Raser in der City West

Rechtsexperte rechnet mit hoher Strafe für Fluchtfahrer

Bei einer Verfolgungsfahrt durch die City West starb eine Frau. Strafrechtsprofessor Lucian Krawczyk über ein mögliches Strafmaß.

Nachgezeichnetete Schleifspuren sind auf der Straße in der Kantstraße, Ecke Windscheidstraße, zu sehen

Nachgezeichnetete Schleifspuren sind auf der Straße in der Kantstraße, Ecke Windscheidstraße, zu sehen

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin. Immer wieder enden Raserfahrten tödlich. Wie unterschiedlich das Strafmaß für die Fahrer ausfallen kann, zeigt der Fall der Kudamm-Raser. Bei einem illegalen Autorennen kam 2016 ein Unbeteiligter zu Tode. Laut Berliner Landgericht war das Mord. Der Bundesgerichtshof (BGH) kippte das Urteil. Was erwartet die Fluchtfahrer von der Kantstraße? Harte Strafen, sagt Lucian Krawczyk, Professor für Strafrecht an der Hochschule für Wirtschaft und Recht.

Herr Krawczyk, in der Nacht zu Donnerstag sind drei Männer nach einem versuchten Diebstahl vor der Polizei geflohen. Sie sind durch die Stadt gerast, haben mehrere Menschen verletzt und eine Fußgängerin getötet. Welche Strafe erwartet die Täter?

Lucian Krawczyk: Das können die Richter natürlich erst dann entscheiden, wenn der Fall in allen Einzelheiten untersucht ist. Nach dem, was wir aktuell wissen, liegen zwei Taten vor: Nachdem die Polizei das Fluchtauto eingekeilt hatte, ist es auf den Beamten zugefahren. Das ist Widerstand gegen Polizisten in besonders schwerem Fall, hinzu käme gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, mit der Absicht, eine vorangegangene Tat – den Diebstahl – zu verdecken. Und gefährliche Körperverletzung, das Fahrzeug wurde hier regelrecht als Waffe gegen den Polizisten eingesetzt. Das könnte Haftstrafen bis zu zehn Jahren geben. Wenn die Staatsanwaltschaft einen Tötungsvorsatz nachweisen kann, könnte das sogar als versuchter Mord gewertet werden. Da käme bis zu lebenslängliche Haft infrage.

Und die zweite Tat?

Das ist die Tötung der Passantin. Aber das ist wohl nicht vorsätzlich passiert. Das wäre dann fahrlässige Tötung und Gefährdung des Straßenverkehrs. Das kann bis zu fünf Jahren geben.

Und dann werden die Strafen einfach zusammengezählt?

Nein. Es sind zwar zwei Taten, aber die werden zusammen bestraft. Aber nicht im Sinne: Zehn plus fünf Jahre ergibt 15 Jahre Haft.

Die Täter waren extrem schnell unterwegs, mitten in Charlottenburg. Seit dem Prozess der Kudamm-Raser wissen wir: Stirbt dabei jemand Drittes, kann das auch als Mord gewertet werden. Auch bei diesem Fall?

Meiner Meinung nach nicht. Außerdem ist das Urteil gegen die Kudamm-Raser mit stichhaltiger Begründung aufgehoben worden.

Aber die Gesetze wurden verschärft.

Das stimmt. Es gibt eine neue Straftat, das illegale Autorennen, mit zusätzlicher Strafschärfung, wenn der Tod eines Menschen verursacht wird. Aber im aktuellen Fall ging es nicht um Geschwindigkeit an sich. Das war eine Flucht.

Aber haben diese Männer nicht den Tod von Passanten billigend in Kauf genommen? Sie sind ja nicht auf der Autobahn gerast, sondern durch ein belebtes Wohnviertel.

Das wäre eine ähnliche Argumentation wie bei den Kudamm-Rasern. Da wurde der Tötungsvorsatz ja durch den BGH gekippt. Und: Leute, die auf der Flucht sind, die wollen schnell weg, und nicht in einen Unfall verwickelt werden.

Der Fahrer war unter Alkoholeinfluss. Kann es sein, dass er deswegen eine geringere Strafe bekommt?

Das dürfte sich eher nachteilig für den Täter auswirken. Er ist vermutlich in fahruntüchtigem Zustand gefahren. Strafminderung kommt sowieso erst ab einem Richtwert von zwei Promille infrage.

Und das würde die Strafe drücken?

Auch dann ist die Frage: War er deswegen strafunfähig? Das scheint eher nicht der Fall. Es kann sein, dass er durch den Alkohol enthemmt war, andererseits scheint er gezielt auf den Polizisten zugefahren zu sein und war zu einem Fluchtmanöver in der Lage.

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