Erinnerungsort

Stolperstein-Aktion für jüdische Berliner in Wilmersdorf

Die Nachfahren der in der NS-Zeit verfolgten jüdischen Berliner sind bestürzt über die jüngsten Äußerungen des AfD-Vorsitzenden.

Die Nachkommen der NS-Opfer Tal Zernik, Ruth Kovacsi und Eren Ofer (v.l.) waren zu der Gedenkzeremonie am Mittwoch

Die Nachkommen der NS-Opfer Tal Zernik, Ruth Kovacsi und Eren Ofer (v.l.) waren zu der Gedenkzeremonie am Mittwoch

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Viele waren gekommen zu diesem denkwürdigen Tag. Nachbarn, Hausbewohner, Berliner und 20 Hinterbliebene, die eigens aus Israel angereist waren, als am Mittwoch die Stolpersteine ihrer ermordeten Angehörigen während der Nazizeit in der Duisburger Straße 16 in Wilmersdorf in den Gehweg eingelassen wurden. Sieben Steine. Sieben Schicksale. Von „Menschen, die keine Gräber haben“, betont der Hausvorstand bei der feierlichen Zeremonie vor seiner Tür. Darunter Namen wie Max und Hedwig Zernik. Deren Kinder es schafften vor den Nazis zu fliehen, während sie als Eltern voraussichtlich 1942 umkamen.

Ihnen soll nun ein Denkmal gesetzt werden. Mit bei der Zeremonie ist eine der Enkelinnen der Zerniks, Ruth Kovacsi (71). Sehr „emotional erregt“ sei sie gewesen beim Besuch hier. In Deutschland war sie schon mal, aber noch nie in Berlin. Und noch nie an dem Ort, wo ihre ermordeten Großeltern einst lebten. Sie selbst kennt diese nur von Bildern. „Ich wünschte, ich hätte sie kennenlernen können. Ihre Art zu leben und das Leben zu genießen.“ Ruth ist mit ihrem Mann gekommen. Ihre Kinder konnten aus beruflichen Gründen leider nicht anwesend sein. Dafür viele andere Enkel und Urenkel. Sie alle sind überrascht, dass so viele Anwohner Anteil am Schicksal ihrer Familie nehmen.

Deutschland und die Vorfahren waren Tabuthema

Hubertus Regner, Mitbegründer der Stolperstein-Initiative war hocherfreut so viele Nachfahren zu dem Anlass begrüßen zu dürfen. „Ich denke, dass ist einmalig in unserer ganzen Projektzeit“, sagt Regner stolz. Auch eine aktive Hausgemeinschaft hatte sich gefunden, die selbst die Organisation der Verlegungszeremonie übernommen hat.

Monika Schümer-Strücksberg, Mitorganisatorin, hat dafür anderthalb Jahre mit den Hinterbliebenen der Familie in Israel korrespondiert, ihre Geschichte in Erfahrung gebracht und nach der Verlegung noch lange mit den Angehörigen gesprochen. „Ich fand ganz besonders beeindruckend, dass mehrere Familienmitglieder davon sprachen, dass die Vorfahren und Deutschland ein absolutes Tabuthema in der Familie waren.“ Erst jetzt hätten sie angefangen, miteinander darüber zu reden. Auch das Video, welches heute von der Zeremonie gemacht wurde, würde helfen, eventuell auch andere in der Familie zum Reden zu bringen. Denn nicht alle wollten anreisen. Einige taten sich schwer mit dem Schritt nach Deutschland.

Eran Ofer (29) las deswegen die Worte in Namen seiner Familie vor: „Ich hoffe, dass diese Steine die Lücke in unseren Herzen schließen können.“ Eran ist einer von 78 Nachkommen der Familie Zernik. „Ich kann das verstehen, wenn sich jemand unwohl fühlt, bei dem Gedanken hier zu sein. Man sollte dabei immer verstehen, was ihnen widerfahren ist.“ Seit 2011 erinnert am Anfang der Straße eine Gedenktafel an die mehr als 100 Juden, die während der NS-Zeit in der Duisburger Straße lebten und an die heute Dutzende Stolpersteine erinnern.

AfD-Wahlergebnisse würden nicht Mehrheit widerspiegeln

Die Gedenkfeier kommt in einem Moment, in dem es viel Kritik an der AfD wegen der Relativierung des Holocausts gibt. Der AfD-Parteivorsitzende Alexander Gauland hatte am Wochenende öffentlich formuliert, die NS-Zeit sei ein „Vogelschiss“ im Verhältnis zu 1000 Jahren deutscher Geschichte gewesen. Eran Ofer hört diese Worte nach der Veranstaltung das erste Mal. „Ich habe den Glauben an eine strikte Aufarbeitung des Holocaust verloren“, sagt der junge Ingenieur. „Staatliche Sicherheit bekommen Juden in keinem Land der Welt mehr. In Israel lernst du, selbst für deine Sicherheit zu sorgen.“ Auch bekräftigt er, dass man sich immer wieder von Neuem einer solchen Verklärung der Geschichte stellen müsse. „Solange es solche Leute gibt, müssen wir vorsichtig sein. Denn sie sind die böse Fratze der Unmenschlichkeit.“

Architekturstudentin Tal Zernik (25), die Urenkelin von Hedwig und Max, sitzt neben Eran, als er diese Worte spricht. Sie war schon oft in Berlin, kennt die Stadt, kennt das Deutschland von heute. Sie weiß, dass es wichtig ist nach vorn zu sehen aber nie die Augen vor dem wieder aufkeimenden Unrecht zu verschließen. Erst wirkt sie fassungslos als sie die Worte des AfD-Vorsitzenden hört. Doch Tal bekräftigt, die zwölf Prozent der AfD bei der letzten Wahl würden nicht die Mehrheit in Deutschland widerspiegeln.

„Ich fordere aber jeden auf bei solchen Aussagen aufzustehen und zu protestieren.“ Sie weiß, dass die Sicherheit von Juden und Jüdinnen in der Welt in einem sehr schlechten Zustand ist und solche Dinge überall gesprochen werden. „Mein Wunsch wäre, dass aufgrund dieser Aussage, ein Alexander Gauland das Parlament verlässt.“ Dann wünscht sie sich noch eines: „Herr Gauland soll sich doch mal mit einem Holocaust-Überlebenden unterhalten, dessen Leidensgeschichte erfahren und dann über seine Worte noch einmal nachdenken.“

Mehr zum Thema:

„Vogelschiss“: AfD-Chef Gauland rudert nach Kritik zurück

Es reicht nicht aus, sich nur über die AfD zu empören

Rabbi und Imam diskutieren mit Schülern über Antisemitismus

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.