, dass „man keine Baufirmen mehr findet“. Außerdem dauert die europaweite Ausschreibung, die inzwischen gefordert wird, ihre Zeit.

Das Fördergeld ist also da und eigentlich unkompliziert abrufbar, trotzdem kann man häufig nicht gleich loslegen. Ein ähnliches Bild ergibt sich auch in Friedrichshain-Kreuzberg. Hier sind die Kitaplätze besonders begehrt, die Wartelisten besonders lang. Trotzdem wurden 2017 nur rund 820.000 Euro Fördergeld abgerufen – deutlich weniger als bei den Spitzenreitern Marzahn-Hellersdorf (5,8 Millionen Euro) oder Tempelhof-Schöneberg (fünf Millionen Euro). Tatsächlich berate die Senatsverwaltung für Bildung beim Ausbau sehr kompetent, heißt es dort. Die Probleme seien oft andere. „Bei uns ist die Flächenkonkurrenz besonders hoch“, so Sara Lühmann, Pressesprecherin des Bezirks. Grundstücke sind in diesem attraktiven Bezirk von Investoren begehrt, werden oft teuer verkauft und bebaut. Was man ausbauen konnte, habe man meist bereits getan. Deshalb seien hier 2017 durch die Fördergelder nur 130 neue Kitaplätze entstanden. Damit ist man Schlusslicht unter den zwölf Bezirken.

Zunehmend wirkt sich auch der Erziehermangel auf den Kita-Ausbau aus. Manche Träger, so hört man aus den Bezirken, zögerten mit ihren Projekten, weil sie nicht wüssten, wo sie anschließend die Erzieher finden sollen. „In Berlin gibt es viel leer stehenden Raum, der mangels Fachpersonal nicht zu einem Kitaplatz werden kann“, sagt Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) aus Neukölln. Der Fachkräftemangel wirkt sich also auf die Zukunft der Stadt aus. Denn klar sei, dass bei „der dynamischen Bevölkerungsentwicklung“ künftig mehr Kitas benötigt würden, so Liecke.

Sorge vor schlechter Qualität der Erzieherausbildung

Zusätzliche Erzieher – ob in klassischer Ausbildung oder als Quereinsteiger – sind also auch für den Kitaausbau entscheidend. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt allerdings davor, dass durch den Druck die Qualität der Erzieherausbildung immer schlechter wird. 5000 zusätzliche Erzieher benötige man bis 2020, glaubt GEW-Chefin Doris Siebernik. Doch häufig seien die Arbeitsverträge von Quereinsteigern „prekär“. 450-Euro-Jobs kämen immer wieder vor. Ähnlich desolat sieht die Lage an den Fachschulen für Sozialpädagogik aus. Hier drängten immer mehr private Anbieter auf den Markt, es habe ein „regelrechter Wildwuchs“ eingesetzt. „Diese Privatschulen werden de facto nicht von der Schulaufsicht kon­trolliert“, so Fred Michelau, Leiter der staatlichen Jane-Addams-Schule für Sozialwesen. Es fände eine „Deprofessionalisierung der Ausbildung“ statt, sagt er.

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