Berlin

Muss die Polizei Türkisch und Arabisch sprechen?

Eltern kritisieren nach Großeinsatz mangelnde Fremdsprachenkenntnisse. Polizei wehrt sich dagegen

Nach dem Fehlalarm an der Wilhelm-Hauff-Grundschule in Gesundbrunnen, der am Dienstagmorgen einen Großeinsatz der Polizei auslöste, verteidigt sich die Polizei gegen Kritik an ihrem Vorgehen. Einige der Eltern erhoben Vorwürfe, die Polizei hätte mit ihnen nur unzureichend oder gar nicht auf Arabisch oder Türkisch kommuniziert. Außerdem habe es nicht genügend Einsatzkräfte mit entsprechenden Sprachkenntnissen gegeben.

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Norbert Cioma, wies die Kritik am Mittwoch in einer Erklärung bei Twitter zurück. Die Einsatzkräfte hätten in der unübersichtlichen Lage alles getan, um alle Personen in Sicherheit zu bringen und Entwarnung geben zu können. Die Vorwürfe seien eine „bodenlose Frechheit“. „Ich glaube kaum, dass Polizisten bei einem Vorfall in Istanbul auf Deutsch, Spanisch oder Kiswahili informieren“, heißt es darin. „Vielleicht sollten wir in solchen Fällen mal darüber reden, dass die Schulverwaltung und die Bezirke schnellstmöglich Übersetzer und andere Unterstützung im Rahmen der Krisenintervention an den Ort bringen“, so Cioma. Die Polizei betonte am Mittwoch erneut, dass bei dem Einsatz alle Durchsagen auf Deutsch, Türkisch und Arabisch zu hören waren.

Die Kinder waren gruppenweise zum Innenhof eines Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite gebracht worden. Dort wurden sie von Schulpsychologen und Notfallseelsorgern betreut. Bevor es Gewissheit gab, spielten sich dramatische Szenen ab: Eltern drängten sich hinter dem Absperrband, manche schrien und weinten, weil sie nicht zu ihren Kindern durchgelassen wurden.

Da man von einer „Gefahrenlage“ ausgegangen war, hatte die Polizei die Schule am Dienstagmorgen geräumt und mit einem Spezialeinsatzkommando (SEK) vom Keller bis zum Dach durchsucht. Das Gelände war weiträumig abgesperrt worden – so auch die Prinzenallee und die Gotenburger Straße. Über dem Gebiet kreiste ein Polizeihubschrauber und viele Polizisten patrouillierten schwer bewaffnet mit Maschinenpistolen im Nahbereich der Schule. Insgesamt waren rund 250 Polizisten im Einsatz. Auch ein Räumpanzer und mehrere Krankenwagen standen während des Großeinsatzes bereit.

Erst nach etwa drei Stunden teilte die Polizei mit, keine verdächtigen Personen oder Gegenstände gefunden zu haben. Nachdem die Identität des Anrufers zunächst nicht geklärt werden konnte, wurde am Mittwoch bekannt, dass es sich um einen 17-jährigen Jugendlichen handelt. „Es wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Missbrauchs von Notrufen eröffnet“, sagte ein Behördensprecher. Der Jugendliche wohnt den Angaben zufolge in der Nähe der Schule. Ob er dort in der Vergangenheit auch Schüler war, konnte die Polizei zunächst nicht sagen.

Auch muss noch ermittelt werden, ob er den Notfall womöglich vorgetäuscht hat oder tatsächlich zwei Männer gesehen hat, die – wie er den Beamten gegenüber schilderte – bewaffnet in die Schule liefen.

Sollte sich herausstellen, dass seine Beobachtungen stimmen, hat der junge Mann nichts zu befürchten. „Das ist dann nichts anderes, als wenn jemand einen verdächtigen Gegenstand am Bahnhof meldet, der sich als harmlos herausstellt“, sagt Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin. Sollte er die Beamten bewusst getäuscht haben, müsse er jedoch „mit strafrechtlichen Konsequenzen“ rechnen.

Der Missbrauch von Notrufen kann laut Strafgesetzbuch mit einer Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bestraft werden. Die Staatsanwaltschaft wollte sich auf Nachfrage noch nicht zu dem Fall äußern. Details zur Person des Anrufers wollte auch die Polizei am Mittwoch wegen laufender Ermittlungen nicht preisgeben. „Wichtig ist, dass wir ihn jetzt haben. Das Strafmaß bleibt abzuwarten“, sagte eine Polizeisprecherin.

Schulstadtrat verteidigt Großeinsatz der Polizei

Carsten Spallek (CDU), Schulstadtrat des Bezirks Mitte, verteidigte den Großeinsatz nach dem Fehlalarm. „Wenn nicht auszuschließen ist, dass es sich um einen Amoklauf handelt, haben wir keine Alternative“, sagte er der Berliner Morgenpost. „Falls es sich jedoch um einen vorsätzlich herbeigeführten Fehlalarm handelt, sollte die Tat mit voller Gesetzeshärte bestraft werden“, fügte er hinzu.

Die Grundschule hatte am Dienstag den Schulbetrieb wieder aufgenommen. Laut einer Mitteilung auf der Internetseite der Schule fand der Unterricht auch am Tag nach dem Fehlalarm nach Plan statt. Die Kinder sollen in den nächsten Tagen die Gelegenheit bekommen, sich auszusprechen und Fragen zu stellen.

Am Dienstag seien zudem die Schulpsychologie, die Schulaufsicht und eine Präventionsbeauftragte dagewesen, um die Kinder mit ihren Ängsten und Sorgen zu begleiten. „Wir sind nun sehr erleichtert, dass tatsächlich keine Gefahr bestand, die Polizei so schnell vor Ort war und konsequent gehandelt hat“, so Schulleiterin Sandra Harder.

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